Mi., 23.02.2022

Das Phänomen Liebscher-Bracht

Die bedenklichen Entwicklungen auf dem Gebiet des Angebotes vermeintlicher Schmerztherapie durch Personen mit fraglichem Berufshintergrund sorgen schon längere Zeit für Unwohlsein in der PhysiotherapeutInnen-Community.

Medienberichte zu Liebscher & Bracht-Methoden rückten die vieldiskutierten Theorien rund um das Konzept Ende Mai 2019 erneut ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Physio Austria hat damals in einem Fachkommentar zu den getätigten Aussagen online Stellung bezogen.

Medizinische Laien als "SchmerztherapeutInnen" Physio Austria befasste sich bereits seit einiger Zeit mit der Möglichkeit rechtlicher Schritte gegen Personen, welche keinem gesetzlichen Gesundheitsberuf angehören, aber Bildungsangebote von Liebscher & Bracht nutzen und sich danach als „SchmerzspezialistInnen“ und „SchmerztherapeutInnen“ ausweisen. Diese adressieren damit gezielt einen PatientInnenkreis, den sie in Folge auch behandeln. Damit findet ein eindeutiger Verstoß gegen den gesetzlichen Berufsvorbehalt der Physiotherapie statt. Physio Austria sah sich gezwungen, dem Thema mit einer spezifischen Strategie zum Berufsschutz und mit Fokus auf die PatientInnensicherheit zu begegnen. Im Sinne der PatientInnensicherheit und des Berufsschutzes hat Physio Austria im Juni 2019 erste rechtliche Schritte gegen AnbieterInnen von Liebscher-Bracht, welche weder ÄrztInnen noch PhysiotherapeutInnen sind, in die Wege geleitet.  Hier konnten einige Erfolge verzeichnet werden. So wurde durch diese Initiative große Aufmerksamkeit erregt und die Auseinandersetzung zwischen zuständigem Bundesministerium und betroffenen Berufsvertretungen eingeleitet. Ebenso konnten bereits AnbieterInnen zur Unterlassung des Angebotes angehalten werden. Auch Anpassungen der Bewerbung über die „SchmerzspezialistInnen“-Plattform wurden vorgenommen. Es wird weiterhin an der Sensibilisierung der Behörden und der Bevölkerung gearbeitet.

(Nicht)Evidenzbasierung der Erklärungsmodelle Neben der Problematik der Betätigung von nicht befugten und qualifizierten Personen im Rahmen der Krankenbehandlung, lassen auch die Theorien bzw. Erklärungsmodelle, die hinter der Methode Liebscher-Bracht liegen, aufhorchen. So hat sich eine AutorInnengruppe eben damit befasst. „Keine Evidenz für die biomechanischen und pathophysiologischen Erklärungsmodelle muskuloskelettaler Erkrankungen nach Liebscher & Bracht“ – so der Titel des Beitrages der am 10.2. auf Thieme-connect.de publiziert wurde. Die AutorInnen rund um Arnold Suda, Abteilungsleiter Orthopädie und Traumatologie im Unfallkrankenhaus Salzburg, schließen den Beitrag wie folgt: „Die Erklärungsmodelle für muskuloskelettale Erkrankungen, wie sie von der Liebscher & Bracht Ausbildungen GmbH verwendet werden, sind nicht evidenzbasiert, da diese zum Teil unrichtige und irreführende Darstellungen komplexer physiologischer Vorgänge, muskuloskelettaler Erkrankungen und medizinischer Zusammenhänge beinhalten.

Erklärungsmodelle vs. Anwendung der Methodik PhysiotherapeutInnen sind grundsätzlich zur Anwendung der Methode befugt, zumal diese, wie auch andere Angebote, klassische Interventionen der Physiotherapie (siehe Bewegungstherapie, Faszientechniken, Akupressur) beinhaltet. Eine zeitgemäße, evidenzbasierte  physiotherapeutischen Behandlung erfolgt jedoch immer auf Basis eines entsprechenden Clinical Reasoning, verwendet gegenüber PatientInnen keine Erklärungsmodelle, die jeglicher Evidenz entbehren und ist auf einer breiten Auswahl aus Behandlungsmethoden aufgebaut. Eine wesentliche Rolle spielen dabei auch das Empowerment und die Stärkung der Health Literacy (Gesundheitskompetenz) von Patientinnen und Patienten sowie die dazugehörige Erklärung über die Entstehung von Pathologien nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft und von Wirkmechanismen, welche in der Behandlung zum Tragen kommen.

15. Februar 2022