SSPS-Bericht: EXERCISE IS GOOD FOR THE BRAIN!

Am 2. und 3. Oktober 2015 fand im Unipark-Nonntal das bereits vierte Sportphysiotherapie-Symposium zum Thema „Sensomotorische Kontrolle in Rehabilitation und Prävention“ statt. Ausrichter waren der Fachbereich für Sport- und Bewegungswissenschaft/USI der Universität Salzburg in Kooperation mit „spt-education“ und dem fachlichen Netzwerk Sportsphysiotherapie von Physio Austria. Mehr als 200 KollegInnen aus den Bereichen Physiotherapie, Sportphysiotherapie und Sportwissenschaft haben am Symposium teilgenommen, dass 6 Sessions mit 12  Vorträgen und 10 Workshops umfasste (die je 3 x angeboten wurden).

Vizerektor, Univ. Prof. Dr. Erich Müller, der wissenschaftliche Leiter des Symposiums, betonte, dass es ihn besonders freut, dass Top Forscher aus den verschiedenen Bereichen der Einladung gefolgt sind und sofort zur Veranstaltung zugesagt haben, was für die Qualität der Einladung und dem Stellenwert des Symposiums spricht.

Karl Lochner, Leiter fachliches Netzwerk Sportphysiotherapie überbrachte Grußworte der  Präsidentin von Physio Austria, Silvia Meriaux-Kratochvila, die sich für die immer konstruktive und partnerschaftliche Kooperation mit der Sportuni Salzburg, im Besonderen mit Herrn Prof. Müller und auch mit Herrn Prof. Schwameder, bedankte.

Hans-Josef Haas (Sportwissenschafter, spt education) wies in seinen Eröffnungsworten auf  die Entwicklung im Bereich Sensomotorik hin: ... von Propriozeption vor 30 Jahren zur sensomotorischen Kontrolle und die Bedeutung für die Prävention, Rehabilitation und der Steigerung der Leistungsfähigkeit im Jahr 2015“.

Romain Meussen: „Exercise is good for brain“

In den Feedbackbögen am Besten bewertet war der Keynote Speaker Romain Meussen mit seinem Vortrag „Exercise is good for brain“. Aerobes Bewegen (40 min Walking, 2 – 3 x pro Woche) und Krafttraining haben einen positiven Effekt auf die Neurogenese, auch im hohen Alter. Keine Wirkung hat z. B. Stretching oder Sport in Umgebung mit hoher Abgasbelastung. Auch Alkohol beeinflusst die Neurogenese negativ. In einer Studie mit 7-9jährigen Kindern und aeroben Bewegen wurden positive Auswirkungen auf Fitness, Konzentration, Gedächtnisleistung und gedankliche Flexibilität festgestellt. Dies gilt auch für ältere Personen (Krafttraining 24 Wochen, 1 – 3 x pro Woche). Der für die Neuroplastizität verantwortliche Faktor ist BDNF (Brain-Derived-Neurotrophic-Factor).

Thorsten Stein: „Koordination und Koordinationstraining – wissenschaftliche Grundlagen und methodische Hinweise“:

Er gab zu Beginn einen Überblick über Begriffsdefinitionen sowie synonym verwendete Begriffe und präsentierte anschließend seine Formel für ein ideales Koordinationstraining (Druckbedingungen + Vielfalt + einfache Fertigkeiten = Koordinationstraining). Da Phänomene geringer Transferwirkungen zwischen unähnlichen Situationen beobachtet werden können, ist aus seiner Sicht ein sportartspezifisches Koordinationstraining besonders wichtig, vor allem im Leistungssport.

Wolfgang Taube: „Posturale Kontrolle und Gleichgewichtskontrolle“

Er ging in seinem Vortrag auf die Veränderungen durch Gleichgewichtstraining ein. Er sprach  von sensomotorischem Training und stellte klar, dass der Begriff Propriozeptionstraining  gestrichen werden kann, da durch das Training deutlich mehr Anpassungen passieren als nur in den Propriozeptoren.

Er stellte Studien vor in denen durch Training auf labilen Unterlagen die Kraft verbessert  wurde, insbesondere die Kraft stieg an. Die Verbesserung der Verletzungsprophylaxe und Sturzprophylaxe stellen  für uns in der (Sport-)Physiotherapie einen wichtigen Aspekt dar.

Physiologisch kommt es durch sensomotorisches Training zur Hemmung von Reflexen (die Reflexzeit reicht auch nicht aus um z.B. ein Sublux tali zu verhindern)   und zu strukturellen Anpassungen im Gehirn.

Nicola Maffiuletti: „The contribution of modern strength training to rehabilitaion and prevention“. In diesem Vortrag kam es zu folgenden Vergleichen:

Neurale versus muskuläre Faktoren: anfänglich passiert eine schnelle neurale Adaptation (schon ab erster Therapie-Einheit), man muss jedoch auch von Anfang an intensiv an der Propriozeptiven Fähigkeit arbeiten. Wichtig wäre ab erster Therapie z.B. Gleichgewichtstraining wie Einbeinstand etc.; weiter kommt es auch bei kontralateraler Stimulation mit gleichzeitiger Ansteuerung der betroffenen Seite kommt es zu deutlich erhöhter Aktivierung von Muskelfasern. Zusätzlich kann auch durch den sogenannten Starteffekt – wie lautes Anfangs-Kommando, Schreien beim Tennis etc. – mehr Muskelaktivität erreicht werden.

Explosiv- versus Maximalkrafttraining: Explosivkraft ist funktioneller zur Kraftsteigerung als Krafttraining im Ausdauer oder Hypertrophie Bereich. Auch ist es sensitiver für Trainingsvariationen; die neuronale Ansteuerung wird durch Explosivkrafttraining verbessert.

Exzentrik- versus Konzentriktraining: positive Aspekte des Exzentriktrainings können nachgewiesen werden, diese stellt auch eine sehr effektive Trainingsmethode hinsichtlich der Optimierung der neuronalen Ansteuerung dar.

Erschrecken (Pistolenschüsse!) oder auch Fluchen (!) können ebenfalls durchaus positive Auswirkungen haben durch die  Stimulation und Steigerung der willkürlich maximale Kraftentfaltung. 

Robert van Cingel: "Plasticity of the human motor system and orthopaedic rehabilitation"

Robert van Cingel vom niederländischen Olympia Stützpunkt zeigt uns anhand zahlreicher Studien die Wichtigkeit des Sensomotorischen Trainings in der Rehabilitation von muskuloskeletalen Verletzungen. Jede Verletzung führt neben dem strukturellen Schaden auch zu einer Veränderung im Zentralnervensystem. Dies könnte ein Grund  sein für eine Chronifizierung trotz vollständiger Ausheilung des verletzten Gewebes sein oder könnte zu einer neuerlichen Verletzung führen. In der Rehabilitation müssen daher hohe sensomotorische Anforderungen an die Athleten gestellt werden um neben dem verbessernder  motorischen Grundeigenschaften  auch das neuromotorische System flexibler zu machen.

Christian Larsen: „Spiraldynamik“

Die Spiraldynamik leitet sich von der Evolution der Fortbewegung der Wirbeltiere ab. Daraus ergibt sich eine spiralige Anordnung und Funktion der Extremitäten und der Wirbelsäule. Diese spiralige Verschraubung führt zu Stabilität in der Statik und Dynamik. Die Patienten werden zunächst klinisch untersucht und dann im Verständnis der spiraldynamischen Prinzipien und der Körperwahrnehmung geschult bevor in der Therapie funktionelle 3-dimensionale Bewegungsmuster eingeübt werden. Danach wird der Transfer in Alltag, Beruf und Sport trainiert. Gute Erfolge zeigen sich lt. Seinen Angaben bei Fußdeformitäten (Hallux valgus – 30 % der Patienten und Patientinnen verzichten auf eine Operation). Auf Nachfrage von Mario Bizzini (Researcher und Sportphysiotherapeut) musste Christian Larsen eingestehen, dass darüber keine Studien existieren.

Michael J. Grey:  "The neurophysiological basis of plasticity"

Im Zuge der heutigen modernen Rehabilitation wird die neuronale Plastizität  als Basis herangezogen. Studien belegen die Reorganisation unseres Gehirns nach Verletzungen oder Nicht-Gebrauch (z.B. Immobilisation, Amputationen, Hemiplegie). Unser Gehirn hat die Fähigkeit sich zu adaptieren im positiven wie auch im negativen Sinne, was anhand bildgebender Verfahren, wie z. B. Funktionelle MRI, nachgewiesen werden kann. Veränderungen im sensomotorischen Kortex können beeinflusst werden über herausfordernde und progressive Trainingsreize, Motivation, funktionelle und sportart-spezifische Übungsauswahl, hohe Wiederholungsanzahl,….Wichtige Schlüsselaussage: „Train the brain – the brain can change“.

Nicole Wenderoth: Sensomotorisches Training in der modernen Neurorehabilitation“

Die Kernaussage von Nicole Wenderoth in ihrem Vortrag über Neurorehabilitation war die Unterforderung vieler Patienten, d.h. der Umfang des Übungsprogrammes ist meist zu gering – sie empfahl u.a. als Übungsmittel einen Schaukelstuhl um darin sitzend mit Armen und Beinen auch während des Tages zu trainieren.

Dianne Andreotte Jackson: „How sensori-motor-control training can affect musculoskeletal pain - a clinical example“

Dianne Andreotti Jackson’s Thema war der Einfluss der Sensomotorischen Kontrolle auf das Auftreten von muskuloskeletalem Schmerz. Interessant am Vortrag war,  dass sie zuerst die schmerzhafte (funktionelle) Bewegung testet und erst danach klinische Tests durchführt – sie will keine Veränderungen durch die klinischen Tests herbeiführen.

Im  Arbeitsbericht des fachlichen Netzwerks Sportphysiotherapie wurde über aktuelle Themen wie Spezialisierung (Vortrag Karin Tresohlavy), die durchgeführte Umfrage 2014 (Patrick Valenta) und die Special Olympics (Hans-Peter Hagmüller) berichtet. Karl Lochner stellte noch ein vom fachlichen Netzwerk beschlossenes Organigramm vor, dass interessierten KollegInnen die Mitarbeit im Netzwerk schmackhaft machen soll.

In den Schlussworten wies Prof. Hermann Schwameder noch auf die hohe wissenschftliche Qualität der Vorträge hin – die Physiotherapie hat hier noch Nachholbedarf. Christian Larsen, der das Spiraldynamikkonzept vorstellte und unter anderem berichtete, dass 1/3 der Menschen mit Hallux Valgus nach der Behandlung mit Spiraldynamik auf eine Operation verzichten. Mario Bizzini, Researcher und Physiotherpeut, merkte an, dass darüber doch eine Studie gemacht werden sollte.  

AutorInnen: Karl Lochner, Christian Paumann, Gernot Mayr, Karin Tresohlavy, Hans-Peter Hagmüller, Patrick Valenta, Barbara Kern

Vizerektor, Univ. Prof. Dr. Erich Müller
Vizerektor, Univ. Prof. Dr. Erich Müller
Hans-Josef Haas, Sportwissenschafter, spt-education
Hans-Josef Haas, Sportwissenschafter, spt-education
Karl Lochner, Leiter fachliches Netzwerk Sportphysiotherapie von Physio Austria
Karl Lochner, Leiter fachliches Netzwerk Sportphysiotherapie von Physio Austria