Das war der Geriatriekongress 2021

Der Geriatriekongress 2021 fand online statt. Auch wenn es manchmal anstrengend war, vor dem Computer auszuharren, waren die Themen und Vorträge es wert!

Hier einige Inhalte aus den Vorträgen, die ich für den geriatrisch-physiotherapeutischen Bereich besonders wertvoll halte:

In seiner Keynot-Lecture referierte Alfonso J. Cruz Jentoff (Spanien) zum Thema Sarkopenie. Der natürliche Verlust an Muskelmasse beträgt ab dem 70. Lebensjahr pro Dekade 15%, er ist jedoch unterschiedlich schnell beim Einzelnen, je nach Aktivitätslevel. Wichtig ist vor allem auch, im mittleren Alter die Spitze zu erhalten und im höheren Alter den Verlust zu reduzieren.
In Bezug auf die Funktion ist aber nicht der Verlust der Muskelmasse, sondern der Kraft ein Problem. Physische Aktivität kann in verschiedenen Formen stattfinden, Sport, Haushalt etc. Studien dazu sind komplex. Beim Training handelt es sich um strukturierte, wiederholte Aktivität. Wichtig ist ein ausreichendes Ausmaß der Aktivität; Krafttraining spielt zur Sarkopenieprophylaxe eine große Rolle.
Dass Sarkopenieentstehung multifaktoriell ist, erklärte Jürgen Bauer (Heidelberg). Malnutrition ist in einem hohem Prozentsatz dabei und ein Schrittmacher für eine Verschlechterung. Bei der Ernährung sind Kalorien und Proteine zu beachten. viele PatientInnen nehmen zu wenig Proteine zu sich, es gibt aber auch Verwertungsstörungen, Ältere brauchen mehr Protein, um gut Muskeln aufzubauen. Gemeint sind dabei nicht nur Fleisch, sondern auch Milchprodukte und pflanzliche Proteine. Künstliches ist „second best“.
Ein ausreichendes Level von Vitamin D ist ein wichtiger Faktor für den Muskelmetabolismus und in Kombination mit Protein wertvoll. Hochwertiges Protein ist für raschere Bioverfügbarkeit sinnvoll. Heike Bischoff-Ferrari (Zürich) empfiehlt tägliche Gaben, Bolusgaben haben sich in Studien als ungünstig erwiesen.
Einige Vorträge beschäftigten sich natürlich auch mit dem Thema SARS-CoV-2 beim älteren Menschen: Athe Grafinger (Wien) berichtet, dass ältere Menschen schwerere Krankheitsverläufe und höhere Mortalität haben. Wie bei anderen Erkrankungen gibt es aber auch hier gehäuft atypische Symptomatiken: Führendes Symptom ist oft nicht Husten oder Fieber, sondern Verschlechterung des Allgemeinzustandes und akuter Verwirrtheitszustand. Der Rehabilitationsbedarf nach Infektion ist größer. Biologisches Alter und Frailty sind in diesem Zusammenhang relevant.
Constance Schlegl beschrieb in ihrem Vortrag zum Thema Rehabilitation von geriatrischen Covid-PatientInnen die Möglichkeiten der Physiotherapie auf der Intensivstation, die physiotherapeutische Behandlung unterschiedlicher Symptome, Behandlung von Spätfolgen und die Möglichkeiten der unterschiedlichen Settings in der Praxis, auf Hausbesuch und in der Rehabilitation.
Wichtig in Bezug auf die Trainingsintensität ist, jede Überlastung in der Akutphase strikt zu vermeiden, Monitoring mittels Borg-Atemnot-Skala (nicht über 3) und Messung der O²-Sättigung.
An Sicherheitsmaßnahmen oder auch als Tipps für betreuende Personen empfiehlt sie, dass immer eine Sitzgelegenheit in unmittelbarer Nähe erreichbar ist, wenn im Stehen geübt wird, ein Pulsoximeter (tolerable Sättigung während des rehabilitativen Trainings > 88%) zur Verfügung steht, regelmäßige Pausen angeboten werden und Wasser bereitgestellt ist.
Die Ergotherapeutin Yara Peterko (Wien) ging in ihrem Vortrag auf die Bedeutung von Partizipation ein. Wichtig hierfür ist die Erreichbarkeit von Orten („getting there and getting back“) und die Möglichkeit für soziale Interaktion „places to go, people to see“ (oft Cafes, Parks, Freunde).
Coronamaßnahmen haben hier große Einschränkungen gebracht. In den neuen Alltag finden – Transition – war (und ist) eine Herausforderung. Eine Herausforderung war auch, dass nicht bekannt war, wie lange die Situation dauert, ob Anpassungen notwendig waren oder ob es möglich war die Situation „auszusitzen“.
Ergotherapie schreibt dem Aktiv-Sein heilende Wirkung zu. Die Handlungsfähigkeit im Alltag steht daher immer im Zentrum ergotherapeutischer Bemühungen. Individuell bedeutungsvolle Tätigkeiten in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit/Erholung sollen gestärkt werden.
Zum Thema Schluckstörungen im Alter referierte der Logopäde Simon Sollereder (Wiener Neustadt). (Die International Dysphagia Diet Standardisation Initiative (IDDSI). Eine Einführung und aktuelle Entwicklungen in Österreich.)
Dysphagien sind bei bis zu 60% der BewohnerInnen in Pflegeheimen vorhanden. Sie haben in der Regel eine multifaktorielle Genese. Ein für alle verbindlicher und nachvollziehbarer Terminologie für konsistenzmodifizierte Kostformen ist daher wichtig. Dieser muss kultursensitiv sein und unterschiedliche Traditionen in der Nahrungsaufnahme und -zubereitung berücksichtigen. Auch EU-Regeln (Nahrungsmittel für medizinische Zwecke etc) müssen berücksichtigt werden. Wichtige Aspekte des Assessments sind Beschreibung, Begründung und Prüfung der Konsistenz.
Im Namen der Referenzgruppe Deutschland, Österreich und Schweiz beschreibt Sollereder die IDDSI, die das Ziel hat, PatientInnensicherheit durch eine gemeinsame Terminologie zu verbessern. Ziel ist natürlich auch, die Lebensqualität für PatientInnen und Angehörige zu erhöhen und für Vergleichbarkeit in Klinik und Forschung zu sorgen. In einigen Ländern weltweit ist die IDDSI schon implementiert. In Österreich gibt es keinen nationalen Diätstandard. Etliche Einrichtungen haben Interesse an der Implementierung der IDDSI gezeigt, einige verwenden sie bereits.
Bereits im letzten Jahrhundert erkannte Marjory Warren, dass Funktionsstörungen und Bettlägerigkeit nicht immer auf klassische Diagnosen zurückzuführen sind, das geriatrisches Assessment war geboren – 1943! Die Entwicklung der Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2 ist das Thema des Vortrages von Bernhard Iglseder und Stefan Strotzka (beide Salzburg). Ziel der Leitlinie ist die Auswahl im deutschsprachigen Raum bekannter Assessments, wobei auch festgehalten wird, dass nicht genannte Verfahren nicht als unterlegen anzusehen sind. Das geriatrische Assessment dient dem bestmögliche Erkenntnisgewinn auf ressourcenschondende, für PatientInnen wenig belastende Weise.  Es benötigt meist einen mehrtägigen Zeitraum, sollte aber möglichst zügig erledigt werden.
Zur Schmerzdiagnostik und -therapie im Alter referierte Georg Pinter (Klagenfurt): Herausforderungen im Alter sind die Häufigkeit und Chronizität, die erschwerte Kommunikation bei oft atypischen Symptomen, das Problem der Nebenwirkungen durch Multimorbidität und daraus resultierender Polypharmazie.
Die Schmerzprävalenz ist auch bei Demenzerkrankten hoch, die Schmerzmessung muss hier oft durch Beobachtung des Schmerzverhaltens erfolgen (Anm: Bsp. BESD). 
Nach adäquater Schmerzmessung ist das Setzen realistischer Ziele notwendig, medikamentöse Maßnahmen erfolgen angelehnt an das WHO-Stufenschema. Als nichtmedikamentöse Maßnahmen kommen u.a. Physiotherapie, physikalische Therapie und psychologische Betreuung zur Anwendung.
In der Vormittagssession am Freitag ging es um das Thema Demenz / kognitive Einschränkung. Zwei Vorträge (Lucas Paletta und Sandra Schüssler, beide Graz) behandelten assistierende Roboter, eingesetzt zur Motivation für Demenztraining und bei täglichen Routinen.
Mangel an Motivation und niedrige Adhärenz im Demenzbereich sind bekannt. In der vorgestellten Studie stand zur Unterstützung eines Trainings ein Tablet zur Verfügung, zusätzlich übernahm der Roboter „Pepper“ die Rolle des Coaches, er spendete Lob, tröstende Worte… Es war dies das erste Projekt mit einem sozialem Roboter zur Motivation von Demenztraining und die Ergebnisse waren ermutigend.
Bei den Berichten zur durchgeführten Studie war es spannend zu hören, dass der Roboter auch die Kommunikation zur Familie und zu Angehörigen verbessert hat, die Teilnehmenden waren traurig, als er wieder ausgezogen ist, es wurde offensichtlich eine Bindung aufgebaut.
Am besten gefiel, dass Pepper viel lobte; in Bezug auf sinnvolle Beschäftigung und Mobilität war Tanz und Musik am beliebtesten, und, dass Pepper gesungen hat.
In weiteren Vorträgen (Elisabeth Reiginger und Hanna Kottl, beide Wien) wurde das Thema Techniknutzung im Alter angesprochen, der ungleiche Zugang („digital Divide“) erwähnt und in diesem Zusammenhang das Thema Ageism (negative Altersbilder).
Ageism kann sich gegen junge Menschen, gegen alte Menschen und gegen sich selbst richten. Self-ageism kann die Gesundheit beeinflussen, Menschen mit negativen Altersbildern sterben 7,5 Jahre früher, erholen sich bei Erkrankungen langsamer und haben häufiger Probleme auf Handlungsebene, z.b. bei komplexen Alltagstätigkeiten. Wahrscheinlich werden negative Altersbilder schon im jungen Alter geprägt, im Rahmen einer „self fulfilling Prophecy“ kommt es dann tatsächlich zu Einbußen.
Viele Alltagsaktivitäten benötigen mittlerweile komplexe Technologien. Digitalisierung kann den Alltag von Menschen auch mit Demenz erleichtern, notwendig ist aber Unterstützung in der Bedienung.
Es gab noch etliche andere spannende Vorträge, ich freue mich bereits auf den Kongress 2022 in Salzburg, der hoffentlich „live“ stattfinden kann!

Gerti Wewerka