Fachliche Auseinandersetzung mit Medienberichten zum Thema „Yoga wirkt so gut wie Physiotherapie“

Am 22. Juni 2017 sind in zwei österreichischen Medien Artikel veröffentlicht worden, die von einer US-amerikanischen Studie berichten, laut welcher Yoga bei Rückenschmerzen in gleichem Maße hilft wie Physiotherapie. Physio Austria, der Bundesverband der PhysiotherapeutInnen Österreichs, hat sich mit den Inhalten näher auseinandergesetzt.

Grundsätzlich handelt es sich bei der in den Medienartikeln erwähnten Studie (http://bit.ly/2shf6Iv) um eine statistisch sauber durchgeführte Arbeit, die drei Interventionen über eine Population von 320 TeilnehmerInnen vergleicht. Die ProbandInnen waren vorwiegend weiblich und stammten aus eher schlecht verdienenden Kreisen. Untersucht wurde die Wirksamkeit von drei Interventionen (Yoga, Physiotherapie und Edukation) beim chronisch unspezifischen Rückenschmerz (Low Back Pain, länger als 12 Wochen). Festzuhalten ist, dass sich diese Interventionen bei gutem, umfassendem und vor allem aktuell evidenzbasiertem Clinical Reasoning nicht ausschließen, sondern im Gegenteil sogar ergänzen. Nicht erkannt werden können aber eine durchgängige Signifikanz der Werte (im Vergleich der jeweiligen Wirksamkeit) und eine klinische Relevanz der beschriebenen Interventionen.

Wesentlich ist, dass die Physiotherapie in der Studie gleichgesetzt wird mit der Treatment Based Classification (TBC). Das ist das Hauptproblem: Physiotherapie in Österreich ist vielschichtiger und vielfältiger als TBC.

Bei Treatment Based Classification handelt es sich um einen klar vorgegebenen Algorithmus, welcher vor allem in den USA praktiziert wird (http://www.physio-pedia.com/Treatment_Based_Classification_Approach_to_Low_Back_Pain). Damit kann die Behandlung nicht gleichgesetzt werden mit Physiotherapie, wie sie in ihrer Gesamtheit – dem physiotherapeutischen Prozess folgend – in Österreich durchgeführt wird. Es ist hervorzuheben, dass eine Vorgehensweise nach der TBC international nicht mehr State of the Art ist. Diese Interventionen entsprechen auch nicht der aktuellen Nationalen Versorgungsleitlinie aus Deutschland (Stand: März 2017) für chronisch unspezifischen Rückenschmerz. In der vorliegenden, umfassend ausgearbeiteten Leitlinie wird PatientInnenedukation im Rahmen eines multimodalen Behandlungsansatzes erfasst. Dazu ist hinzuzufügen, dass Edukationsmaßnahmen in Kombination mit aktiven Interventionen deutlich mehr Effektivität aufweisen und in diesem Sinne auch mit hohem Empfehlungsgrad empfohlen wird.

Die Aussage, Yoga wirke so gut wie Physiotherapie, darf deshalb nicht stehen bleiben, da der korrekte Vergleich in Bezug auf den Inhalt der Physiotherapie nicht gegeben ist.

Yoga, korrekt angeleitet und durchgeführt, kann eine geeignete Bewegungsform für viele Menschen darstellen. So können auch Elemente des Yoga als bewegungstherapeutische Maßnahme innerhalb der Physiotherapie zur Anwendung kommen. Eine falsche Bewegungsauswahl kann für die Betroffenen jedoch Risiken bergen. Während Yoga eher unspezifisch bleibt, haben PhysiotherapeutInnen zusätzlich die Kompetenz, eventuell auftretende Red Flags zu erkennen und die Therapie entsprechend anzupassen. In der Physiotherapie ist die Erkennung von Red Flags selbstverständlich und Teil der Befundung.

Unbestritten bleibt, dass es bei chronischen, unspezifischen Rückenschmerzen essenziell ist, PatientInnen wieder zu mehr Bewegung zu motivieren. Bei Beschwerden ist aber jedenfalls eine medizinische Abklärung auf Kontraindikationen indiziert, bevor Yoga als Sport durchgeführt wird.

 

Bernhard Taxer,
Funktionär von Physio Austria, Leiter des fachlichen Netzwerks Schmerz

Sabine Stögerer,
Sprecherin des Präsidiums von Physio Austria