Fingergesundheit für Kletter*innen
Keine andere Sportart fordert und fördert die Belastbarkeit der Finger so intensiv wie das Sportklettern.
Daher ist es auch wenig überraschend, dass im Klettersport dieser Bereich unseres Körpers am häufigsten von Verletzungen betroffen ist. In einer Datenerhebung vom renommierten Sportmediziner Volker Schöffel aus dem Jahr 2019 ging hervor, dass etwa 33,6% aller klettersportbedingten Verletzungen im Bereich der Finger auftreten. Daher möchten wir in diesem Artikel einige Grundlagen hinsichtlich der Fingergesundheit näherbringen und etwaige Risiken aufzeigen.
Anatomie
Unsere Finger leisten täglich erstaunliches. Sei es das Halten eines Bleistifts oder das Halten des gesamten Körpergewichts an einem Klettergriff. Da es den Rahmen sprengen würde, auf jede einzelne Struktur einzugehen, werden im nächsten Absatz nur die genannt, die im Klettersport am häufigsten betroffen sind.

Die wohl prominentesten sind die Ringbänder. Diese liegen wie die Spangen einer Angel nahe am Knochen, um die Beugesehnen zu führen und ihre Kraftübertragung zu gewährleisten. (blau in Abbildung 1) Weiterhin sind unsere Fingergelenke von einer Gelenkskapsel (Abbildung 2) umgeben. Diese netzartigen Faserstrukturen stellen mit den Seitenbändern als kabelartige Verstärkung die passive Stabilität zwischen den Knochen her.

Zuletzt sind noch die Mittelhand-Muskeln zu erwähnen. Diese liegen im Bereich der Handfläche und werden gerade bei Lochgriffen vermehrt belastet.
Greifen
Es gibt verschiedene Grifftypen, die uns am Fels und in der Halle erwarten. Je nach Art ändert sich auch die Belastung, die auf unsere Finger und ihre stützenden Strukturen wirkt.

Leistengriffe fordern zum Beispiel überwiegend die Ringbänder. Je steiler die Finger aufgestellt sind, desto größer sind die Kräfte, die auf die Ringbänder einwirken.

Lochgriffe belasten wie gesagt vor allem die Mittelhandmuskulatur. Die Kapsel-Bandstrukturen werden vermehrt gefordert bei Seitgriffen, Rissen oder auch Löchern, die mit seitlichem Momentum gezogen werden.
Nicht zu vergessen sind die Aufleger. Hierbei wird vor allem das Handgelenk belastet, es kommt auch zu gewissen Kräften auf die Beugesehnen der Finger. Zangengriffe haben ihre Besonderheit in der Belastung des Daumens, zusätzlich kommen bei Zangen das Handgelenk und die Mittelhand-Muskeln in Verwendung.
Verletzungen
An jeder der bereits genannten Strukturen können sich verschiedene Arten akuter Verletzungen ergeben. Die Schweregrade reichen von Rissen über Teilrissen bis hin zu Zerrungen. Hierfür gibt es diverse Risikofaktoren. Auf einige möchten wir im Folgenden eingehen.
- Zu kurzes oder nicht fingerspezifisches Aufwärmen;
- Klettern im bereits erschöpften Zustand;
- Klettern trotz länger bestehender, unbehandelter Überlastungserscheinungen;
- stark aufgestellte Fingerposition („Full-Crimp“);
- 1-Finger-Loch Griff („Mono Pocket“);
- Festhalten am Griff trotz Abrutschen von einem Tritt (starke und unerwartete Belastung aufgrund hoher Schnellkräfte);
- schnelles erreichen von hohen Schwierigkeits-graden zu Beginn der Sportart (Bandstrukturen adaptieren langsamer als Muskeln).
Überlastungserscheinungen
Die gleichen bereits genannten Strukturen können über Zeit einen schmerzhaften und funktions- sowie aktivitätseinschränkenden Zustand entwickeln, den wir als Überlastungserscheinung kennen. Hier liegt meist ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit zugrunde. Es gibt mehrere Möglichkeiten, beim Klettern eine solche zu entwickeln:
- Intensität der Routen zu hoch (z.B. 6B Kletter*in versucht eine 7b Route);
- eintönige Belastungsreize (z.B. jemand klettert fast nur an Leisten, oder jemand probiert eine einzelne Route sehr oft);
- nach langer Kletterpause, Wiedereinstieg auf dem gleichen Niveau (nach langer Pause nimmt die Belastbarkeit ab!);
- zu häufiger Reiz (zu kurze Pausen zwischen den Klettertagen oder auch zwischen den Routen an einem Tag);
- Regenerationsfähigkeit des Körpers ist reduziert (durch z.B. viel Stress, wenig Schlaf, unausgewogene Ernährung, Verspannungen in umliegenden Gelenken);
- zu kurzes oder nicht fingerspezifisches Aufwärmen;
- Kraftunterschiede in der Muskulatur, unpräzise Klettertechnik, eingeschränkte Beweglichkeit.
Medizinisches und therapeutisches Vorgehen
Die Diagnostik von Fingerverletzungen ist primär die Domäne des/ der Ärzt*in. Die Basis stellt hierbei ein ausführliches Anamnesegespräch und die klinische Untersuchung dar. Neben dem Röntgen werden zusätzlich Ultraschall- und MRT-Verfahren verwendet, um eine Diagnose zu bestätigen. Operationen sind nur selten bzw. bei schwerwiegenden Verletzungen notwendig. Das Vorgehen ist daher häufig konservativ und erfolgt im Rahmen einer Physio- oder Ergotherapie.
Hierbei sind im Rehabilitationsprozess eine ausführliche Aufklärung, aktive und passive Bewegungsübungen und ein progressiver Belastungsplan beinhaltet. Ziel ist es nicht nur wieder Klettern zu können, sondern auch stärker und mit mehr Wissen aus so einer Verletzung herauszukommen.
AutorIn
Daniel Pölz, B.Sc.
Mitglied des Kompetenzteams des fachlichen Netzwerks Sportphysiotherapie
Thomas File, BSc
Jan Huber, BSc