Mi., 12.08.2026

Dry Needling in der Physiotherapie: Was tatsächlich dahintersteht

Immer wieder wird kritisch gefragt, warum Physio Austria Dry Needling – genauer gesagt die Intramuskuläre Triggerpunkttherapie (IMTRPT) – im Berufsbild der Physiotherapie verankert hat und warum diese Leistung mittlerweile auch im Rahmen der Kassenposition „Physiotherapie“ anerkannt ist. Die Antwort ist differenzierter, als es manche Social-Media-Beiträge darstellen.

Zunächst: Dry Needling wurde nicht einfach von Physio Austria „zur Kassenleistung gemacht“.

Mit dem Inkrafttreten des MTD-Gesetzes 2024 wurde die intramuskuläre Triggerpunkttherapie in Österreich als physiotherapeutische Methode rechtlich im Berufsbild verankert. Physio Austria hat diesen Prozess fachlich begleitet und anschließend eine eigene Fachinformation zur fachgerechten Durchführung der IMTRPT erarbeitet. Nach dem Ersuchen von Physio Austria bestätigte die ÖGK im Oktober 2024, dass IMTRPT/Dry Needling als integrativer Bestandteil der physiotherapeutischen Leistung anerkannt ist.

👉 Das ist ein wichtiger Unterschied: Es handelt sich nicht um eine eigenständige „Dry Needling-Therapie“, die losgelöst von Physiotherapie verrechnet wird. Dry Needling ist somit keine Stand-Alone-Maßnahme, sondern eine mögliche Intervention innerhalb eines physiotherapeutischen Gesamtprozesses.

Physiotherapie beginnt mit Befund, Anamnese, klinischer Entscheidungsfindung und einer funktionellen Zielsetzung. Darauf aufbauend werden unterschiedliche Interventionen ausgewählt – beispielsweise aktive Bewegungstherapie, Training, Edukation, manuelle Techniken oder eben, wenn indiziert, IMTRPT.

Das Nadeln ersetzt weder die physiotherapeutische Befundung noch die aktive Therapie.

 

Was sagt die Evidenz?

Die Evidenz zu Dry Needling ist tatsächlich nicht einheitlich. Es gibt Studien und systematische Reviews, die insbesondere kurzfristige Verbesserungen von Schmerzen und Funktion zeigen. Gleichzeitig bestehen Unterschiede hinsichtlich Indikation, Vergleichsintervention, Studiendesign und Dauer der Nachbeobachtung. Deshalb wäre es unseriös, Dry Needling als generell überlegene Therapie darzustellen.

👉 Aber ebenso wenig ist es wissenschaftlich korrekt, aus einer heterogenen Evidenzlage abzuleiten, dass die Methode grundsätzlich wirkungslos sei.

Bereits eine systematische Übersichtsarbeit über randomisierte Studien fand Hinweise auf eine Reduktion von Schmerzen im Zeitraum bis etwa 12 Wochen; für längere Zeiträume war die Evidenz weniger eindeutig. (PubMed) Andere Reviews zeigen je nach Beschwerdebild ebenfalls positive Effekte – beispielsweise bei Plantarfaszienschmerzen oder bestimmten muskuloskelettalen Beschwerden. (PubMed)

Interessant ist außerdem die Forschung zu Dry Needling in Kombination mit anderen physiotherapeutischen Maßnahmen. Gerade hier zeigt sich, dass die Frage nicht sinnvoll mit „Dry Needling ja oder nein?“ beantwortet werden kann. Studien untersuchen zunehmend die Methode als Bestandteil eines multimodalen therapeutischen Konzeptes. (PubMed)

Genau deshalb ist die Fachinformation von Physio Austria so wichtig.

Sie beschreibt IMTRPT ausdrücklich als eine Methode, die nur dann eingesetzt werden soll, wenn sie indiziert ist, und fordert vorab die Abwägung, ob sie tatsächlich die Therapie der Wahl ist.

Sie adressiert außerdem Patient*innensicherheit, fachliche Kompetenz, Aufklärung, Einwilligung und Dokumentation. (Physio Austria)

Das ist keine Einladung zum unkritischen „Nadelsetzen“.

Es ist im Gegenteil der Versuch, eine bereits international angewandte Methode innerhalb der Physiotherapie klar zu regeln, Qualitätsstandards zu definieren und Patient*innensicherheit zu gewährleisten.

Und auch die internationale Entwicklung sollte nicht völlig ausgeblendet werden: Dry Needling wird seit Jahren in der Physiotherapie verschiedener Länder eingesetzt und wissenschaftlich untersucht. Österreich hat mit dem MTDG 2024 dafür nun einen klaren berufsrechtlichen Rahmen geschaffen. (Physio Austria)

Die richtige Frage lautet daher nicht: „Ist Dry Needling die Lösung?“

Sondern:
👉 Ist es bei dieser Patientin/diesem Patienten indiziert?
👉 Passt es zum physiotherapeutischen Befund und zur Zielsetzung?
👉 Überwiegt der erwartete Nutzen das mögliche Risiko?
👉 Wird die Methode fachgerecht und unter Einhaltung der erforderlichen Sicherheitsstandards durchgeführt?
👉 Und vor allem: Wie fügt sie sich in den gesamten physiotherapeutischen Behandlungsprozess ein?

Nicht jede Methode ist für jeden Menschen geeignet. Aber eine Methode mit vorhandener Evidenz, klarer Indikation und definierten Sicherheitsstandards sollte auch nicht allein deshalb abgelehnt werden, weil die Evidenz nicht für jede Indikation und jeden langfristigen Outcome gleich stark ist.

Dry Needling ist – wenn indiziert – eine mögliche Intervention innerhalb guter Physiotherapie. Und genau in diesem Gesamtkontext ist auch die Anerkennung als Bestandteil der Kassenleistung zu verstehen.

 

Weiterführende Information:

Fachinformation IMTRPT von Physio Austria
Informationen zum MTD-Gesetz 2024 – Physio Austria