"Risky Play": Riskantes Spiel im Freien trägt dazu bei, schweren Verletzungen vorzubeugen.

SICHER UND GESUND AUFWACHSEN

Riskantes Spiel im Freien trägt dazu bei, schweren Verletzungen vorzubeugen. Das unterstützt auch Sicheres Vorarlberg mit dem neuen Kindersicher-heitsprogramm “OBACHT”.


Mario Amann ist der Geschäftsführer von Sicheres Vorarlberg, einer vom Land, den Gemeinden sowie den Sozialversicherungsträgern geförderten Initiative zur Vorbeugung von vermeidbaren, folgenschweren Unfällen: „Wir kümmern uns seit 1997 um Primärprävention, indem wir Menschen bewusst machen, welche Risiken für schwere Unfälle in ihrem Alltag lauern und wie sie diese durch ihr Verhalten vermeiden können. Dazu bieten wir Aufklärung und Ausbildung nahe am Alltag der Betroffenen an. Dabei haben wir Physiotherapeut*innen als kompetente, kreative und engagierte ‚Verbündete‘ kennengelernt, welche unsere Anliegen synergistisch unterstützen. Die Kinderunfallprävention nimmt eine Sonderstellung ein, denn Kinder können Unfallgefahren entwicklungsbedingt noch nicht richtig einschätzen. 

Unsere Haltung „Vom Bewahren zum Bewähren“ stimmt optimal mit den Prämissen von „Risky Play“ überein: Kinder lernen am besten auf spielerische und körperlich aktive Weise, Risikosituationen einzuschätzen und zu bewältigen. Genau diese Art und Weise kindlicher Entwicklung wollen wir fördern.” Physiotherapeutin und Bildungs- und Erziehungswissenschaftlerin Andrea Sturm arbeitet mit Sicheres Vorarlberg im Rahmen von Senior*innen- und Kindersicherheit zusammen: „In den letzten Jahren hat mich das Thema Kindergesundheit stark beschäftigt, auch wegen der rasanten Zunahme von Bildschirmzeit und der Verringerung von Möglichkeiten für Erfahrungslernen in der Gesellschaft. Mittlerweile gelten fast 30% der Kinder in Österreich als übergewichtig, und rund 80% der Kinder zwischen 5 und 17 Jahren weltweit erreichen nach Schätzungen der WHO nicht deren Empfehlungen von 60 Min. körperlicher Aktivität pro Tag. Die tägliche Turnstunde für Kinder, für die sich auch Physio Austria eingesetzt hat, wird in Österreich noch unzureichend umgesetzt. Was machen wir Physiotherapeut*innen dagegen? Man kann schlecht ein Drittel der Kinder Österreichs in Therapie schicken, um ihr Bewegungsverhalten zu verbessern. Mehr gesellschaftliche Aufklärung zur Stärkung der Gesundheitskompetenz ist daher dringend nötig. Risky Play als pädagogische Haltung lasse ich auch in die Therapie mit einfließen. Mir gefällt die Überzeugung von starken und kompetenten Kindern, die in der Lage sind, ihre körperlichen Grenzen im Spiel zu definieren und altersgemäß Risiken einschätzen zu können. In Norwegen, wo die Begründerin des Konzeptes Ellen Beate Hansen Sandseter lebt und forscht, ist es verpflichtend, Risky Play in der Kleinkindbetreuung anzubieten. Auch die Gesellschaft kanadischer Kinderärzt*innen empfiehlt Risky Play als unersetzliche Erfahrung einer gesunden Kindheit. Kinder im Freien auf aufregende und risikoreiche Art und Weise spielen zu lassen, erhöht die Dauer ihrer körperlichen Aktivität um das Zwei- bis Dreifache im Vergleich zum Spielen drinnen. Man kann daher den Wert dessen für die physische und psychische Gesundheit gar nicht hoch genug schätzen. Risky Play ist eine der besten Möglichkeiten der Verletzungsprävention, da die intensiven Erfahrungen zu der Fähigkeit führen, mit Risiken angemessen umzugehen.“

 

Risky Play ist definiert als aufregende und spannende Spielformen, die ein potenzielles Verletzungsrisiko beinhalten. Risikobereitschaft ist ein natürliches Phänomen, wenn Kinder spielen, da sie herausfordernde und riskante Formen des körperlichen Spiels suchen und betreiben. Ambiguität und Ungewissheit gelten als wichtige Merkmale von riskantem Spiel. Beim Risky Play lassen sich Kinder auf etwas ein, das für sie neu und unbekannt ist, was mit dem Gefühl verbunden ist, an der Grenze der Kontrollmöglichkeiten zu stehen, und damit der Möglichkeit, dabei verletzt zu werden. Dies geschieht, obwohl und bis zu einem gewissen Grad auch deswegen, weil diese Art des Spiels mit Ängsten und Nervenkitzel verbunden ist.

 

Sandra König ist die Projektleiterin von “OBACHT”: „Im Rahmen unseres Aufklärungs- und Bildungsauftrages arbeiten wir sowohl mit Expert*innen verschiedener Disziplinen zusammen, als auch mit etablierten Einrichtungen. Beim Kindersicherheitsprogramm “OBACHT” sprechen wir die Zielgruppe der Eltern an, und erreichen diese auch über eine Zusammenarbeit mit Krankenhäusern, Kinderärzt*innen, Hebammen, oder Elternberatungsstellen. Gemeinsame Aktionstage mit Netzwerk Familie zum Thema „Wie viel Sicherheit braucht ein Kind?“ im April dieses Jahres fanden großen Anklang. Ein Vortragsabend zum Thema kindliche Entwicklung und innere und äußere Sicherheit wurde durch einen Workshop zum Thema Risky Play für Elementarpädagog*innen ergänzt, den Andrea Sturm geleitet hat. Viele Teilnehmer*innen berichteten nach dem Workshop, dass sie sich dadurch in ihrer beruflichen Haltung gestärkt fühlen und eine fundierte Argumentationsbasis bekommen haben, um den Ansatz professionell begründen zu können. Nicht nur bei den teilnehmenden Fachpersonen war die Resonanz groß: Als Mario Amann im Frühjahr das Kindersicherheitsprogramm „OBACHT“ in einer Sendung bei Radio Vorarlberg vorgestellt hat, nahm dies der Moderator Matthias Neustädter als Anlass, zum Thema Risky Play eine eigene Sendung zu gestalten. Spielerische Wege, um die nötigen Fähigkeiten für ein aktives, sicheres Leben zu erwerben, sprechen Menschen offenbar sehr an.”

AutorIn

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DBA Mario Amann

Geschäftsführer von Sicheres Vorarlberg

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Sandra König, DGKP

Leiterin Fachbereich Familie und Senior*innen bei Sicheres Vorarlberg

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Dr. Andrea Sturm, MEd, MAS

Physiotherapeutin

Aus der Ausgabe

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2024|06

Bewegt-Magazin Juni 2024

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