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WIRKUNGEN Jakob Reischl, MAS MSc Belasten Sie sich öfter! Wie Bewegung Typ-2-DiabetikerInnen beeinflusst Dass die nichtmedikamentöse Behandlung von PatientInnen mit Typ-2-Diabetes durch körperli- ches Training wirkt, lässt sich mit Evidenz belegen. Typ-2-Diabetes und das metabolische Syndrom ge- hören zu den größten Herausforderungen des Gesund- heitssystems unserer Zeit. Der manifestierte Diabetes Mellitus wird eingeteilt in Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes, Gestationsdiabetes und sekundäre Diabetesformen, welche medikamentös indiziert sind oder denen andere Grunderkrankungen vorausgehen. Typ-2-Diabetes hat mit 90 Prozent den größten Anteil. Sein Auftreten (Prävalenz) in den Industriestaaten wird auf 6 bis 8 Prozent geschätzt. Die WHO, die American Diabetes Association und die Österreichische Diabetes- gesellschaft geben regelmäßig Entwicklungsprognosen bekannt. Diese werden in ebenso regelmäßigen Abstän- den nach oben hin revidiert. So schätzte die WHO im Jahr 2000, dass es in Österreich 239.000 Fälle von Typ-2- DiabetikerInnen gab. Die Prognose für 2030 lag damals bereits bei 366.000 Fällen. Tatsächlich stellte die Dia- betes Initiative Österreich jedoch schon im Jahr 2009 420.000 Fälle fest. Die Dunkelziffer wurde auf 600.000 geschätzt. Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, die schleichend voranschreitet und lange unerkannt bleibt. Neben der Bauchspeicheldrüse werden bei der Erkrankung vor allem die Nerven geschädigt. Dies äußert sich zum Beispiel in einem allmählichen Sensibilitätsverlust in den Zehen und Füßen, an einem Verlust der Sehfähigkeit und einer Schädigung der Nierenfunktion. Es treten selten Kompli- kationen auf, solange noch keine Insulinsubstitution nötig ist. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind hoch und weiter steigend: Zusätzlich zu den Kosten für Blutzucker- messungen und Medikamente sind auch Folgebehandlun- gen zu berücksichtigen. Ein Blick nach Deutschland verdeutlicht dies: Im Jahr 2000 wurden laut der Allge- meinen Ortskasse Deutschlands 40.000 Amputationen durchgeführt. Von diesen standen 70 Prozent in Zusam- menhang mit Diabetes Mellitus. Wirkung durch Physiotherapie In meiner Meta-Analyse (2017) konnte ich nachweisen, dass ausdauerbeanspruchende, kraftbeanspruchende und östliche Bewegungsformen (Tai chi, Qi Gong etc.) Typ-2-DiabetikerInnen sehr gut helfen können – vor allem dann, wenn noch keine Schädigung der Bauchspeichel- drüse vorliegt. In meiner Analyse unterschied ich vier Kategorien. Dabei untersuchte ich Ausdauertraining, Krafttraining, östliche Trainingskonzepte sowie eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining hinsichtlich ihrer Wirkung auf elf relevante Werte des metabolischen Syndroms (Tabelle 1). Hierbei konnte Krafttraining, neben den östlichen Bewegungsformen, bei den meisten diabetes- relevanten Werten die besten Ergebnisse erzielen. Besonders haben sich einfach gehaltene progressive Krafttrainingskonzepte hervorgetan. Die TeilnehmerIn- nenanzahl der östlichen Bewegungsformen ist jedoch zu gering, um aussagekräftig zu sein. Spezielle Trainingsanleitung Eine Studie von Shenoy et al. (2009) belegt, dass durch ein sieben Übungen umfassendes Training eine prozen- tuelle Verbesserung von 24,17 Prozent des HbA1c- Wertes bei PatientInnen erreicht werden konnte. Dabei wurden für jede Übung drei Sätze mit zehn Wiederholungen durchgeführt. Es wurde immer dann das Gewicht in der darauffolgenden Sitzung gesteigert, wenn beim letzten Satz der Übung mehr als zehn Wiederholungen durchgeführt wurden. Das Übungs- programm umfasste den Biceps Curl, den Triceps Curl, den Front lateral Pull Down, Back Lateral Pull down, Knie Extension, den Hamstrings Curl und den Abdomi- nal Curl. Es kann davon ausgegangen werden, dass es bei Typ-2-DiabetikerInnen irrelevant ist, ob Zugappa- rate, Gewichte oder sonstige Geräte verwendet werden. Bei der Übungsauswahl sollte der Fokus auf möglichst große Muskelgruppen gelegt werden. Grundlagen- ausdauertraining hat nur kleine Effekte auf den Typ-2- Diabetes gezeigt. Daher ist der allgemeine Ratschlag »Bewegen Sie sich ausreichend« zu überdenken. Die Empfehlung »Belasten Sie sich öfters und werden Sie kräftiger« eignet sich besser. ◼ Jakob Reischl, MAS MSc Freiberuflicher Physiotherapeut in Tirol, Co-Autor »Fallbuch Physiotherapie: Innere Medi- zin mit Schwerpunkt Kardiologie/Pulmologie« und »Bewegung verändert alles! Auch Typ-2- Diabetiker«, Gründungsmitglied fachliches Netzwerk Innere Medizin physio austria inform April 2018 25

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