Physiotherapie hilft Kindern mit chronischer Obstipation

Verstopfung bei Kindern - was tun?

von Sabine Bauer-Mittermayr, MSc

Die Obstipation, also Verstopfung, im Kindesalter ist einer der zehn häufigsten Gründe, warum Eltern mit ihrem Kind eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. Vor allem bei Kindern ab einem Alter von zwei Jahren ist sie eine der häufigsten Ursachen für wiederkehrende Bauchschmerzen. Wie Physiotherapie helfen kann und Beispiele für wirksame Übungen, erklärt Physiotherapeutin Sabine Bauer-Mittermayr.

Die Ursachen von Verstopfungen sind vielfältig. Neben organischen und funktionellen Gründen werden bei bis zu einem Fünftel der Kinder psychische Ursachen, wie zum Beispiel Änderungen im gewohnten Alltag, die Geburt eines Geschwisterkindes, Trennung der Eltern, ein Todesfall oder auch die Interaktion mit anderen Kindern und in seltenen Fällen sexueller Missbrauch, vermutet.

Wenn „auf’s Klo“ gehen schmerzhaft wird

Die Entleerung der angesammelten harten Stuhlmassen im Mastdarm kann für die Kinder schmerzhaft sein. Aus Angst vor Analfissuren (Rissen oder Geschwüren in der Schleimhaut des Afters) oder schmerzhafter Dehnung, halten die Kinder den Stuhl weiter zurück, was wiederum die Obstipation verschlimmert und in weiterer Folge mit einer Beeinträchtigung des Reflexbogens einhergeht. Die Kinder spüren nicht mehr, wenn sich der flüssigere Stuhl aus dem oberen Teil des Dickdarms an den harten Stuhlmassen vorbeischiebt, was zur so genannten „Überlauf-Enkopresis (Einkoten)“ führt (fälschlicherweise fällt der Verdacht immer wieder auf Stuhlinkontinenz).

Mit chronischer Obstipation können neben Blutauflagerungen auch eine Enuresis (Einnässen) sowie Harnwegsinfekte im Zusammenhang stehen.

Da Funktionsstörungen des Beckenbodens ein sehr komplexes Themenfeld abdecken, ist neben der zu Grunde liegenden ärztlichen Diagnostik und medikamentösen Therapie eine interdisziplinare Zusammenarbeit zwischen Diätologie, Psychologie und Physiotherapie sinnvoll, um diesen für Eltern und Kind belastenden Teufelskreis zu durchbrechen.

Von der Anamnese bis zur Behandlung

Von physiotherapeutischer Seite ist anamnestisch vor allem die Bewegungsfreude und die bevorzugte Position bei der Stuhlentleerung (beim Baby die Position der Beine / des Beckens; die Körperhaltung bei Stuhlentleerung in die Windel und später die Position am Topferl oder auf der Toilette …) zu erfragen. Inspektorisch bzw. palpatorisch nimmt die Beweglichkeit der Wirbelsäule, des Beckens, die Haltung allgemein, die Wahrnehmung aber auch speziell die Gleitfähigkeit und Beweglichkeit der Organe sowie die Spannungsverhältnisse des Beckenbodens einen großen Stellenwert ein. Die Behandlung wird in Folge speziell auf das Kind und dessen Beckenboden abgestimmt und individuell angepasst.

Die Behandlung der Obstipation und der damit eventuell einhergehenden Enkopresis kann sich über einen langen Zeitraum erstrecken und bedarf einer aufwändigen Betreuung von Kind und Eltern. Wichtige Bestandteile der physiotherapeutischen Behandlung sind dem Alter des Kindes angepasst.

Wichtig bei der Behandlung ist natürlich, dass sich das Kind im Therapiesetting wohl fühlt und eine Vertrauensbasis zur Therapeutin / zum Therapeuten geschaffen wurde. Eine kindgerechte Erklärung der Anatomie und Funktion des Beckenbodens sowie der Beckenorgane kann einen guten Grundstein dafür legen.

Dazu gehören:

  • die generelle Bewegungsfreude: ganzkörperliche Bewegungen fördern die Beweglichkeit des Darms und so die Verdauung insgesamt,

  • die Haltung des Kindes: eine aufrechte, entspannte Haltung führt zu einer qualitativ besseren Funktion von Darm und Beckenboden,

  • die Beweglichkeit von Wirbelsäule, Becken, Bauch- und Beckenorganen: somit ist die Versorgung durch Nerven und Blutgefäße sowie die

  • die Wahrnehmung: ganzkörperlich, aber auch konkret des Beckenbodens und des Füllungszustands des Rectums / der Blase,

  • adäquate Ent- und Anspannung des Beckenbodens: kindgerecht aufbereitet sowie

  • die förderlichen Positionen für die Entleerung von Rectum und Blase.

 

 

Literatur:

https://aerztezeitung.at/2014/oaz-artikel/medizin/ retentive-enkopresis-verstopfungsfolge-obstipation-univ-prof-almuthe-hauer-univ-doz-bettina-bidmon-fliegenschnee/

https://aerztezeitung.at/2013/oaz-artikel/medizin/obstipation-defaekation-rhagaden-analfissur/

Patienten-Broschüre „Physiotherapeutische Maßnahmen bei Funktionsstörungen des Beckenbodens im Kindesalter“ der Kepler Universitätsklinik, erstellt durch die Physiotherapie des IPM Med Campus 4, Leitung Prim. Dr. Mittermaier

 

Aus der Ausgabe

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2021|12

Bewegt-Magazin Dezember 2021

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