Tanzen in der Physiotherapie
Wie Tanz die Heilungsprozesse in der Physiotherapie unterstützen kann.

Beschwingt genesen

Tanz weckt Lebendigkeit und Kreativität, fördert das Bewusstsein für den eigenen Körper mit all seinen Bewegungsmöglichkeiten… auch in der physiotherapeutischen Behandlung? 

Als ich nach Jahren eine Patientin wieder traf, die ich auf Grund ihres Bandscheibenvorfalls behandelt hatte, erzählte sie mir, wie befremdlich es für sie damals war, dass ich auf einmal während der physiotherapeutischen Behandlung Musik auflegte! Ich leitete sie an, ihre Wirbelsäule zur Musik dort sanft in Bewegung zu bringen, wo es schmerzfrei möglich war und die schmerzhaften Stellen immer mehr zu integrieren. So befremdlich es für sie anfangs war, so befreiend und schmerzlösend wurde es im Verlauf der Therapie für sie, sich auf die tanzende Bewegung zur Musik einzulassen. Es wurde für sie zu einem Schlüsselerlebnis, das ihr einen neuen, heilsamen Zugang zu ihrem Körper ermöglichte, der sie bis heute schmerzfrei sein lässt. 

Schmerzhafte Bewegungseinschränkungen können die Betroffenen sehr verunsichern und Ängste wecken. Sie wissen nicht mehr, welche Bewegungen noch ‚erlaubt‘ sind, welche ihnen guttun, welche ihnen nicht guttun bis dahin, dass sie ihren Bewegungsradius noch mehr einschränken als notwendig. Das führt zu Muskelverspannungen, die sich negativ auf die schmerzhaften Bewegungseinschränkungen auswirken. Auf welche Weise kann Tanz diesen Teufelskreis durchbrechen? 

Sich auf den Rhythmus und die Stimmung der Musik einzulassen, bringt die eigene Bewegung ins Fließen, die vorher durch Ängste und Schmerzen blockiert war. Indem die Patient*innen die eigene Bewegungskreativität im Tanz entdecken, stärken sie ihre Selbstwirksamkeit. Sie fühlen sich nicht länger als Opfer ihrer Erkrankung, sondern erleben, wie sie selbst den Umgang damit gestalten können. 

Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass sich die Patient*innen im therapeutischen Setting sicher fühlen und Vertrauen haben, sich jenseits von richtig und falsch in der tänzerischen Bewegung ausprobieren zu können. „Es ist die Kunst einer Therapeutin/eines Therapeuten das Gefühl der Sicherheit zu geben, die es braucht, um sich zu dehnen und mutig neue Erfahrungen machen zu können, eine Atmosphäre zu schaffen, die in Respekt und Achtsamkeit Angst nimmt und Raum gibt, die eigenen Potentiale zu entdecken und blockierte Emotionen freizusetzen.“ So formuliert es der Arzt und Psychotherapeut Dr. Hans Wögerbauer in seinem Buch ‚Irgendwann kommt nie`. 

Tänzerische Bewegung ist wie jede Bewegung definiert durch den RAUM, den sie einnimmt, die ZEIT, in der sie stattfindet, die KRAFT, die verwendet wird und den Bewegungsansatz von dem sie ausgeht. Daher kann auch die bewusste Gestaltung dieser Faktoren das Bewegungspotential differenzieren und erweitern. Weite ich mich aus im Raum oder enge ich mich selbst ein? Welches Tempo tut mir gut? Wieviel Kraft verwende ich für meine Bewegungen? Welcher Körperteil führt meine Bewegungen an? 

Tanzen unterstützt in der Physiotherapie

Im Tanz gibt der Körper ehrliche Antworten auf diese Fragen. In der freien Bewegung zu Musik lässt sich erleben, wie die gewohnten Antworten auf diese Fragen lauten, die möglicherweise auch zur Bewegungseinschränkung geführt haben. Es lassen sich aus der eigenen Bewegungskreativität neue Antworten finden, die Verspannungen und Blockaden lösen und heilsames Bewegungspotential freilegen. Oft zeigen sich in diesem Prozess Emotionen, die im Unterbewusstsein geschlummert haben und im psychosomatischen Kontext zu den körperlichen Beschwerden stehen. Ihnen Raum zu geben, sich im Tanz auszudrücken, hat eine heilsame Wirkung auf den Menschen in seiner Gesamtheit.

Für viele meiner Patient*innen ist Tanzen daher zu einem fixen Bestandteil ihres Lebens geworden. Sich einmal wöchentlich im Kurs frei tanzend wahrzu-nehmen und zu entfalten, bringt immer wieder neue Lebensfreude und Vitalität in Schwung. Dabei in Resonanz mit den anderen Teilnehmenden zu sein, schafft eine Verbundenheit in der Gruppe, die sie über das gemeinsame Tanzen hinaus durch ihren Alltag trägt. Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung der Integration des Tanzes in der physiotherapeutischen Einzel- und Gruppenarbeit die Worte aus der christlichen Mystik, die vermutlich dem Mystiker Augustinus (354-430 n. Chr.) zugeschrieben werden, bestärken: "Ich lobe den Tanz, denn er befreit den Menschen von der Schwere der Dinge, bindet den Vereinzelten an die Gemeinschaft. Ich lobe den Tanz, der alles fordert und fördert, Gesundheit und klaren Geist und eine beschwingte Seele."

AutorIn

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Andrea von der Emde

Aus der Ausgabe

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2024|09

Bewegt-Magazin September 2024

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