Bewegung gegen den Winter Blues
Das Phänomen, sich im Winter durch oder mit gedrückter Stimmung weniger zu bewegen, ist allgemein als „Winter-Blues“ bekannt. Es betrifft viele Menschen und kann im Zusammenspiel mit biologischen, psychischen und sozialen Faktoren das Wohlbefinden beeinflussen.
Im Herbst und Winter verbringen wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen: Kürzere Tage, weniger Tageslicht und kalte Temperaturen verleiten uns dazu, drinnen zu bleiben und uns draußen seltener zu bewegen. Dies kann dazu führen, dass wir weniger aktiv sind, was nicht nur körperliche Folgen hat – wie Muskelabbau und reduzierte Leistungsfähigkeit – sondern sich auch negativ auf die Stimmung auswirken kann (Burns et al., 2021). Studien zeigen dabei deutlich, dass körperliche Aktivität und Aufenthalt im Freien mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sind (Hahn et al., 2011; Liu et al., 2025; Young et al., 2022).
Bio-psycho-soziale Aspekte der Bewegung im Winter Physiotherapie versteht unter Bewegung weit mehr als die Aktivierung von Muskeln oder Gelenken. Im Sinne einer bio-psycho-sozialen Betrachtung des Menschen berücksichtigt die Physiotherapie auch das Zusammenspiel mit dem Nervensystem sowie psycho-soziale Aspekte wie die Teilhabe am Alltag und Interaktionen mit anderen Menschen. Aus biologischer Sicht regt körperliche Aktivität die Ausschüttung von Dopamin und des brain-derived neurotrophic factor (BDNF) an, was Motivation, Antrieb und Stimmung fördert. Studien zeigen, dass Bewegung die Verfügbarkeit von Dopaminrezeptoren erhöht und die Neuroplastizität im Gehirn verbessert (Bastioli et al., 2022; Marques et al., 2021). Dadurch können Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Müdigkeit reduziert werden (Hird et al., 2024). Das bedeutet praktisch: Die Lern- und Anpassungsfähigkeit wird gesteigert, Entscheidungen fallen leichter, und die Stimmung hält.
Aus psycho-sozialer Sicht wirken zusätzlich regelmäßige soziale Kontakte, ausreichend Tageslicht und gezielte Bewegungen im Alltag präventiv gegen Stimmungsschwankungen und steigern das Wohlbefinden (Burns et al., 2021; Sommerlad et al., 2022; Stevens et al., 2021). Genau diese Aspekte werden in der Physiotherapie gezielt genutzt, um speziell in der dunklen Jahreszeit die Stimmung, Motivation und das Wohlbefinden mitzudenken und zu stärken.
5 Tipps für mehr Bewegung im Winter
- Tageslichtspaziergänge einplanen:
Schon 15 Minuten am Morgen oder zur Mittags-zeit an der frischen Luft tun Körper und Stimmung gut. - Kurze Bewegungseinheiten im Alltag:
2–3 mal täglich kleine Übungen im Sitzen oder Stehen, wie Kniebeugen, Beinheben oder Schulterkreisen, halten Muskeln und Gelenke fit. - Gleichgewicht gezielt trainieren:
Aufgrund von rutschigen oder nassen Winterböden regelmäßig Balanceübungen durchführen: Füße eng zusammenstellen, Einbeinstand, Gehen mit Kopfbewegungen, um Stürzen vorzubeugen. - Regelmäßige Bewegungsrituale:
Gruppenspaziergänge mit Freund*innen, Teilnahme an Bewegungsgruppen oder physiotherapeutischer Gruppentherapie bringen Bewegung und soziale Kontakte zusammen. - Bewegung zu Hause:
Auch drinnen aktiv bleiben: Beim Musikhören bewusst tanzen oder kleine Übungen im Sitzen machen, um Körper und Geist in Schwung zu halten.
Wie Physiotherapie beim Winter Blues wirken kann
Physiotherapeut*innen im Bereich Mental Health (PTMH) arbeiten mit Menschen aller Altersgrup-pen. Mental Health ist einerseits ein eigenständiger Fachbereich, an den man sich gezielt wenden kann, andererseits fließen Mental Health Aspekte auch in die physiotherapeutische Behandlung beispiels-weise bei Erkrankungen oder Verletzungen des Bewegungsapparates mit ein. Dabei werden die Zusammenhänge von Körper und Psyche sowie die therapeutische Beziehung im Einzel- oder Grup-pensetting berücksichtigt. Verschiedene Methoden der modernen, evidenzbasierten Physiotherapie werden systematisch kombiniert und individuell angepasst, um die Therapieziele zu erreichen. Der Therapieplan wird dabei auf Basis einer gezielten Befundaufnahme gemeinsam mit den Patient*innen entwickelt und so gestaltet, dass er sich gut in den Alltag integrieren lässt.
Abschließend wird deutlich, dass der Winter Blues kein „harmloses Phänomen“ ist, sondern ein Zusammenspiel von weniger Tageslicht, vermehrtem Aufenthalt drinnen, reduzierter Bewegung und möglichen psychischen Belastungen. Aus physiotherapeutischer Sicht eröffnen Bewegung und Aktivierung großes Potential: Lebensqualität, Mobilität und Wohlbefinden auch in der dunklen Jahreszeit zu erhalten und zu fördern.
Literatur:
Bastioli, G., Arnold, J. C., Mancini, M., Mar, A. C., Ga-mallo-Lana, B., Saadipour, K., Chao, M. V., & Rice, M. E. (2022). Voluntary Exercise Boosts Striatal Dopami-ne Release: Evidence for the Necessary and Sufficient Role of BDNF. The Journal of Neuroscience, 42(23), 4725–4736. https://doi.org/10.1523/JNEUROS-
CI.2273-21.2022
Burns, A. C., Saxena, R., Vetter, C., Phillips, A. J.
K., Lane, J. M., & Cain, S. W. (2021). Time spent in outdoor light is associated with mood, sleep, and circadian rhythm-related outcomes: A cross-sectional and longitudinal study in over 400,000 UK Biobank participants. Journal of Affective Disorders, 295, 347–352. https://doi.org/10.1016/j.jad.2021.08.056
Hahn, I. H., Grynderup, M. B., Dalsgaard, S. B., Thomsen, J. F., Hansen, Å. M., Kærgaard, A., Kærlev, L., Mors, O., Rugulies, R., Mikkelsen, S., Bonde, J. P., & Kolstad, H. A. (2011). Does outdoor work during the winter season protect against depression and mood difficulties? Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 37(5), 446–449. https://doi. org/10.5271/sjweh.3155
Hird, E. J., Slanina-Davies, A., Lewis, G., Hamer, M., & Roiser, J. P. (2024). From movement to motivation: A proposed framework to understand the antidepressant effect of exercise. Translational Psychiatry, 14(1), 273. https://doi.org/10.1038/s41398-024-02922-y
Liu, K., Guo, C., Xie, J., & Cheng, L. (2025). Outdoor ac-tivity time and depression risk among adults aged 40 years and older: A cross-sectional analysis of NHANES 2011–2018 data. Frontiers in Psychology, 16, 1506168. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1506168
Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., & Ihle, A. (2021). Bidirectional Association between Physical Activity and Dopamine Across Adulthood—A Syste-matic Review. Brain Sciences, 11(7), 829. https://doi. org/10.3390/brainsci11070829
Sommerlad, A., Marston, L., Huntley, J., Livingston, G., Lewis, G., Steptoe, A., & Fancourt, D. (2022). Social relationships and depression during the COVID-19 lockdown: Longitudinal analysis of the COVID-19 Soci-al Study. Psychological Medicine, 52(15), 3381–3390. https://doi.org/10.1017/S0033291721000039
Stevens, M., Lieschke, J., Cruwys, T., Cárdenas, D., Platow, M. J., & Reynolds, K. J. (2021). Better together: How group-based physical activity protects against depression. Social Science & Medicine, 286, 114337. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2021.114337
Young, D. R., Hong, B. D., Lo, T., Inzhakova, G., Cohen, D. A., & Sidell, M. A. (2022). The longitudinal associa-tions of physical activity, time spent outdoors in nature and symptoms of depression and anxiety during CO-VID-19 quarantine and social distancing in the United States. Preventive Medicine, 154, 106863. https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2021.106863
AutorIn
Hannah Moser, BSc BA
Assistentin der Geschäftsleitung