WAS IST PEM (POST-EXERTIONAL MALAISE)?
Physiotherapeut*innen betreuen Patient*innen mit Long Covid und anderen Symptomen nach Viruserkrankungen. Seit der Covid-19 Pandemie hat sich die Anzahl dieser Patient*innen verdoppelt - der Fachbegriff für ein häufiges dieser Zustandsbilder lautet Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Ein bestimmendes Merkmal davon ist die Post-Exertional Malaise (PEM).
PEM beschreibt das Auftreten von neuen Symptomen oder die Verschlechterung bestehender Symptome als Reaktion auf physische, kognitive, sensorische und/oder emotionale Überlastung. Das heißt, dass es auf Grund von vielleicht sehr geringen Reizen (körperlich, kognitiv oder emotional) zu einer unverhältnismäßig starken Verschlechterung kommen kann. PEM ist keine normale Reaktion auf (körperliche) Belastung, so wie das z.B. ein Muskelkater wäre, sondern eine deutliche Zustandsverschlechterung durch eine gestörte Aktivitäts-Erholungsreaktion. Dafür gibt es in der Fachliteratur auch noch andere Begriffe:
• „post exertional neuroimmune exhaustion“ (PENE) oder
• „post exertional symptom exacerbation“ (PESE)“
• Betroffene sprechen oft von einem „Crash“.
Das Ausmaß an Überlastung, das zu PEM führt, kann bei Patient*innen sehr unterschiedlich sein und selbst bei einer Person kann die Schwelle zeitlich variieren und einmal höher und einmal niedriger liegen. Das stellt in der physiotherapeutischen Praxis eine große Herausforderung dar, denn PEM darf durch physiotherapeutische Maßnahmen möglichst nicht ausgelöst werden. Die physiotherapeutische Behandlung der Wahl ist hier das Pacing-Konzept, welches symptomlindernd, aber nicht heilend wirken kann. PEM, das Kennmerkmal von ME/CFS, ist auf Grund seiner unterschiedlichen Ausprägungen für Fachleute oft schwer zu erkennen.
Wie äußert sich PEM?
Nicht nur die auslösende Belastung kann sehr individuell sein, sondern auch die dominierenden Symptome. Diese können von der Art des Auslösers, zum Beispiel physisch oder sensorisch, abhängig sein. Eine internationale Umfrage mit über 1500 ME/CFS-Betroffenen hat PEM-Symptome erhoben. Dabei wurden folgende Symptome am häufigsten angegeben:
• Verminderte Ausdauer und/oder Funktionsfähigkeit (99.4%)
• Körperliche Müdigkeit (98.9%)
• Geistige Erschöpfung (97.4%)
• Schwierigkeiten beim Denken (97.4%)
• Nicht-erholsamer Schlaf (87.9%)
• Schlaflosigkeit (87.3%)
• Muskelschwäche/-unsicherheit (87.3%)
• Temperaturschwankungen (86.9%)
• Grippe-artige Symptome (86.6%)
Andere Symptome können allgemeine Muskelschmerzen, generalisierte Gelenksschmerzen, Halsschmerzen, schmerzhafte Lymphknoten, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Probleme beim Urinieren und erhöhte Reizempfindlichkeit sein.
Bei PEM stehen die Schwere und das Zusammenspiel der Symptome nicht in Relation zum Ausmaß des auslösenden Reizes. Im Gegensatz zu einer normalen, Erschöpfungsreaktion wie zum Beispiel Müdigkeit nach intensiver körperlicher Belastung, haben wir es hier mit einer pathologischen Reaktion auf den vorangegangenen Reiz zu tun.
Eine Studie aus 2023 hat ergeben, dass das gezielte Abfragen nach Denkschwierigkeiten, Leistungsabfall und das Ausbleiben von positiven Gefühlen nach einer Belastung (Sport), schnell und genau PEM identifizieren kann. Das Auftreten von PEM kann entweder sofort nach der Belastung oder Stunden oder Tage danach sein. Die Symptome können Stunden, Tage oder Wochen dauern und im schlimmsten Fall bestehen bleiben. Bei schwer betroffenen Patient*innen kann schon ein Lagewechsel oder ein helles Deckenlicht einen Auslöser darstellen.
Was passiert bei PEM?
Folgende Auffälligkeiten können bereits wissenschaftlich fundiert benannt werden:
• Nachweis von Gehirnaktivierung verschiedener Bereiche während und nach Anstrengung
• Beeinträchtigung der Herzfunktion
• Unzureichende Reaktion des angeborenen Immunsystems nach maximaler Belastung
• Zahlreiche krankhafte Veränderungen in Blut, Plasma und Urin nach körperlicher Belastung
• Gestörter Stoffwechsel nach Belastung (unzureichende Energieproduktion, Dysfunktion in den Mitochondrien)
• Veränderungen der Genexpression, welche auf unterschiedliche ME/CFS-Profile und geschlechts-bezogene Unterschiede hinweisen
• Niedrigere anaerobe Schwelle
Eine viel beachtete Studie vom Jänner 2024 zeigte, dass bei Long Covid Patientinnen und Patienten im Zuge von PEM die Struktur der Skelettmuskulatur mit geringerer körperlicher Leistungsfähigkeit verbunden ist. Außerdem wurden lokale sowie systemische Stoffwechselstörungen und schwere belastungsabhängige Veränderungen in der Muskulatur nachgewiesen.
Wie kann man PEM erheben?
Es gibt bereits valide Testmöglichkeiten, aber davor gilt es immer eine gründliche Risiko-Nutzen-Abwägung zu machen, denn PEM kann eine dauerhafte Zustandsverschlechterung bedeuten.
AutorIn
Verena Hackl, BSc MSc