Neues ­Konsensus­papier zur Behandlung ­idio­pathischer Skoliose

Ein wichtiger Aspekt in der Skoliosebehandlung ist die Entwicklung und Verbesserung von inter­disziplinär einheitlichen Vorgehensweisen. Die Zweckmäßigkeit von therapeutischen Interventionen in der Skoliosebehandlung ist dabei ein hochaktuelles Thema. Beim Skoliosekongress der International Society on Scoliosis Orthopaedic and Rehabilitation Treatment (SOSORT) von 19. – 21. Mai 2011 in Barcelona wurde ein Konsensuspapier beschlossen, welches im renommierten „Scoliosis­journal“ (www.scoliosisjournal.com) im November dieses Jahres veröffentlicht wird und eindeutige Richtlinien für die Behandlung von PatientInnen mit idiopathischer Skoliose gibt.

Dank der Bemühungen des ­SOSORT-Präsidenten, Dr. Stefano Negrini vom Italian Scientific Spine Institute ISICO in Mailand (www.isico.it) und seines inter­nationalen Teams kann damit auf ein Werk zurückgegriffen werden, das nicht nur von MedizinerInnen, sondern auch von PhysiotherapeutInnen und OrthopädietechnikerInnen als Mitglieder der SOSORT erarbeitet wurde.

Nach einer umfassenden Literaturrecherche wurden entsprechende Maßnahmen als Richtlinien festgelegt. Der vorliegende Artikel beinhaltet einen von der Autorin, Mag. Petra Feistritzer-Gröbl, PT, ins Deutsche übersetzten Teil dieses Konsensuspapiers zu Korsettversorgung und Physiotherapie.

Es darf mit freundlicher Genehmigung von Dr. Stefano Negrini und Dr. Fabio Zlaida (Orthopäde der Skoliose-Klinik Mailand) auf die Inhalte des Consensusguides „2011 SOSORT Guidelines on Idiopathic Scoliosis Conservative Treatment during growth“ verwiesen werden. Die Nummerierung entspricht den Positionen im Konsensuspapier.

Mag. Petra Feistritzer-Gröbl, PT

 

Korsettversorgung

  1. Ein Korsett wird empfohlen
  2. Ein Korsett wird zur Behandlung jugendlicher und kindlicher idiopathischer Skoliosen als erster Schritt zur Vermeidung eines chirurgischen Eingriffs empfohlen.
  3. Gipsverband wird zur Behandlung kindlicher idiopathischer Skoliose empfohlen, um zu versuchen, die Krümmung zu stabilisieren und weitere Behandlungen zu umgehen.
  4. Es wird empfohlen, PatientInnen mit Krümmungen unter 15±5° Cobb kein Korsett anzulegen, außer es ist nach Meinung eines/r SpezialistIn aufgrund von Deformationen an der Wirbelsäule gerechtfertigt.
  5. Ein Korsett wird für PatientInnen mit Krümmungen über 20±5° Cobb empfohlen, wenn sie sich noch im Wachstum befinden und wenn ein Fortschritt der Missbildung oder ein erhöhtes Risiko der Verschlechterung zu erwarten ist, sofern nichts Gegenteiliges nach Ansicht eines/r SpezialistIn für Deformationen der Wirbelsäule als richtig erachtet wird.
  6. Gipsverband oder Sforzesco Korsett werden für PatientInnen mit Krümmungen von 40±5° Cobb empfohlen, um zu versuchen, die Krümmung zu stabilisieren und weitere Behandlungen zu umgehen, sofern nichts Gegenteiliges nach Ansicht eines/r SpezialistIn für Deformationen der Wirbelsäule als richtig erachtet wird.
  7. Es wird empfohlen, dass jedes Behandlungsteam jenes Korsett bereitstellt, mit dem es am besten vertraut ist; nach derzeitigem Wissensstand gibt es kein Korsett, das gegenüber anderen empfohlen werden kann.
  8. Es wird empfohlen, dass Korsette am Beginn der Behandlung rund um die Uhr oder nicht weniger als 18 Stunden am Tag getragen werden, außer Gegenteiliges wird von einem/r SpezialistIn für Deformationen der Wirbelsäule empfohlen.
  9. Seit es eine “Dosis-Reaktion” zur Behandlung gibt, wird empfohlen, dass die täglichen Stunden des Korsett-Tragens in Relation zur Schwere der Deformität, dem Alter des/r PatientIn, dem Ziel und Gesamtergebnis der Behandlung sowie der erreichbaren Übereinstimmung stehen.
  10. Es wird empfohlen, dass Korsette bis zum Ende des Knochenwachstums getragen werden und die Tragedauer allmählich reduziert wird.
  11. Es wird empfohlen, die Tragezeit des Korsetts während der Durchführung stabilisierender Übungen allmählich zu reduzieren, um eine Anpassung des Haltesystems zu ermöglichen und Ergebnisse zu bewahren.
  12. Es wird empfohlen, jedes Mittel zur Steigerung und Kontrolle der Übereinstimmung anzuwenden, einschließlich Wärmesensoren und eine sorgfältige Befolgung der Kriterien in den SOSORT Anleitungen für das Korsett-Management.
  13. Es wird empfohlen, dass die Qualität des geplanten Korsetts mittels Röntgen bei angelegtem Korsett geprüft wird.
  14. Es wird empfohlen, dass der/die verschreibende ÄrztIn und der/die Orthopädie-MechanikerexpertInnen den Kriterien in den SOSORT Anleitungen für das Korsett-Management sind.
  15. Es wird empfohlen, dass das Korsett von einem gut ausgebildeten TherapeutInnenteam, bestehend aus ÄrztIn, OrthopädInnen und PhysiotherapeutInnen gemäß den Kriterien der SOSORT Anleitungen für das Korsett-Management, angepasst wird.
  16. Es wird empfohlen, dass alle Stufen der Korsett-Anpassung (Verordnung, Erzeugung, Kontrolle, Korrektur, Nachsorge) für jedes einzelne Korsett sorgfältig gemäß den Kriterien der SOSORT Anleitungen für das Korsett-Management durchlaufen werden.
  17. Es wird empfohlen, dass das Korsett speziell für die zu behandelnde Krümmung konstruiert wird.
  18. Es wird empfohlen, dass das vorgesehene Korsett zur Behandlung skoliotischer Deformation der frontalen und horizontalen Ebenen ebenso die sagittale Ebene so stark wie möglich mit einbeziehen sollte.
  19. Es wird die Verwendung des – bei gleicher Wirksamkeit und in Bezug auf die klinische Situation – am wenigsten invasiven Korsetts empfohlen, um die psychologische Auswirkung zu reduzieren und eine bessere Einhaltung durch den/die PatientIn sicherzustellen.
  20. Es wird empfohlen, dass Korsette die Ausdehnung des Brustkorbs nicht dermaßen einengen, dass die Atemfunktion eingeschränkt wird.
  21. Es wird empfohlen, dass Korsette ambulant verordnet, erzeugt und angepasst werden.
  22. Es wird empfohlen, dass Gipsverbände stationär von ÄrztInnen in Spezialabteilungen angelegt werden.

    Spezielle Übungen zur Vorbeugung der Entstehung von Skoliose während des Wachstums
  23. Es wird empfohlen, dass eine nicht strukturelle skoliotische Krümmung und eine idiopathische Skoliose mit einem Cobb Winkel <10±5° nicht speziell behandelt wird.
  24. Es wird empfohlen, dass alle idiopathischen Skoliosen, selbst wenn unbehandelt, regelmäßig weiter beobachtet werden, bis das Risiko einer Entwicklung nicht mehr besteht.
  25. Als erster Schritt zur Behandlung idiopathischer Skoliosen werden spezielle Übungen empfohlen, um der Entwicklung einer Deformität und dem Korsett vorzubeugen.
  26. Es wird empfohlen, dass spezielle Übungen den SOSORT Consensus befolgen und auf Autokorrektur in 3D basieren. Weiters: Training in ADL, Stabilisierung der korrigierten Haltung und Schulung des/r PatientIn.
  27. Es wird empfohlen, dass spezielle Übungen nach Anweisung jener Schule durchgeführt werden, die deren Wirksamkeit mittels wissenschaftlicher Studien nachgewiesen hat.
  28. Es wird empfohlen, dass die TherapeutInnen die speziellen Übungsprogramme jener Schule anwenden, in der sie ausgebildet wurden.
  29. Es wird empfohlen, dass spezielle Übungen nur von TherapeutInnen aus Skoliose-Behandlungsteams vorgeschlagen werden, deren Mitglieder eng zusammenarbeiten.
  30. Es wird empfohlen, dass spezielle Übungen auf die Bedürfnisse des/r PatientIn, die Struktur der Krümmung und das Stadium der Behandlung abgestimmt werden.
  31. Es wird empfohlen, dass individuelle, spezielle Übungen in Einzelbehandlung oder in kleinen Gruppen durchgeführt werden.
  32. Es wird empfohlen, dass spezielle Übungen regelmäßig während der Behandlung durchgeführt werden, um beste Ergebnisse zu erzielen.
  33. Es wird empfohlen, dass das Ziel der Übungen nicht die Erhöhung der Mobilität der Wirbelsäule ist, außer in der Vorbereitungsphase auf die Behandlung mittels Korsett.

    Spezielle Übungen während einer Korsett-Behandlung und/oder orthopädischer Therapie
  34. Es wird empfohlen, spezielle Übungen in Kombination mit der Korsett-Behandlung durchzuführen.
  35. Es wird empfohlen, dass der/die PhysiotherapeutIn während der Durchführung spezieller Übungen auf den/die PatientIn dahingehend einwirkt, dass die Bereitschaft zur Korsett-Behandlung erhöht wird.
  36. Es wird die Durchführung spezieller Übungen zur Mobilisierung der Wirbelsäule empfohlen, um auf das Korsett vorzubereiten.
  37. Es wird die Durchführung spezieller Stabilisierungsübungen zur Selbstkorrektur während der Korsett-Entwöhnungsphase empfohlen.
  38. Für PatientInnen mit OP-Schmerzen werden spezielle Übungen zwecks Schmerzreduktion und Verbesserung der Funktion empfohlen.

    Andere konservative Behandlungsmöglichkeiten
  39. Die Vermeidung intensiver Mobilisation und Manipulation wird empfohlen, außer in der Vorbereitungsphase für die Korsettbehandlung.
  40. Es wird empfohlen, Manualtherapie (sanfte, kurzfristige Mobilisation, lösende Weichteiltechniken) nur in Verbindung mit speziellen Stabilisationsübungen zu planen.
  41. Es wird empfohlen, dass die Korrektur einer tatsächlichen Differenz der Beinlänge, sofern nötig, niemals total durchgeführt und darüber von einem/r SpezialistIn für Wirbelsäulendeformationen entschieden wird.
  42. Es wird empfohlen, nachstehende Methoden nicht zur Korrektur einer Deformität der Wirbelsäule anzuwenden: Schuheinlagen, konventionelle und homöopathische Medizin, Akupunktur oder spezielle Ernährungspläne.

    Atemfunktion und Übungen
  43. Es wird empfohlen, dass – wenn nötig – Übungen zur Verbesserung der Atemfunktion durchgeführt werden.
  44. Während der Korsettbehandlung wird die Durchführung von Übungen zur Verbesserung der Atemfunktion empfohlen.
  45. Die Durchführung spezieller Übungen zum Training lokaler Atemstrategien sowie zur Förderung der Expansion und Ventilation bestimmter Lungenbereiche wird empfohlen.
  46. In Fällen hochgradiger Skoliose wird in der Nacht die Anwendung nasaler intermittierender, positiver Druckbeatmung gemeinsam mit einer Langzeit Oxygen-Therapie empfohlen.

    Sportliche Aktivitäten
  47. Es wird empfohlen, dass Sport nicht als Behandlung idiopathischer Skoliose verordnet wird.
  48. Es wird empfohlen, dass allgemeine Sportaktivitäten wegen der unspezifischen Vorteile für den/die PatientIn im Hinblick auf das seelische, neuromotorische und allgemeine Wohlbefinden durchgeführt werden.
  49. Es wird empfohlen, dass während aller Behandlungsphasen am schulischen Sportunterricht teilgenommen wird. Basierend auf der Schwere der Krümmung, der Entwicklung der Deformation und der Meinung eines/r SpezialistIn für Wirbelsäulenerkrankungen können Einschränkungen für die Ausführung bestimmter sportlicher Aktivitäten gesetzt werden.
  50. Es wird empfohlen, dass sportliche Aktivitäten wegen der körperlichen (aerobe Kapazität) und seelischen Vorteile, die diese Übungen bringen, auch während der Korsettbehandlung fortgesetzt werden.
  51. Während der Korsettbehandlung wird empfohlen, Sportarten mit Körperkontakt oder sehr dynamische Sportarten mit Vorsicht auszuführen.
  52. Es wird empfohlen, dass SkoliosepatientInnen mit hohem Risiko der Entwicklung die Teilnahme an Wettkämpfen, bei denen die Wirbelsäule stark mobilisiert wird, vermeiden.
  53. Es wird empfohlen, dass SkoliosepatientInnen mit hohem Risiko der negativen Weiterentwicklung Schwimmwettkämpfe vermeiden.
Mag. Petra Feistritzer-Gröbl

Physiotherapeutin und Sport­wissenschafterin

Dissertantin an der Karl-Franzens-Universität Graz
Lehrende am Studiengang Physiotherapie FH JOANNEUM Graz

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