„Immer auf Achse“
Aus der Mathematik wissen wir, dass eine Gerade durch die Verbindung zweier Punkte gebildet wird. Die Beinachse ist eine solche Gerade. Sie stellt die Verbindung vom Mittelpunkt des Sprunggelenks, des Kniegelenks und des Hüftgelenks dar. Um diese Achse finden die Bewegungen der unteren Extremität statt.
Je mehr sich die Beinachse mit dem Lot deckt, desto physiologischer und biomechanisch korrekter laufen Bewegungen ab. Gerade Beinachsen bilden den stabilen Unterbau (Vergleich „Schiefer Turm von Pisa“) für die Wirbelsäule, den Schultergürtel inklusive Arme und den Kopf.
Schiefe oder instabile Beinachsen wirken sich auf alle Gelenksstrukturen negativ aus. Durch die Wirkung der Schwerkraft entstehen unverhältnismäßig hohe Druck- und Scherkräfte, die Gelenke dezentrieren. Dadurch verändern sich die Bewegungsmöglichkeiten und die Druckverhältnisse der Gelenke. Zuerst versucht die Muskulatur noch auszugleichen, aber vor allem bei vermehrter körperlicher Belastung durch Beruf und Sport gelingt das nicht mehr. Von einfachen Weichteilschmerzen bis zu z. B. Fuß- und Zehendeformitäten, Meniskusproblemen, Knie- und Hüftarthrosen, Skoliosen reichen die Folgen.
Indikationen
Am meisten Sinn macht es, auf die Beinachsen schon bei Kindern und Jugendlichen zu achten, solange die Knochen noch wachsen. Schief oder gedreht ausgewachsene Knochen bedürfen bei extremen Ausprägungen orthopädischer Operationen. Konservatives Beüben der Beinachsen ist dann nur mehr eingeschränkt sinnvoll und langfristig erfolgreich. Bei Erwachsenen ist anzuraten, an der korrekten Verwendung der Beinachsen zu arbeiten, bevor Beschwerden auftreten.
Klassische Indikationen für ein Beinachsentraining sind X- und O-Beinfehlstellungen, Fuss- und Zehenprobleme, nach innengedrehte Knie (leider viele junge Mädchen!), alle postoperativen Nachbehandlungen der unteren Extremität u.v.m.
In jedem Schmerzstadium, egal ob im „besten“ Fall nur schmerzhafte Muskelverspannungen oder schon eine schwere Kniearthrose mit geplanter Total-Endoprothese vorhanden sind, kann das Beinachsentraining angesetzt werden.
Öfters ist es auch schon gelungen, Operationen zu verhindern oder geplante Endoprothesen hinauszuzögern. Manchmal ist es besser das Gelenk zuerst operativ zu sanieren (z. B. bestimmte Meniskusrisse, freie Gelenkskörper, Knochenbrüche) und erst danach das Beinachsentraining zu beginnen. In jedem Fall wirkt sich eine geradere Beinachse positiv auf die Heilung von genähten Menisken aus.
Biomechanik
In der Biomechanik wird u.a. die Auswirkung von physikalischen Kräften wie Schwerkraft, freier Fall, Beschleunigung, Verzögerung, Reibung etc. auf den menschlichen Körper untersucht. Strukturen wie Muskulatur, Knochen, Knorpel, Bänder sind tagtäglich diesen Kräften ausgesetzt. Ökonomische, gesunde Bewegungen sind nur dann möglich, wenn alle Strukturen optimal zusammenarbeiten.
Wird der menschliche Bewegungsapparat immer einseitig belastet, gerät primär das muskuläre Gleichgewicht durcheinander. Das wiederum kann zu Veränderungen der Beinstatik führen. Scherkräfte für Knorpel, Bänder und Menisci werden nicht mehr effizient verhindert.
Statische Dauerbelastungen wirken sich als ständiger Überdruck auf die Gelenksflächen aus. Im besten Fall verteilt sich der Druck durch Bewegung auf die ganze Gelenksknorpelfläche. Ungünstige Ernährung kann zusätzlich vorzeitige Arthrosen (Abnützungen) begünstigen. Spürbare Folgeschäden müssen nicht sofort entstehen, können sich aber über viele Jahre entwickeln.
Medizinische Trainingslehre
Grundlage für effizientes Training bildet die Trainingslehre, eine anerkannte, gut belegte Wissenschaft, die nach genauen Regeln vorgeht. Sind bereits Schmerzen vorhanden, muss die Therapie medizinisch fundiert geführt werden. Erkenntnisse aus der Bindegewebsheilung, Knorpelforschung, Biomechanik etc. müssen hier Anwendung finden, da sonst ein vorgeschädigtes Gelenk noch schmerzhafter werden kann. Das unterscheidet physiotherapeutisches von sportlichem Training.
Durchführung
Die/der Patient*in lernt die Beinachse kennen und aufrichten. Beinpositionen müssen bis zum vollen Körpergewicht und darüber hinaus stabilisiert wer-den können. Statische Übungen bilden die absolute Voraussetzung für dynamische Übungen. Kann ein Gelenk nicht ruhig in einer Position gehalten werden, wirkt sich das in Form von zusätzlichen Druck- und Scherkräften bei Bewegungen negativ aus. Ein Gelenk muss auch dann noch statisch stabil sein, wenn andere Gelenke des Körpers sich bewegen. Man denke ans Gehen. Dabei muss ein Bein stabil am Boden als Standbein fungieren, das andere bewegt sich als Schwungbein nach vorne.
Beim dynamischen Üben lernt die/der Patient*in Bewegungen mit der korrekten Beinachse durchzuführen. Zu Beginn stehen einfache Übungen wie z. B. eine leichte Kniebeuge. Diese kann mit Markierungen am Bein vor einem Spiegel geübt werden.
Ebenso übt man Stiegen steigen mit korrekter Beinachse. Diese Übungen stellen vereinfacht Aktivitäten des täglichen Lebens dar. Kniebeugen braucht man z.B. zum Bücken, wenn man etwas vom Boden aufhebt. Ebenso ist die Bewegung ähnlich, wenn man von einem Sessel aufsteht oder sich niedersetzt. Die Übungen des dynamischen Beinachsentrainings bauen sich auf bis zu Korrekturen des Gangbildes. Zuletzt werden sportartspezifische Übungen mit Kor-rektur der Beinachse durchgeführt. Das stellt schon einen hohen Anspruch an das motorische Lernen dar, da vielfacher Gelenksdruck und Scherkräfte bei schnelleren, kräftigeren und ausdauernderen Leistungen abgefangen werden müssen. Das bedeutet auch, dass die Muskulatur bessere Fähigkeiten wie z.B. größere Grundkraft, Explosivkraft und Ausdauer entwickeln muss.
Abschließend betrachtet, stellt das physiotherapeutische Beinachsentraining eine gute Möglichkeit dar, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Alltag nachhaltig zu beeinflussen. Als Patient*in können Sie somit sehr viel selbst dazu beitragen, dass es Ihnen besser geht.
AutorIn
Sabine Schimscha
Vorsitzende Landesverband Wien, Mitglied des Kompetenzteams