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Der Einsatz standardisierter Messinstrumente ermöglicht PhysiotherapeutInnen auf der Intensivstation ein evidenzbasiertes und zielgerichtetes Vorgehen. Um systematisch testen, Ergebnisse standardisiert ein- ordnen sowie Ziele definieren und evaluieren zu können, empfiehlt sich eine Orientierung an der ICF (Abb. 1). Diese stellt neben der ärztlichen Diagnose und den individuellen Kontextfaktoren der PatientInnen deren Funktionsfähigkeit in den Bereichen Struktur und Funktion sowie Aktivität und Teilnahme dar. Der Fokus der kurz- aber vor allem längerfristigen Zielformulierung liegt auch auf einer Intensive Care Unit (ICU) auf Aktivitäts- und Partizipationsebene, da diese Ebenen für PatientInnen im Alltag relevant sind – auch wenn in den ersten Behandlungsphasen Tests und Maßnahmen meist die Struktur- und Funktionsebene betreffen. Im Alltag einer ICU kommen eine Fülle an allgemeinen berufsübergreifenden Scoringsystemen zum Einsatz, wie z. B. die APACHE II oder SAPS II Scores, die vor allem das Mortalitätsrisiko beurteilen oder auch ver- schiedene Sedierungsscores (z. B. RASS oder RSS). Zudem gibt es Skalen zur Messung der Bewusstseins- quantität (Glasgow Coma Score), der Pflegeintensität (TISS 28), eines Delirs (CAM, ICDSC) usw. Physiotherapeutische ICU-Assessments Für die Physiotherapie wurden in den letzten Jahren an die 30 ICU-spezifische Testsysteme entwickelt, von denen leider nur sehr wenige in deutscher Übersetzung vorliegen. Den meisten ist gemeinsam, dass sie neben funktionellen Parametern wie Transfers oder Mobilität auch die Muskelkraft als relevanten Zielparameter messen. Beispiele: ° Physical Function in Intensiv Care Test (PFIT-s) ° Chelsea Critical Care Physical Assessment Tool (CPAx) ° Perme Intensive Care Unit Mobility Score: ° Functional Status for the Intensive Care Unit (FSS-ICU) ° ICU Mobility Scale Daneben existieren einige Frührehabilitationsskalen, die vor allem der Verlaufsbeurteilung neurologischer PatientInnen dienen: ° Koma-Remissionsskala (KRS) ° Early Functional Abilities (EFA) In der Praxis kommt zudem eine Vielzahl an Assess- ments zum Einsatz, die nicht spezifisch für Intensiv- stationen entwickelt wurden, jedoch für die Beurteilung der einzelnen ICF-Ebenen sehr praktikabel sind. ASSESSMENTS Gudrun Sylvest Schönherr, MSc Ebene der Aktivität und Partizipation ° Selbständigkeitsindex für die neurologische und geriatrische Rehabilitation (SINGER) ° Barthel-Index (BI) ° Frühreha-Barthel-Index (FRB) ° Functional Independence Measure (FIM) Bei der Beurteilung der Aktivitätsebene wird empfohlen, die Bereiche posturale Kontrolle, Lokomotion und Arm-Hand-Funktion zu unterscheiden. Diese sind zentralnervös unterschiedlich organisiert und erfordern somit auch unterschiedliche Behand- lungsschwerpunkte und Maßnahmen. Posturale Kontrolle ° Trunc Control Test (TCT) ° Functional Reach (FR) ° Berg Balance Scale (BBS) Lokomotion ° Functional Ambulation Categories (FAC) ° Timed Up and Go (TUG) ° 10-Meter-Gehtest (10 MWT) ° 6-Minuten-Gehtest (SMWT) Arm-Handfunktion ° Box-and-Block-Test ° Nine-Hole-Peg-Test Ebene der Körperstruktur und Funktion Kraft ° MRC Skala (auch als Summenscore) ° Kraftmessgeräte (Dynamometer) Tonus ° Modifizierte Ashworthscale (MAS) ° Tardieu Scale Schmerz ° Behavioral Pain Scale (BPS): bewusstseinseinge- schränkte PatientInnen ° Numeric Rating Scale (NRS): wache PatientInnen Atmung ° Dyspnoeskalen ° Inspektion, Palpation, Auskultation ° Hustenassessments ° Peak Cough Flow (PCF) ° Maximal inspiratory Pressure (MIP) ° Borg-Skala Behandlungsplanung, Zielsetzung Der Behandlungsplan wird im Rahmen des physiothera- peutischen Prozesses erstellt. Nach Befundaufnahme und therapeutischer Diagnose werden realistische, messbare und klar definierte Ziele formuliert, Maßnah- men eingeleitet und regelmäßig evaluiert. Auch wenn erste Nahziele und Maßnahmen auf einer ICU meist auf der Struktur- und Funktionsebene stattfinden, ist es wichtig, diese auch im Kontext der Partizipation zu sehen. ◼ Gudrun Sylvest Schönherr, MSc Physiotherapeutin, Therapieleiterin Neurorehabilitation an der Univ.-Klinik für Neurologie Innsbruck, Lehrende an der FHG Innsbruck physio austria inform September 2018 33

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