Schwangerschaft – eine biomechanische Betrachtung

Schwangerschaft – eine biomechanische Betrachtung

Teil 2: Schwangerschaft ist ein Lebensereignis das mit körperlichen, sozialen und emotionalen Veränderungen einhergeht. Im zweiten Teil des umfassenden Beitrages (Teil 1 erschien in der Dezember-Ausgabe 2025) liegt der Fokus beim Becken und der Wirbelsäule.

Das Becken der schwangeren Frau wird durch das abdominell nach vorne (Bauchraum) wachsende Gewicht zunehmend nach vorne und unten gezogen. Die sich ausdehnende Bauchdecke und die durch hormonelle Einwirkungen verminderte Bauchmuskelfunktion können die vordere Stützfunktion nicht ausreichend erfüllen. Der Brustkorb lehnt sich in der unteren Brustwirbelsäule nach hinten. Kopf und Schultergürtel gleichen diese Gewichtsverlagerung wieder durch einen Schub aus. Dieses Haltungsmuster verstärkt sich vor allem ab dem 2. Trimenon. Aus einer derartigen Dauerbelastung lassen sich Überbelastungssymptome an den Wirbelsäulensegmenten, insbesondere an den Weichteilen, wie der Bandscheibe und den Band- und Muskelstrukturen, ableiten. 

Allgemein werden diese haltungsbedingten Belastungsfaktoren als Grund für Rückenbeschwerden genannt. Studien zur Biomechanik der Schwangerschaft bringen die Erkenntnis, dass diese Haltungsanpassungen große interindividuelle Unterschiede zeigen und der Zusammenhang zum Auftreten von Low Back Pain (LBP „Kreuzschmerzen“) wahrscheinlich, aber als unikausaler Faktor nicht ausreichend wissenschaftlich bewiesen ist. Sehr wahrscheinlich muss das Schmerzgeschehen multifaktoriell betrachtet werden. 

Konstitutionelle Verhältnisse bei der Frau – wie Körpergröße und Beckenform (Breite und Höhe) – sowie vorbestehende Haltungs- und Bewegungsmuster könnten beeinflussende Faktoren sein. Die Art der körperlichen Belastung durch Sport, Beruf und Hobbies prägen das Bewegungsmuster der Frauen und könnten die Haltungsreaktionen während der Schwangerschaft ebenfalls sehr variabel auftreten lassen. 

In der physiotherapeutischen Praxis ist die Behandlung von LBP und Pelvic Pain (Schmerzen im Beckenbereich) bei schwangeren Frauen ein wichtiges Einsatzgebiet. Gezielte Physiotherapie kann dazu beitragen, trotz biomechanischer Belastungsänderungen, bei schwangeren Frauen zu einem ökonomischen Haltungs- und Bewegungsverhalten zu führen. Therapeutische Maßnahmen umfassen den Einsatz manueller Techniken mit dem Ziel, die Spannung und die selektive Wahrnehmung relevanter faszialer Gewebe zu regulieren. Damit wird die Voraussetzung für eine koordinierte muskuläre Bewegungs- und Haltungskontrolle geschaffen. Bereits in der frühen Schwangerschaft sollte mit gezielten Übungen und dem Einsatz von Hilfsmitteln, wie beispielsweise Stützgurten zur Erhaltung der Stabilität und der Bewegungskontrolle im Körperabschnitt Becken- Lendenwirbelsäule, begonnen werden. 

Bauchmuskelübungen werden den jeweiligen Schwangerschaftsstadien angepasst und sind, gekoppelt mit Beckenboden- und Atem-Übungen zur funktionellen Stabilisierung im Rumpf – und bei komplikationsfreiem Verlauf der Schwangerschaft – bis zur Geburt umsetzbar. Für die allgemeine physische Gesundheit gibt es Richtlinien, die das Ausmaß der gesunden 
Belastung definieren. 

Zusätzlich ist es wichtig, die Frauen edukativ zu begleiten – also über die positive Wirkung von Bewegung in der Schwangerschaft zu informieren, sie aber auch gezielt auf Grenzen und Risiken durch zu hohe Belastungen hinzuweisen. Damit erfüllen Physiotherapeut*innen einen wichtigen Anteil an der Gesunderhaltung der Frauen und ergänzen das geburtsvorbereitende medizinisch-therapeutische Team. 


Literatur (die gesamte Literaturliste ist über Physio Austria erhältlich):

Hussein, A., Quiceno, E., Pacheco-Barrios, N., Dhola-ria, N., Pico, A., Barbagli, G., Kelbert, J., Soto-Rubio, D. T., Alhalal, I. A., Al-Arfaj, A. K., Prim, M., & Baaj, A. A. (2024). Lumbar Disc Herniation and Cauda Equina Syndrome During Pregnancy: A Systematic Review. Acta Neurochirurgica, 166(1), 479. https://doi.org/10.1007/s00701-024-06377-4

Physical Activity and Exercise During Pregnancy and the Postpartum Period: ACOG Committee Opini-
on, Number 804. (2020). Obstetrics & Gynecology, 135(4), e178–e188. https://doi.org/10.1097/ AOG.0000000000003772

Vesting, S., Gutke, A., & De Baets, L. (2025). Educa-ting women to prevent and treat low back and pelvic girdle pain during and after pregnancy: A systematized narrative review. Annals of Medicine, 57(1), 2476046. https://doi.org/10.1080/07853890.2025.2476046

 

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Barbara Gödl-Purrer, MSc

Mitglied des Kompetenzteams GUP

Aus der Ausgabe

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2026|03

Bewegt-Magazin März 2026

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