Medienauftritt Liebscher-Bracht

Kommentar zu Kurier-Artikel "Warum eigentlich? – Schmerztherapie mit YouTube Star“

Ein Artikel und ein Interview mit Liebscher-Bracht rücken die vieldiskutierten Methoden erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Den Artikel aus dem Kurier, der auch in der Print-Version abgedruckt wurde, finden Sie hier. Das zusätzlich zum Artikel veröffentlichte Interview ist online nicht zu finden. Aus rechtlichen Gründen dürfen wir eine Kopie der Print-Version an dieser Stelle nicht hochladen. Im Interview tätigt Liebscher-Bracht Aussagen mit konkretem Physiotherapiebezug. Diese Aussagen kommentiert der Physiotherapeut, Wissenschaftler und Physio Austria-Funktionär Bernhard Taxer fachlich wie folgt:

 

Fachkommentar

Roland Liebscher-Bracht und sein Konzept, welches er laut eigenen Aussagen in den letzten 30 (!) Jahren gemeinsam mit seiner Frau, einer Ärztin, „erforscht“ und entwickelt hat, sind nicht nur Dauerbrenner von durchaus polemischen Diskussionen in diversen Sozialen Medien, sondern auch regelmäßig Thema in den unterschiedlichsten TV-Formaten des deutschsprachigen Raums.
Der selbsternannte Schmerzspezialist wartet dabei mit teilweise spektakulär anmutenden Ergebnissen seiner Behandlungsmethode auf, insofern als es ihm und seinen mehreren Tausend ausgebildeten SchmerztherapeutInnen (dieser Begriff ist nicht geschützt) gelingt, schmerzgeplagte Menschen innerhalb einer Therapie um bis zu 90 % von ihren Beschwerden zu befreien. Er gibt dabei nicht nur nicht publizierte Daten an, sondern verspricht sogar eine „Heilung“ durch die propagierte Behandlungsmethode.
Aufgrund des publizierten Beitrags ist es ein Anliegen, wesentliche Punkte richtigzustellen bzw. auch Aspekte des Gesagten zu reflektieren und auf Basis grundlagenwissenschaftlicher Aspekte zu kommentieren.

Was hat es mit den angesprochenen Osteopressur-Punkten auf sich?
Literatur-Recherchen in anerkannten medizinischen Suchmaschinen wie PubMed oder der Cochrane-Library ergeben keinerlei Ergebnisse mit Ausnahme einer noch aktuell laufenden Studie in Österreich zum Thema Subakriomales Impingement, diesbezüglich liegen aber aktuell keine Daten vor. Das Konzept selbst wird in den Suchmaschinen gar nicht gelistet, einzig die sehr professionell aufbereitete Homepage liefert einen Eindruck, wie das Konzept funktionieren soll und welches Denkmodell diesem zu Grunde liegt. Im deutschsprachigen Raum haben sich in den letzten Jahren schon mehrere Beiträge mit der Gruppe um Liebscher-Bracht befasst. Zusammenfassend entbehrt das Denkmodell zum Thema Schmerz beinahe jedweder neurophysiologischen Grundlage. Es werden zwar periphere und zentralnervöse Vorgänge (Hirnareale, Rezeptoren, Verschaltungen) angeführt, diese aber durch ihre simplifizierte Ausführung derart falsch propagiert, und somit in Anbetracht der aktuellen neuro-immunologischen Forschung zu diesem Gebiet obsolet erscheinen. So fällt im gesendeten TV-Beitrag zum Beispiel der Ausdruck „Überspannungsprogramme im Gehirn – welche überschrieben werden können“. Dem Autor dieser Zeilen ist keine grundlagenwissenschaftliche Literatur bekannt, in welcher dieser Ausdruck und eine derartige Möglichkeit der „Überschreibung“ seriös untersucht bzw. beschrieben wurde. (Dass dem Autor keine Literatur bekannt ist, bedeutet zwangsläufig natürlich nicht, dass es diese nicht gäbe). Des Weiteren ist auch nicht nachvollziehbar welche „Rezeptoren“ an den Knochen „sitzen“, die durch die beschriebene Technik „stimuliert“ werden um „durch eine direkte Verbindung zum Gehirn“ zu wirken. Dieses Denkmodell entbehrt ebenfalls neurophysiologischen Grundlagen und wird auch nirgends, mit Ausnahme einschlägiger LnB-Literatur, beschrieben.
Dass durch Bewegung und Berührung zentralneurologische Lernprozesse stattfinden, und dabei unter anderem sensomotorische und somatosensorische Areale des Zentralnervensystems inkludiert sind, ist unumstritten. Das Wording und die Vereinfachung inklusive des streitbaren „bottom-up“-Effektes einer passiven Intervention und deren Effekte bleiben massiv kontrovers. Selbst ForscherInnen, die tatsächlich seit Jahrzehnten auf höchstem Niveau zu diesem Bereich forschen, liefern selten derart klare Antworten, in apodiktischer Art und Weise, wie es dieses Konzept tut.

Warum funktioniert es scheinbar so gut?
Nichtsdestotrotz scheint diese Vorgehensweise zu funktionieren und hat, wie so viele andere Konzepte auch, seine Wirkung und positiven Effekte. Woran liegt das? Und ist dem tatsächlich so? Letztere Frage lässt sich auf Grund der fehlenden Datenlage seitens LnB-Studien nicht beantworten.  Zum ersten Punkt ist allerdings zu sagen, dass neben diversen unspezifischen Effekten (Erwartungshaltung der PatientInnen, Auftreten der TherapeutInnen, Suggestion), die im Zuge eines Behandlungs-Settings bestehen, es zwar bei Weitem noch nicht zur Gänze wissenschaftlich geklärt und verstanden wird, aber inzwischen relativ gut nachvollziehbar ist, dass jede Intervention neurophysiologische und immunologische Prozesse in Gang setzt, die zu endogenen neuromodulatorischen Hemmungsvorgängen (central pain modulation, endogene opioid-und cannabinoid-induzierte Inhibition) führen können und somit kurzfristige Reduktion einer Symptomatik und verbesserte Funktionsfähigkeit erzielen. Damit unterscheidet sich das Konzept LnB in keiner Weise von anderen therapeutischen Zugängen.
Ein positiver Zugang seitens LnB ist der aktive Ansatz der Therapie. Dieser wird mittels, nicht gerade „innovativen“ oder „neuartigen“ aber durchaus bewährten Dehn- und Bewegungsübungen vermittelt. Dabei muss allerdings kritisch hinzugefügt werden, dass Dehnungen scheinbar nicht besser wirken bzw. Verletzungen oder „Schäden“ vorbeugen als jede andere moderate Bewegungsform auch.
Der Aussage, dass PhysiotherapeutInnen „Dehnung nur in passiver Form“ durchführen ist jedoch in aller Deutlichkeit entgegenzutreten. Neben dem Aspekt, dass „Dehnen“ per se seit Jahrzehnten wissenschaftlich kontroversiell zu betrachten ist und die Literatur nach wie vor weder zu den Grundlagen noch zu Wirkung und Effekten eindeutige Aussagen liefert, ist der Bereich der Beweglichkeit einer der trainingstherapeutischen Eckpfeiler neben Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination. All diese genannten Themen werden in eine neuro-muskulo-skelettale Rehabilitation, welche passive Maßnahmen ebenso beinhaltet wie einen aktiven Übungs- und Trainingstherapeutischen Zugang, auf Basis eines strukturierten Clinical Reasoning Prozesses erfasst und individuell implementiert. Diese Vorgehensweise wird hierzulande in einer dreijährigen akademischen Ausbildung gelehrt, geübt und in vielen praxisbezogenen Einheiten umgesetzt und reflektiert.

Differentialdiagnose bei LnB?
Damit muss zu guter Letzt auf eine der für den Autor am kritischsten zu betrachtenden Aussagen von Hr. Liebscher-Bracht Stellung genommen werden. Er behauptet, eine „saubere Differentialdiagnostik“ durch die Testung bzw. Behandlung der Knochenpunkte durchzuführen. Dem ist aus physiotherapeutischer Sicht auf das schärfste entgegenzutreten. Auch wenn gefährliche, spezifische oder maligne Geschehen in aller Regel die Seltenheit sind, können sie sich in verschiedenen Ausprägungen maskieren und werden häufig leider erst sehr spät erkannt. Differentialdiagnose benötigt neben einer ausführlichen Anamnese und dementsprechenden Screening-Fragen auch Untersuchungsmethoden die über ein „ungefährliches Drücken an Knochenpunkten“ hinausgehen. PhysiotherapeutInnen haben durch die dreijährige Ausbildung in Österreich die eigenverantwortliche Aufgabe, PatientInnen zu untersuchen und eine adäquate und klinisch nachvollziehbare Dokumentation zu führen. Es liegt in der Verantwortung der BehandlerInnen, diese in einer Form durchzuführen, dass gefährliche Situationen erkannt werden und nach Rücksprache mit dem zuweisenden Arzt bzw. der zuweisenden Ärztin weitere Untersuchungsschritte veranlasst werden können. Dieses Handeln erfordert neben Berufserfahrung und pathophysiologischem Grundlagenwissen eine Vertiefung in mögliche valide „Red-Flag“-Symptome. Auch malignes Geschehen kann eine kurzfristige Verbesserung nach einer Behandlung durch bereits genannte Vorgänge aufweisen. Im Sinne der PatientInnen-Sicherheit ist daher vom beschriebenen Vorgehen durch Hr. Liebscher-Bracht abzuraten.

Zusammenfassung
Bewegung ist eines der Schlüsselelemente zur Verbesserung von akuten und vor allem chronischen Beschwerden des Bewegungsapparates. Internationale Leitlinien sind sich einig, dass es teilweise unwesentlich ist, welche Bewegungsform durchgeführt wird, solange sie den Betroffenen Freude macht und regelmäßig durchgeführt wird. Zumindest in diesem Punkt kann man dem Konzept LnB positive Aspekte abgewinnen, nämlich jene, dass sie PatientInnen versuchen zu Bewegung zu animieren. Über die Form und den Zugang dazu wird man auch in Zukunft noch auf konstruktiver Ebene diskutieren können.

Bernhard Taxer, MSc
für Physio Austria

 

Physio Austria prüft derzeit rechtliche Schritte und wird über die weitere Vorgehensweise informieren.

 

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