KLIMASCHUTZ IST GESUNDHEITSSCHUTZ
Vertreter*innen aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen und Engagierte der Health for Future-Bewegung im Interview zum thematischen Spannungsbogen Klima und Gesundheit.
Was bedeutet Health for Future?
Health for Future ist ein seit 2019 aktives, länderübergreifendes Aktionsbündnis aus Angehörigen aller Gesundheitsberufe, die das Thema Klimawandel und Gesundheit zu ihrem Anliegen gemacht haben. Unter dem Motto „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ setzen sich ehrenamtlich Aktive mit Fortbildungs- und Informations-Veranstaltungen, Demonstrationen, Mahnwachen sowie Beratungen und Gesprächen in ihrem professionellen Umfeld für ein klimagerechtes Gesundheitssystem und gesundheitsfördernde Lebensbedingungen ein und arbeiten mit anderen Akteur*innen und Organisationen der Klimagerechtigkeitsbewegung und des Gesundheitswesens für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zusammen.
Was ist das Ziel, die Vision?
Menschen aus Gesundheitsberufen sollen zu Akteur*innen der notwendigen gesellschaftlichen Transformation werden, indem sie als Change-Agents für Klima- und Gesundheitsgerechtigkeit wirken. Gesundheitsberufe genießen in Umfragen hohes Vertrauen und Ansehen und haben intensiven Kontakt mit allen Bereichen der Bevölkerung – die Klimakommunikation sollten deshalb wir übernehmen, denn uns wird mehr zugehört. Ziele sind, ein klimaneutrales und auf bevorstehende Herausforderungen (z.B. Hitzewellen) vorbereitetes und vorbereitendes Gesundheitssystem zu schaffen, Patient*innen über die Zusammenhänge zwischen Klimakrise, Klimaschutz und Gesundheit aufzuklären, Planetary Health als verpflichtenden Bestandteil von Aus- und Fortbildung aller Gesundheitsberufe zu etablieren und politische Akteur*innen zur Umsetzung effektiver Klimaschutz-Maßnahmen zu bewegen, die unsere Gesundheit schützen. Denn 85% aller Klimaschutzmaßnahmen sind unmittelbar gesundheitsfördernd!
Was versteht man unter Planetary Health?
Planetary Health behandelt, wie die Gesundheit der Menschen und die menschliche Zivilisation von der Gesundheit der Ökosysteme abhängen. Der Verlust der biologischen Vielfalt, die voranschreitende Klimakrise und die Umweltzerstörung zählen als „die größte Gesundheitsbedrohung der Menschheit“ (World Health Organisation, WHO) und haben bereits jetzt massive Einflüsse auf unsere Gesundheit. Wir sind kurz davor unseren Planeten in weiten Teilen unbewohnbar zu machen. Bezogen auf die Gesundheit der Erde und die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschheit wird daher von einem medizinischen Notfall gesprochen. Planetary Health will hierzu Lösungswege aufzeigen, denn als Angehörige von Heilberufen haben wir eine besondere Verantwortung zum Schutz des Lebens.
Was können Physiotherapeut*innen beitragen?
In der täglichen Arbeit mit Patient*innen können Physiotherapeut*innen klimasensible Gesundheitsberatungen durchführen, in denen Auswirkungen der Umwelt- und Klimakrise auf die jeweilige Gesundheit und mögliche gesundheitliche Folgen und Nutzen für Patient*innen thematisiert werden. Ein achtsamer Umgang mit (Therapie-)Materialien kann ebenso dazu beitragen, Ressourcen zu schonen. Grundsätzlich tragen physiotherapeutische Maßnahmen auch dazu bei, die Einnahme von Medikamenten und die Notwendigkeit von ressourcen-intensiven Operationen zu reduzieren.
Welche Initiativen/Maßnahmen sind international zu beobachten und wie ist deren Erfolg/Einfluss?
Es gibt international Initiativen mit oder ohne Beteiligung öffentlicher Träger. Aktivistisch ist Health for Future weiters in Deutschland, Schweiz und Belgien vertreten, während beispielsweise in Großbritannien Health for Extinction Rebellion mit aufsehenerregen-den Aktionen große Bekanntheit erlangt hat. Insgesamt kann man sagen, dass das Bewusstsein für die Problematik zwar zugenommen hat, die Maßnahmen aber noch bei Weitem zu gering für die Größe der Herausforderung sind! Staaten und Konzerne treffen also weiterhin Entscheidungen, die die Gesundheit und das Überleben von Menschen an jedem Ort der Welt bedrohen. An diesem kritischen Punkt kann eine auf die Gesundheit ausgerichtete Reaktion in einer Welt, die mit irreversiblen Schäden konfrontiert ist, Lösungen liefern, die der Weltbevölkerung nicht nur zu überleben, sondern auch zu gedeihen helfen!
Welcher Schritt wäre aus Ihrer Sicht für Physiotherapeut*innen der einfachste, um jetzt schon damit zu beginnen, etwas beizutragen?
Ein erster Schritt ist, ein Bewusstsein über die Auswirkungen der Umwelt- und Klimakrise auf die biopsychosoziale Gesundheit sowie über die Handlungs-Möglichkeiten im eigenen Wirkungskreises zu bilden (sog. Handabdruck). Das gelingt aus unserer Erfahrung am besten im Austausch mit Gleichgesinnten z. B. bei Health for Future.
Literatur:
https://de.statista.com/statistik/daten/stu-
die/163400/umfrage/ansehen-der-berufe-in-der-ge-sellschaft/
AutorIn
Carina Pennerstorfer
Physiotherapeutin Innsbruck
Christina Kastner-Frank
Arbeitsmedizinerin Wien
Johanna Schauer-Berg
Umweltmedizinerin Salzburg
Moritz Ferch
Assistenzarzt Wien
Aus der Ausgabe
Fotoalbum