Hüftoperation: Prä- und postoperative Maßnahmen
Als freiberufliche Physiotherapeutin möchte ich in diesem Beitrag anhand einer Hüft-OP einer Patientin die Vorteile von Planung und Zielsetzung vor und nach der Operation aufzeigen.
Die Patientin, Fr. A., erhielt im Oktober 2024 links ein künstliches Hüftgelenk. Die Operation verlief ohne Komplikationen, abgesehen von einer stark eingeschränkten myofaszialen Elastizität, die zu Problemen bei der Öffnung der Operationsstelle führte. Eine Woche nach dem Eingriff nahm sie für drei Wochen an einer Rehabilitation teil. Anfang Dezember stellte sie sich erstmals in meiner Praxis zur Therapie vor. Frau A. ging mit einer Krücke und klagte über ein anhaltendes unsicheres Ganggefühl sowie Schmerzen im Bereich des Hüftkopfes und der Leiste.
Ergebnisse der Inspektion und Funktionsuntersuchung:
- Deutliches „Trendelenburg-Zeichen“ im Stand auf ihrem linken Bein und beim Gehen. (Dies äußert sich darin, dass im Stand auf dem linken Bein die Hüfte nach außen knickt.)
- Ausgeprägter Muskelabbau der kleinen Gesäßmuskulatur links.
- In Seitenlage rechts ist eine Abspreizbewegung nur durch kompensatorische Anspannung der Hüftbeugemuskulatur möglich.
- Eine leichte Anspannung im Bereich der Gesäßmuskulatur ist zu ertasten. Es ist jedoch unklar, ob diese von der kleinen oder der mittleren Gesäßmuskulatur ausgeht.
Ich befürchte eine direkte Verletzung des kleinen Muskels der Gruppe der Gesäßmuskulatur bzw. des N. gluteus superior, eine funktionelle Gesäßmuskelinsuffizienz oder eine Art „Reflexatrophie“.
Ich habe Frau A. zur weiteren Abklärung an den Chirurgen überwiesen. Der MRT-Befund ergab, dass die Muskulatur leicht verfettet, jedoch intakt und funktionsfähig ist. Wir haben die Therapie mit dem Ziel fortgesetzt, die kleine Gesäßmuskulatur zu aktivieren, ohne dass andere Muskeln diese Funktion übernehmen. Frau A. führte die Übungen sehr gewissenhaft durch und kann kurze Strecken ohne Krücke gehen, vor allem ohne Anzeichen eines Trendelenburg-Zeichens, also ohne ein Abkippen des Beckens zur Seite.
Gerne hätte ich diese Patientin schon vor der Operation (OP) in der Praxis betreut. Dann hätte ich mehr über ihr Gangbild vor der OP und die Kraft der Muskulatur rund um die Hüfte erfahren können. Ein strukturiertes prä- und postoperatives Maßnah-menprogramm bei einer Hüftoperation hätte solche Probleme möglicherweise schneller erkannt (in der Rehaklinik wurde auf die Beschwerden der Patientin nicht ausreichend reagiert).
Prä- und postoperative Maßnahmen bei einer Hüftoperation
Präoperative Ziele und Maßnahmen:
- Dokumentation des Ist-Status des Gangbildes und der Kraft der Muskulatur vor der Operation.
- Übungen zum Kraftaufbau und zur Mobilisation der Muskulatur rund um die Hüfte.
- Steigerung der myofaszialen Elastizität im Be-reich des Hüftkopfes und des M. tensor fasciae latae mittels Bindegewebstechniken.
- Erlernen des Gehens mit Krücken (einschließlich Treppensteigen) und Üben von Transfers wie dem Aufstehen aus dem Bett sowie dem Anziehen von Socken und Schuhen (mit Hilfsmitteln).
- Patient*innenedukation: Aufklärung über das richtige Verhalten im Alltag und mögliche Risiken falscher Bewegungen.
- Steigerung der allgemeinen Fitness und Verbesserung der kardiorespiratorischen Parameter.
Vorteile präoperativer Maßnahmen:
- Schnellere Rehabilitation,
- sichereres Bewegungsverhalten,
- psychische Stabilität.
Postoperative Ziele und Maßnahmen:
Oberste Priorität: Vorgaben der Operateur*in!
- Schmerzlindernde und entzündungshemmende Maßnahmen,
- Mobilisation und Gelenkbeweglichkeit:
- Frühmobilisation: Die Patient*in soll in den ersten Tagen nach der Operation mit Unterstützung (z. B. mit Gehhilfen) aufstehen und sich bewegen, um Komplikationen wie Thrombosen und Lungenembolien zu vermeiden.
- Gehtraining: Zunächst mit Krücken oder Gehstützen. Eine korrekte Gehtechnik ist entscheidend, um Fehlbelastungen zu vermeiden.
- Bewegungsübungen: Leichte Bewegungen der Hüfte gemäß den Vorgaben der Operateur*in.
- Isometrische Übungen: Aktivierung der Gesäßmuskulatur, des Quadrizeps (vorderer Oberschenkelmuskel) und der anderen Oberschenkelmuskeln.
- Stabilitätstraining: Übungen zur Stabilisierung der Hüfte und Verbesserung der propriozeptiven Wahrnehmung (das Bewusstsein der Positionierung des Körpers im Raum).
3. Vermeidung von Hüftfehlbewegungen und Patient*innenedukation: Die/der Patient*in sollte auf bestimmte Bewegungen achten, um die Hüftprothese nicht zu überlasten oder zu dislozieren, z. B. keine extreme Beugung (mehr als 90°), keine Außenrotation oder Kreuzung der Beine.
Ich empfehle einen Aufenthalt in einem Reha-Zentrum etwa sechs Wochen nach einer Hüftoperation. Der Patient/die Patientin kann dann bereits ohne Hilfsmittel gehen, ist mit der Situation vertraut und kann das Reha-Angebot optimal nutzen.
AutorIn
Alida Oorburg
Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Haltungsproblematik und Skoliose