Spiel – Motor der Entwicklung
Die Umgangssprache meint „ein Kinderspiel“ sei eine leichte, einfache Sache. So wird es oft als unproduktiver Zeitvertreib wahrgenommen. Dies wird jedoch der Bedeutung des freien Spiels für die Entwicklung nicht gerecht.
Dieser Artikel soll an einem konkreten Bild beispielhaft aufzeigen, wie ein kleines Kind aus seiner inneren Motivation heraus, spielend Fertigkeiten für viele bedeutende Lebensbereiche erwirbt.
Spiel ist ernsthaftes Erforschen
Anna beschäftigt sich konzentriert mit einem neuen Spielzeug.
Als Erwachsene erkennen wir sofort, dass die Spielgegenstände Fahrzeuge sind, welche Eigenschaften diese haben und wie man damit umgeht. Wir denken und handeln zielgerichtet. Anna jedoch verwendet die Autos ihrem Alter gemäß anders. Sie wird sich aus eigenem Antrieb durch ihre Spielfähigkeit die Kompetenzen für ihr zukünftiges Erwachsensein erst erarbeiten.
Annas Spiel mit Autos
So könnte ihr Spiel abgelaufen sein:
Anna sitzt am Hochstuhl in der Küche, ihre Mutter ist im Raum anderweitig beschäftigt, hat ihre Tochter im Blick. Das Mädchen hält ihr Auto hoch und versucht, es wieder zu den anderen zu stellen. Diese neuen Dinge verhalten sich anders als die Gegenstände, die Anna schon kennt. Manchmal bleiben sie stehen, manchmal rollen sie weg. Das weckt ihre Aufmerksamkeit. Womit hängt das zusammen? Anna experimentiert in vielen Variationen: mit Klopfen, Wischen, Hinstellen und Hochheben.
Sie macht Pausen, betrachtet die Situation, entdeckt Ähnlichkeiten und Unterschiede. Das weiße Ding gefällt Anna am besten. Sie schaut kurz zur Mutter und sucht Blickkontakt, um ihre Freude mitzuteilen. Das Auto bewegt sie auf vielerlei Art, wechselt die Hand, um es aus verschiedenen Winkeln anzuschauen. Die Räder sind spannend, sie glänzen und drehen sich. Sie hält diese an ihre Wange, das Metall fühlt sich kühl an. Sie spürte eine harte Kante.
Beim Hinlegen fällt plötzlich ein anderes Auto zu Boden. Das Geräusch ist neu. Das Auto verschwindet aus ihrem Blick, sie sucht es. Mama kommentiert das mit „Weg ist es! Wo ist es denn?“ und stellt es lächelnd wieder auf den Tisch. Anna wiederholt das Hinunterwerfen mehrmals, sie findet das spannend. Darauf reagiert ihre Mutter zunehmend verändert, sie wird ungehalten, beendet dieses Spiel. Anna wendet sich für kurze Zeit wieder den Autos zu, zeigt dann durch Unruhe, dass sie aus dem Sessel heraus auf den Boden will.
Das Kind nimmt sein Spiel ernst!
- Es ist auf einer Entdeckungsreise zu sich selbst.
- Es erkundet, wie die Welt um es herum beschaffen ist.
- Es will wissen, ob und wie Personen und Dinge auf sein Tun reagieren.
- Es erlebt seine eigenen Interessen und Vorlieben und erhält dabei Bestärkung und Grenzen.
Freies Spielen fördert die Entwicklung auf vielen Ebenen.
Auf sensomotorischer Ebene trainiert Anna ausdauernd ihre Sitzfähigkeit. Die aufrechte Haltung, die Auge-Handkoordination und die räumliche Orientierung sind gefordert. Sie verfeinert die Anpassungsfähigkeit ihrer Arm- und Handbewegungen, um dosiert zu greifen, zu halten und loszulassen.
Im Bereich der Kognition sammelt das Mädchen Erfahrung mit Materialeigenschaften wie Farben, Formen, Gewicht, Oberflächen. Sie entdeckt Ordnungen und Wirkungszusammenhänge und entwirft erste einfache Pläne, experimentiert damit.
Für das Sprechen und Verstehen ist die Kommunikation mit der Mutter wesentlich. Blick und Gesten sind eine Vorbereitung, um später gemeinsam über etwas reden zu können. Weiters erfährt Anna die Bedeutung von Begriffen wie z.B. „glatt“, „rund“, „beweglich“ noch bevor sie die Worte sagen kann. Das angebotene Material bringt Anna auch in Kontakt mit der Zeit und Gesellschaft, in der sie aufwächst. Die Spielfahrzeuge imitieren Gegenstände unserer Alltagskultur.
Es gibt unterschiedliche Formen des Spiels. In diesem Beispiel wurde das Erkunden von Gegenständen beschrieben. Wenn Anna älter ist werden Symbol- und Rollenspiele ihr Repertoire erweitern. Sie wird am Boden mit den kleinen Fahrzeugen durch den Raum fahren, ganze Handlungsfolgen ausprobieren und erlebte Situationen durch Nachspielen begreifen. Damit diese Weiterentwicklung gut möglich wird und ihre Neugier erhalten bleibt sind Gesundheit, Sicherheit, eine stabile Bindung an Bezugspersonen sowie ein motivierendes Umfeld durch Menschen und Gegenstände notwendig.
AutorIn
Maria Decristoforo
Bobath-Lehrtherapeutin EBTA und COPCA-Coach