Sind Tragehilfen für Babys schädlich?
Die positiven Auswirkungen des Tragens auf die Zufriedenheit des Babys und die Erleichterung des elterlichen Alltags sind unbestritten. Ist das Baby in der Trage in einer günstigen Position, sind auch für seinen Bewegungsapparat keine Nachteile zu befürchten. Im Gegenteil: Richtiges Tragen unterstützt die Hüftgelenksreifung und das Kind wird auch motorisch stimuliert, da es jede Bewegung der tragenden Person mitmacht und Gleichgewichtsreaktionen zeigt.
Voraussetzung für die positiven Effekte ist jedoch die richtige Haltung, die die Trage ermöglichen muss: Das Baby ist zur tragenden Person gewandt, sein Rücken ist gerundet, die Beine sind gut angehockt (Knie idealerweise auf Höhe des Bauchnabels) und gespreizt (der Winkel zwischen den Oberschenkeln sollte ca. 90° betragen). Neugeborene zeigen die beschriebene Haltung oft von selbst, wenn man sie auf dem Arm trägt. Zudem sollte die Trage rundum eng anliegen und beim schlafenden Kind den Kopf stützen. Einige (vor allem ältere) Kolleg*innen halten Tragehilfen generell für schädlich, weil es in einigen Fortbildungen so vermittelt wurde – dafür gibt es jedoch keine wissenschaftliche Grundlage. Viele von ihnen sind gar nicht über das inzwischen sehr breite Angebot an verstellbaren Tragehilfen und die Existenz von ausgebildeten Trageberaterinnen informiert. Vor Jahrzehnten war die Situation natürlich noch eine andere und viele Kinder wurden in ungünstiger Haltung in ungeeigneten Tragehilfen getragen.
Auch heute sieht man trotz leicht zugänglicher Informationen zum Thema vielerorts ungünstige oder falsch eingestellte Tragen. Sehr viele Kinder werden mit zu wenig gebeugter Hüfte in die Trage gesetzt, sodass die Beine eher herunterhängen und die Hüftgelenke schlecht unterstützt sind. Oft ist die Trage auch zu locker gebunden bzw. eingestellt, sodass die Wirbelsäule ungenügend gestützt ist und das Baby evtl. sogar schief sitzt.
Generell abzuraten ist davon, ein Baby in der Tragehilfe nach vorne gewandt zu tragen. Dafür gibt es mehrere Gründe, wobei aus physiotherapeutischer Sicht vor allem jene relevant sind, die den Bewegungsapparat betreffen. Schmiegt sich das Baby an die Brust der tragenden Person, ist die weiter oben beschriebene physiologische Anhock-Spreiz-Haltung in einer korrekt und stufenlos einstellbaren Trage problemlos möglich. Der Stoff des Rückenteils liegt fest an und stützt das Baby rundum, während der Steg genau von Kniekehle zu Kniekehle reicht, die Hüftgelenke ideal positioniert und den Druck auf Gesäß und Oberschenkel des Babys verteilt.
Befindet sich das Kind dagegen nach vorne gerichtet in der Trage, mit seinem Rücken an der Brust der tragenden Person, ist keine physiologische Haltung möglich - auch nicht, wenn der Hersteller damit wirbt. Die Beine hängen herunter, das Gewicht lastet auf dem Schritt, die noch nicht vollständig ausgereiften Hüftgelenke sind in einer ungünstigen Position, die Wirbelsäule ist häufig überstreckt, jedenfalls nicht gut gerundet oder rundum gestützt. Eine korrekte Anhock-Spreiz-Haltung ist so nicht möglich. Dazu kommt, dass alle Umgebungsreize ungehindert auf das Kind einprasseln, das sich nicht an Mamas oder Papas Brust „verstecken“ kann.

Abb.: Vorwärtsgerichtetes Tragen sollte vermieden werden.
Lehnt das Kind das korrekte Tragen ab, weil es mehr sehen möchte, gibt es eine bessere Alternative zum vorwärtsgerichteten Tragen: In einer dafür geeigneten Trage kann man das Baby in Anhock-Spreiz-Haltung hoch auf dem Rücken tragen, sobald die Kopfkontrolle zuverlässig funktioniert. Die Aussicht ist bestens, man schadet dem kindlichen Bewegungsapparat nicht und verstecken geht bei Bedarf auch.
Als Physiotherapeutin für Säuglinge empfehle ich jeder Tragemama und jedem Tragepapa, sich genau zu informieren, welche Tragehilfen dem Baby eine physiologische Position ermöglichen und wie diese durch die diversen Einstellmöglichkeiten zu erreichen ist. Viele Hersteller stellen dafür Videos zur Verfügung. Die beste Option ist aber natürlich, eine Trageberatung bei einer Fachperson in Anspruch zu nehmen und sich idealerweise erst dann für eine Trage zu entscheiden – denn nicht jede/r kommt mit dem gleichen Produkt gut zurecht und neben persönlichen Vorlieben können auch der Körperbau der tragenden Person sowie Größe und Gewicht des Babys die Wahl beeinflussen.
Viel Freude beim Tragen!
AutorIn
Kathrin Mattes, BSc, Bakk. rer. nat