Neurodivers. Neurodivergent. Neurotypisch.
Diese Eigenschafts-Wörter werden zurzeit ziemlich häufig verwendet. Mitunter kommt es dabei zu Verwechslungen. Lassen Sie sich gerne von mir an die Hand nehmen, um Klarheit in diese Begrifflichkeiten zu bringen.
In den beiden Kästchen richten einige neurodivergente Kinder schließlich ganz persönliche Worte an Sie. Diese Kinder laden Sie nämlich ein, sich mit Wahrnehmungsbesonderheiten und Verhalten zu befassen. Neurodivergenz, Wahrnehmungsbesonderheiten und Verhalten sind nämlich eng miteinander verknüpft…
Der Satz „Das Leben wäre sehr eintönig, wenn alle Gehirne genau gleich wären“ (Gooding, Barrows, 2025, S. 27) ist für unsere weiteren Überlegungen ein guter Ausgangspunkt. Es bedeutet, dass es keine zwei Gehirne auf dieser Welt gibt, die exakt gleich funktionieren, arbeiten und lernen. Was für Fingerabdrücke gilt, gilt also tatsächlich auch für Gehirne! So darf also notiert werden: neurodivers sind alle Menschen.
Und wer ist neurotypisch?
Das sind dann nicht mehr alle. Aber eben die meisten - etwa 85%. Die Gehirne dieser Menschen denken, arbeiten und lernen so wie die meisten Gehirne denken, arbeiten und lernen. Bleiben 15% Menschen, die sich im Neurodivergenz-Spektrum befinden. „Schätzungen zufolge ist eine von sieben Personen neurodivergent. Was bedeutet, ihr Nervensystem funktioniert jenseits von Standards und Normen, die als neurotypisch gelten. Diese Neurodivergenz ist ein unterschätzter Teil der neurologischen Vielfalt der Menschheit, kurz: der Neurodiversität.“ (Zimpel, 2025, S. 9). Hinter Neurodivergenz stehen häufig - aber nicht immer - Diagnosen wie AD(H)S, Autismus-Spektrum, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Hochsensibilität, Hochbegabung. Für Betroffene ist das Leben und Zurechtfinden in der neurotypischen Welt oft verwirrend und anstrengend, herausfordernd oder gar beängstigend.

Beispielhaftes Hoppla gefällig?
Plötzlich berührt werden oder umarmt werden. Igitt!
(…) Mir würde (…) mehr Abstand der anderen gut tun.
Mein Stress wäre dann viel weniger. (…)
Immer auf der Hut sein, strengt nämlich total an. Und kostet meine ganze Energie.
Und meine ganze Aufmerksamkeit.
Mich auf Spielen oder Lernen oder das was du sagst zu konzentrieren, ist dann kaum mehr möglich.
(Heimer, 2024, S. 19)
Worin besteht denn nun aber diese Unterschiedlichkeit?
Kurz gesagt: In einer besonderen Art Sinnesreize wahrzunehmen und zu verarbeiten, woraus sehr persönliche Vorlieben und Abneigungen entstehen. Und diese zeigen sich in Verhaltens-weisen, die für das Umfeld und die Mitmenschen nicht immer nachvollziehbar oder erklärbar sind, sondern häufig als schwierig, provokant oder verweigernd empfunden werden. Es braucht deshalb ernsthafte Versuche, sich in neurodivergente Menschen hineinzuversetzen, indem deren auf Wahrnehmungsbesonderheiten beruhendes Ver-halten anerkannt und wertgeschätzt wird. „Wahrnehmungsbeonders“ zu sein bedeutet bestimmte Sinnesreize zu suchen oder aber zu vermeiden (vgl. Heimer, 2024). Von den Mitmenschen, den Begleitenden und unseren Bildungsinstitutionen braucht es die Bereitschaft aus dieser Erkenntnis Unterstützungs- und Umgangsmöglichkeiten zu entwickeln. Dies wäre ein bedeutender Beitrag zu gelingender Inklusion.

Wer aber könnte diese Zusammenhänge besser und einfacher erklären als neurodivergente Kinder mit ihren ganz persönlichen Wahrnehmungsbesonderheiten? Nennen wir ihre Verhaltensweisen doch einfach mal Hopplas („das passiert mir, das kann
ich nicht besser, obwohl ich mich anstrenge, habt also Verständnis…“) und Juchhuhs („das tut mir gut, das hilft mir, unterstützt uns bitte darin…“). Und was die Kinder beschreiben, hat mit ihrer ganz persönlichen, teils reizsuchenden, teils reizvermeidenden Art zu tun, Sinnesreize zu verarbeiten.
Zum Glück gibt es aber auch die Juchhus. Hier eines (von unendlich vielen) Beispielen
Abstand tut mir gut.
Ich muss alles im Blick haben.
Wie die Erdmännchen im Zoo. Deshalb mag ich die so sehr!
Ich muss genau wissen, was auf mich zukommt. Dabei hilft mir auch Routine. Und Berechenbar-keit.
Überraschungen mag ich nicht. Sogar die allerschönsten nicht.
(Heimer, 2024, S. 39)
Sind Sie neugierig geworden?
Es gibt von mir zwei Fachbücher über den Zusammenhang von Wahrnehmung und Verhalten. Darin lernen Sie unsere sieben (!) Sinne und auch die Begriffe Reizsuche und Reizvermeidung näher kennen und Sie erfahren noch viel mehr über neurodivergente Menschen.
Literatur:
Heimer, Andreas / Schoden, Patrick (2024): Hoppla & Juchhu. Was mir passiert und euch nervt…für mich aber sinnvoll ist. Wie sich Wahrnehmungsbesonderhei-ten auf Verhalten auswirken. Das Basissinn-Konzept® für Kinder, ihre Eltern und Begleitende (verlag moder-nes lernen, Dortmund)
Heimer, Andreas (2. Aufl. 2024): Euch nervt’s - für mich ist es sinnvoll. Neue Blickwinkel für schwierige Verhaltensweisen von wahrnehmungsbesonderen Kindern. Das Basissinn-Konzept® (verlag modernes lernen, Dortmund)
AutorIn
Andreas Heimer
Physiotherapeut und Therapeut für Sensorische Integration