Die physiotherapeutische Befundung und Behandlung des weiblichen Beckenbodens
Der vaginale Tastbefund wird von spezialisierten Becken-Physiotherapeutinnen ausgeführt.
Die vaginale Palpation bedeutet das Ertasten und Beurteilen der Beckenbodenfunktion über die Scheide. Sie ermöglicht die Testung der Wahrnehmung, der Kraft und der Entspannungsfähigkeit des Beckenbodens. Die vaginale Palpation ist eine bewährte und international anerkannte physiotherapeutische Maßnahme. Sie ist der Schlüssel zum Erfolg therapeutischer Übungen und Behandlungstechniken in der Beckenbodenarbeit.
Der Beckenboden ist ein wichtiger Funktionsbereich im Körper, denn er unterstützt die Position der Beckenorgane Blase, oberer Scheidengang und Gebärmutter sowie den Darm. Damit schützt er vor „Senkung“ der Organe und trägt dazu bei, dass wir Harn und Stuhl oder Winde willkürlich kontrollieren können und die Kontinenz zu sichern. Zudem trägt er auch zur Stabilität des Beckens bei und ist auch für das Erleben und aktive Gestalten der Sexualität wichtig. Die Atmung und alle mit Atemsteuerung verbundenen Funktionen wie beispielsweise die Stimmfunktion bei Sprecherinnen und Sängerinnen können über den Beckenboden beeinflusst werden. Es ist also ein sehr vielseitiger Funktionsbereich und kontrolliert sich normalerweise automatisch in unseren alltäglichen Funktionen. Wenn jedoch eine Störung der Harn- und Stuhlkontrolle, Senkung oder Schmerzen aus dem Beckenring auftreten, können diese mit einer Störung der Funktion zusammenhängen.
Wussten Sie, dass...?
… der Beckenboden aus mehreren Schichten von Muskeln, Bändern und Faszien besteht. Diese kleiden den inneren Beckenraum aus und stützen die Organe Blase, Darm und bei der Frau die Gebärmutter ab. Phy-siotherapeut*innen können die Funktion des Beckenbodens untersuchen und somit erkennen, welche Behandlungsmaßnahmen und Übungen für Sie wichtig sind.
Übungen für den Beckenboden gibt es viele auch im Internet oder sie werden beim Yoga oder in der Gymnastik angeleitet. Ob diese Übungen für Sie die richtigen sind und Sie sie korrekt ausführen, können spezialisiert augebildete Physiotherapeuti*innen überprüfen. Eine Untersuchungsform ist die „vaginale Palpation“. Jede Frau kennt diese Tastung über die Scheide grundsätzlich aus der frauenärztlichen Kontrolluntersuchung. Therapeut*innen werden dafür speziell geschult. Der vaginale Befund erfasst vorerst den äußeren Vaginaleingang. Es ist wichtig hier Narben, die Festigkeit und Form des Dammes zu erkennen, auf die Verschieblichkeit und eventuell Schmerzen hin zu ertasten. Die Beckenbodenstrukturen selbst liegen ca. 2 cm tiefer. Als Therapeut*innen tasten wir diese daher über die Scheide.
Der tastende Finger erfasst systematisch die Grundspannung, die Gleitfähigkeit des Gewebes, die Wahrnehmungsfähigkeit, die korrekte Aktivierung, die Kraft, die Entspannungsfähigkeit, die Reaktionsfähigkeit, die Ausdauer, die Funktion beim Sprechen, Lachen und Husten sowie die Kraftverteilung. Außerdem kann die Position der Blase und des Muttermundes in der Entspannung und Anspannung des Beckenbodens erfasst werden. Die Testung wird vergleichend im Liegen und im Stehen ausgeführt, um die Auswirkung der Schwerkraft und die Funktion im Alltag besser einschätzen zu können. So erkennen Physiotherapeut*innen ob und welche Art einer Funktionsveränderung vorliegt. Es wird überlegt, ob die Funktionsstörung ein Problem beim Harn- oder Stuhl halten bzw. entleeren, bei der Positionssicherung der Beckenorgane, bei der Stabilität des Beckenringes erklären kann. Danach kann speziell auf Ihre abweichende Funktion hin ein entsprechendes Therapiekonzept erstellt und mit Ihnen geübt werden. Bisweilen ist es auch notwendig die Ergebnisse nochmals mit den zuweisenden Ärzt*innen zu besprechen, um Hilfsmittel oder auch medikamentöse Maßnahmen zu diskutieren.
Die vaginale Palpation ist auch in der Behandlung des Beckenbodens hilfreich, vor allem bei einer geringen Wahrnehmung, einem verspannten Beckenboden oder bei Narben und Schwellungen im Beckenraum.
Es ist Physiotherapeut*innen bewusst, dass die vaginale Untersuchung und Behandlung einen sehr intimen therapeutischen Kontakt nutzt. Physiotherapeut*innen begegnen Ihnen als Patientinnen daher mit hohem Respekt und setzen die vaginalen Maßnahmen im Einverständnis mit Ihnen ein. Vor jeder vaginalen Palpation wird genau erklärt was das Ziel dieser Untersuchung ist und während der Untersuchung werden meist Bilder oder Beckenmodelle eingesetzt, um Ihnen jeden Schritt der Untersuchung zu zeigen und Sie so mitzunehmen auf diese palpatorische Entdeckungsreise in einem Körperbereich, der unserer Wahrnehmung nicht selbstverständlich zugängig ist.
Aus unseren persönlichen Erfahrungen erleben wir, dass Frauen das Ziel dieser Untersuchung gut verstehen können. Meist melden sie rück, dass sie nur durch die Palpation eine gute Vorstellung der Beckenbodenaktivierung bekommen konnten und somit die Übungen eigenkontrolliert erlernen und selbstgesteuert einsetzen können.
AutorIn
Barbara Gödl-Purrer, MSc
Mitglied des Präsidiums, Mitglied des Kompetenzteams GUP
Michaela Winkelbauer, BSc
Kompetenzteam Fachliches Netzwerk GUP