Netzwerktreffen Sportphysiotherapie im Rahmen der Sportärztewoche - GIZ Sportphysiowoche 2017

Von 6. bis 10. Dezember 2017 fand unter dem Motto „Die Zukunft der Sportmedizin“ zum 33. Mal die Sportärztewoche und zum 5. Mal die GIZ-Sportphysiowoche in Kaprun statt. Im fünften Jahr der Zusammenarbeit der GIZ „Gesellschaft zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich“ mit der Sportärztewoche wurde den über 110 TeilnehmerInnen auch heuer wieder ein wissenschaftlich fundiertes und interessantes Programm präsentiert. Dabei stellen theoretische Inputs und praktische Workshops eine willkommene Abwechslung im Kongress-Tagesablauf dar.

Unter der wissenschaftlichen, ärztlichen Leitung von Karin Vonbank und Manuel Sabeti-Aschraf sowie der fachlichen Leitung der PhysiotherapeutInnen Alexander Baillou und Barbara Amhof konnten auch heuer wieder namhafte ExpertInnen gefunden werden. Einen wesentlichen Anteil am guten Gelingen hatte auch die enge Kooperation der GIZ mit dem fachlichen Netzwerk Sportphysiotherapie, unter der Leitung von Karl Lochner.

Das fachliche Netzwerk nutzte diese Veranstaltung für ein Netzwerktreffen steuerte zwei Vorträge vor dem eigentlichen Kongress zum Thema „KAATSU-Blood Flow Restriction Training“ mit Beatrix Baumgartner und „Motorisches Lernen“ mit Andreas Sperl bei.

Vorträge PreDay

Bei KAATSU, so Beatrix Baumgartner, wird mittels Manschette (mit integrierten Drucksensoren) eine Reduktion des Blutflusses erzeugt, die zu einer „künstlichen“ Hypoxie und einem hohen metabolischen Stress (ähnlich einem Krafttraining) führen soll. Dadurch erwartet man sich, zum Beispiel im Leistungssport eine zusätzliche Leistungssteigerung. Mögliche weitere Anwendungsfelder dürften auch in der Behandlung von geriatrischen PatientInnen (Sarkopenie) liegen. Hierzu müssen aber noch weitere klinische Studien klare Angaben hinsichtlich Indikation und vor allem Kontraindikation liefern, da die Blutflussreduktion auch mit Risiken verbunden ist.

Der Vortrag von Andreas Sperl lieferte interessante Einblicke in die Grundsätze des motorischen Lernens. So gibt es etwa einfache „Hilfsmittel“ (Feedback), um motorisches Lernen zum Beispiel bei PatientInnen zu optimieren:

  • Verbales Cueing (extern/intern)
  • Propriozeptives Cueing (Tapes, Gewicht, Verstärkung durch Fitnessbänder, …)
  • Visuelles Cueing (Spiegel, Laserpointer, …)

Als Schlüsselfaktoren fasste Andreas Sperl folgende Schritte zusammen: Starte mit einem internen Cueing - nutze externes Cueing für komplexe Aufgaben - load it to make it happen und don't overcoach!

Vorträge Tag 1

Am ersten Tag lieferten der Oberarzt Michael Hexel und der Physiotherapeut Andreas Sperl interessante Fakten zur Schulterendoprothetik und Schulterrehabilitation. Dabei stellt die Endoprothetik OperateurInnen vor die große Herausforderung, eine optimale Stabilität-Fixation der Gelenkspfanne zu erreichen. Andreas Sperl lieferte interessante Inputs zum umstrittenen Thema der Skapuladyskinesie (Fehlbewegungen der Scapula). Dabei scheint es aus derzeitiger Sicht nicht zulässig zu sein, einen Zusammenhang zwischen Schulterbeschwerden und einer auffälligen Scapulabewegung herzustellen. Hinsichtlich scapulothorakalem Rhythmus scheinen frühere Ansätzen der reinen „Depression“ überholt. So ist das Ziel eine „Aufwärtrotation“ der Scapulae über 90° GHG Elevation zu erreichen – unter dem Motto „up and around“.

Die Physiotherapeutin Karin Tresholavy brachte mit ihrem Vortrag „Assessments in der Sportphysiotherapie“ einen sehr guten Einblick in einfache, aber wissenschaftlich fundierte qualitative und quantitative Untersuchungsmöglichkeiten im Rahmen der Sportphysiotherapie. So kann mithilfe von mehreren Tests (z. B.: Fragebögen wie KOOS, Lysholm Score; Tests: One Leg Hop Test, Y-Baclance Test, Hexagon Test, Illinois Agility Test und viele mehr) objektiver entschieden werden, wann einE SportlerIn wieder fit für den Alltag/Sport/Wettkampf ist.

Vorträge Tag 2

Am zweiten Tag gab es interessante Einblicke in die Betreuung alpiner Skirennläufer von Dr. Erich Altenburger. Er betonte den Einfluss der Fahrtgeschwindigkeit als einen der entscheidenden Risikofaktoren. So auch für die Verletzung des vorderen Kreuzbandes, die mit ca. 63% die häufigste Verletzung darstellt.

Mag. Flora Koller gab einen kurzen Einblick in die Sporternährung. Hier versuchte sie allgemeine Richtlinien näher zu bringen und durchleuchtete vor allem aktuelle Ernährungshypes wie etwa „Paleo“, „Low Carb, „Clean Eating“ und beschriebe die jeweiligen Vor- und Nachteile.

Andreas Sperl, MSc lieferte an diesem Tag gleich zwei sehr interessante Beiträge zum Thema „Sportreha nach Sprunggelenksdistorsionen“ und „Plyometrie in der Reha der unteren Extremität“. Dabei stellt die Rehabilitation von Sprunggelenksdistorsionen im Bereich der Ballsportarten den/die TherapeutIn vor eine besondere Herausforderung, da diese in mehr als 25% der Fälle zu einer chronischen Instabilität führt. Um diese Verletzung optimal versorgen zu können, dienen Befundungs- und Behandlungsalgorithmen als einfache Hilfestellung. Unterschieden werden High- von Low Ankle Sprains. Diese werden in 3 Stadien eingeteilt wobei Begleitverletzungen der Peronealgruppe (Snapping Ankle) und neuraler Strukturen differenziert werden müssen. In der Therapie werden je nach Wundheilungsphase akute Maßnahmen nach dem „POLICE“ –Schema angewandt (Pause, optimal Load, Ice, Compression, Elevation). Danach gewinnen bei steigender Belastbarkeit passive und aktive Maßnahmen an Bedeutung. Eine eingeschränkte Dorsalextension stellt einen möglichen Risikofaktor für eine erneute Verletzung dar und muss daher in der Therapie berücksichtigt werden. Natürlich müssen die aktiven – trainingstherapeutischen Maßnahmen je nach Zielsetzung/Leistungsniveau gesetzt werden. Dabei ist für den Sportler das Training in die Verletzungsrichtung sinnvoll. Andreas Sperl hält abschließend fest: mit 900 Minuten Trainingsaufwand (Kraft/Balance/Beweglichkeit) nach einer Erstverletzung sinkt das Verletzungsrisiko um 42%.

Im Praxisworkshop zur „Plyometrie in der Reha der unteren Extremität“ durften die TeilnehmerInnen eine Aufbauphase Richtung Plyometrie durchlaufen. Der Inhalt setzte sich aus optimalen Warm-Up, Beinachsentraining mit Klassikern wie etwa Squat und Lunge und dynamischen Sprungübungen zusammen. Hierbei zeigte Sperl eine große Vielfalt an Variationsmöglichkeiten um den/die PatientIn optimal auf den Einstieg in die Plyometrie vorzubereiten.

Danach gab es wissenschaftlichen Input von Harald Beidl, MSc., der seine entwickelte Return to Sport nach ACL Ruptur Testbatterie vorstellte. Von ärztlicher Seite (z.B. AGA-Umfrage) werden oft der Lachmann-Test, eine freie Beweglichkeit des Kniegelenkes und der Pivot – Shift Test genannt um die Rückkehr in den Sport freizugeben. Auch die Umfangmessung der Muskulatur hat einen Stellenwert für die Sportfreigabe. Der aktuelle Trend ist jedoch eine Beurteilung der motorischen und sportartspezifischen Leistungsfähigkeit. Beidl fasst hierfür, nach einer Literatur Recherche, die aktuell wichtigsten Tests in eine Testbatterie zusammen. Diese sollte eine Schlussfolgerung für die Sportfreigabe liefern und potentielle Defizite in konditionellen Fähigkeiten aufzeigen. Mögliche Tests wären „Single hop for distance“, „Triple Hop for distance“, „Side Hop Test“, „Drop Jump“, „Sqquat Jump“, „Countermovement Jump“, „Single Leg Squat“, „Star Excursion“, „Y-Balance Test“, „Hexagon Hop Test“.

Vorträge Tag 3

Priv.-Doz. Dr. Manuel Sabeti-Aschraf lieferte am dritten Tag eine spannende Zusammenfassung zum Thema „Therapietrends des instabilen Sprunggelenk“. Wie auch Andreas Sperl, betonte er die Herausforderungen bei Sprunggelenksverletzungen, die wie zuvor schon erwähnt oft (fast immer) mit Begleitpathologien einhergehen (vor allem Knorpelschädigungen). Ein Blick auf die aktuelle Evidenz hinsichtlich Behandlung zeigt: Versorgung mit Braces ist immer notwendig; NSAR; neuromuskuläres Training scheint die Rezidivrate zu reduzieren; Manuelle Therapie; Operative Maßnahmen sind bei Grad III Verletzungen immer indiziert; Krücken sollten schmerzorientiert für 6-12 Wochen verwendet werden.

Dr. Markus Stibor gab einen umfangreichen Einblick in die Leistungsdiagnostik der Ausdauerleistung. Diese ist essentiell zur Erfassung des momentanen „Ist-Zustandes“ und um ein Ausdauertraining optimal zu steuern. Nach einem theoretischen Vortrag, lieferte er praktische Einsichten in seinem „Hands-On Workshop“ in dem ein Stufentest durchgeführt wurde und der Laktatanstieg/Herzfrequenzanstieg gemessen wurde.

Dominik Simon, BSc. ging im Vortrag Parkour „Zukünftige Herausforderungen an die Sportmedizin und Sportphysiotherapie“ auf die Entwicklung der Sportart und aktuelle Trends ein. Durch die weiterhin steigende Anzahl an Trainierenden und der vermehrten Professionalisierung steht die Sportart gerade im Wandel. Größtenteils Mediaplattformen wie etwa Youtube, tragen weltweit zur Verbreitung und Erhöhung des Bekanntheitsgrades bei. Parkour vereint hartes körperliches Training mit philosophischen Grundwerten. Hingegen der allgemeinen Ansicht, dass ein hohes Verletzungsrisiko bei der Ausübung besteht, zeigt sich hier eine sehr niedrige Verletzungsrate im Vergleich zu anderen Sportarten. Vor allem Schürfwunden und Prellungen sind die häufigsten Verletzungen.

Im praktischen Workshop Parkour „Bewegungsanalyse und Verletzungsmechanismen“ wurden die wichtigsten Techniken per Videoanalyse besprochen und Belastungsanforderungen und Verletzungsmechanismen erläutert.

Michaela Neubauer, PT, OMT stellte in ihrem Vortrag „Die Rolle der Neurodynamik HWS/OE“ aktuelle Befundungs- und Behandlungsmethoden zur Diagnostik und Behandlung der Neurodynamik vor. Es gab eine Wiederholung von neurodynamischen Tests und darauffolgend einige neurodynamische Übungen zum Mitmachen und Ausprobieren. Diese wurden je nach Nervenbereich progressiv aufgebaut. Die Basis bildeten einfache Übungen, welche in den PatentInnen Alltag inkludiert werden konnten.

Dr. Thomas Quinton brachte mit seinem Vortrag „Das vernetzte Herz“ Abwechslung mit. Er stellte das Gesundheitssystem im Wandel Zeit dar und zeigte aktuelle Schwierigkeiten und Herausforderungen durch den digitalen Fortschritt. Erweiterte App Nutzung und neue Hilfsmittel wie z.B. mobiler Ultraschall mit Smartphone Konnektivität werden am Ende in den Vordergrund gestellt. Wo führt uns die Medizin in den nächsten Jahren hin? Ein Vortrag, bei dem Fragezeichen mit nach Hause genommen werden.

Vorträge Tag 4

Am vierten Tag gab Mag.  Michael Grubhofer, MSc eine Zusammenfassung zum Thema „Update Low Back Pain in Athletes & Assessment Core Strength“. Dabei sind LeistungssportlerInnen je nach Sportart eine Risikogruppe für die Entwicklung von Rückenbeschwerden. So spielen die sehr hohe, repetitive mechanische Belastungen und große Trainingsumfänge (>20h/Woche) einen entscheidenden Rolle. Auch wenn die Verbesserung der Rumpfkraft keine signifikanten präventiven Effekte bzw. Verbesserungen von Rückenschmerzen bringen, scheint es im Spitzensport notwendig eine gewisse Grundkraft im Rumpfbereich zu entwickeln, um dem spezifischen Trainings- und Wettkampfanforderungen Stand zu halten. Um diese „Grundkraft“ testen zu können, gibt es eine Testbatterie von McGill und Tschoepp. McGill testet statisch die vordere/seitliche und hintere Muskelkette. Die weniger bekannte Testbatterie von Tschoepp testet die gleichen Muskelketten mit dynamischen Bewegungsabläufen. Natürlich können diese einfachen Testbatterien keine sportmotorischen Leistungstests für den Spitzensport ersetzen, so Grubhofer.

Alexander Salecic, MSc, PT, COMT referierte zum Thema „Bandscheibenreha im Wandel der Zeit“. Dabei beschrieb er ausführlich die komplexe Situation von Discus Hydratation und Dehydratation als zentrale Rolle in der Rehabilitation. Zusätzlich Unterschied er in der Discusdegeneration einen Phänotyp A (dünne Übergangszone in zwischen den Deckplatten) und B (Ausrisse des Anulus aus dem Wirbelkörper) und betonte die Notwendigkeit der Differenzierung für das therapeutische Procedere.

Nicht nur in den Augen der Veranstalter war es eine gelungene Kongresswoche. Der interdisziplinäre Austausch zwischen ÄrztInnen und PhysiotherapeutInnen stand bei den Vorträgen, den gemeinsamen Abendessen und beim Rahmenprogramm im Vordergrund.
Wir freuen uns auf die kommenden Krongress! Seid dabei!