In der aktuellen Literatur finden sich derzeit rund 20 verschiedene Korsetttypen mit teils unterschiedlichen Wirkungsweisen. In einer groben Einteilung kann man zwischen geschlossen Konstruktionen (Boston – Brace), dynamischen Konstruktionen mit Atemfreiräumen (Chenèau, Rigo), Halbfertigprodukten (Chenéau light, RSC) oder dynamischen Systemen (TriaC) unterscheiden. Bis vor rund zehn Jahren galt das 3-Punktprinzip als erste Wahl. Hierbei wird durch zumeist transversal wirkende Pelotten die Krümmung in der Frontalebene passiv korrigiert.
Ein Meilenstein in der Korsetttherapie war die Einführung des aktiven Inspirations-Derotations-Korsetts nach Chenèau und die Weiterentwicklung des Systems durch Rigo. Dies stellt heute auch nahezu weltweit den „State of the Art“ dar. Bei dieser Art der Korsettversorgung wird auf die dreidimensionale Fehlstellung der Wirbelsäule eingegangen und auch die aktive biomechanische Korrektur durch die PatientInnen selbst gefördert. Möglich wird dies durch die spezielle Gestaltung des Korsettdesigns.
Im Gegensatz zum 3-Punktprinzip wird nicht nur die Seitenabweichung in der Frontalebene berücksichtigt, sondern auch die Rotationsabweichung in der Transversalebene und der Sagittalebene, wodurch eine dynamische, aktive Aufrichtung und Derotation bei jedem Atemzyklus stattfindet. Zudem sind diese Korsette mit einem ventralen Verschlusssystem ausgestattet, wodurch eine bessere Beeinflussung auf die LWS und eine höhere PatientInnenakzeptanz erreicht werden kann. Die neu eingeführte Klassifizierung nach Rigo (Abb.2) gibt erstmals nicht nur die Art der Wirbelsäulenverkrümmung an, sondern auch die wichtigsten Konstruktionsmerkmale des Korsetts vor, was die Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen vereinfachen und das Ergebnis positiv beeinflussen kann.
Am Beginn der Herstellung eines Skoliosekorsetts stehen die Formerfassung und das Maßnehmen. Am meisten verbreitet ist der Gipsabdruck, wobei dieser – speziell bei Patientinnen in der Pubertät – eine Hemmschwelle darstellen kann. Die neuesten Möglichkeiten bieten 3D-Scansysteme (Abb. 3), bei denen innerhalb weniger Sekunden der Thorax eingescannt werden kann. Die Modellierung erfolgt via Computer, die Modellerstellung mittels CNC-Fräse (Computerized Numerical Control). Als dritte Möglichkeit sind am Markt Baukastensysteme erhältlich, bei denen mittels verschiedener Maße einzelne Module bestellt und am/an der PatientIn angepasst werden können. Aktuelle Studien ermahnen jedoch dazu, industriell vorgefertigte Systeme kritisch zu betrachten.
Egal welches System eingesetzt wird, einer der wichtigsten Faktoren auf dem Weg zum Therapieerfolg ist die PatientInnencomplience. Da speziell die Optik für die vorwiegend weiblichen PatientInnen eine sehr große Rolle spielt, ist die Angleichung der meist asymmetrischen Silhouette sowie die Abflachung des Rippenbuckels häufig das erste Erfolgserlebnis im Rahmen der Korsetttherapie. Auch aus diesem Grund sollte bei jeder Kontrolle eine genaue Fotodokumentation oder ein 3D-Scan erstellt werden, um diese Fortschritte dokumentieren und belegen zu können.
Bezüglich der Tragedauer ist der enge Kontakt zwischen den einzelnen Disziplinen im Behandlungsteam wichtig, um hier immer die gleichen Informationen wieder zu geben und Unregelmäßigkeiten bei den Angaben der PatientInnen frühzeitig zu erkennen. Beim letzten SOSORT-Kongress (International Society of Scoliosis Orthopaedic and Rehabilitation Treatment) in Barcelona wurde einmal mehr folgende Richtlinie ausgegeben: Bei Kindern und Jugendlichen mit Risser 0-3 sowie einem Progressionsrisiko unter 60% („low risk“) sollte die Tragedauer 16 – 23 Stunden täglich, mind. 300 Tage im Jahr betragen. Bei einem Progressionsrisiko über 60% („high risk“) liegt die Empfehlung bei 23 Stunden täglich, mind. 350 Tage im Jahr. In allen Fällen sollte die volle Tragezeit innerhalb einer Woche erreicht werden, die Abschulung erfolgt schrittweise in Kombination mit intensiver Physiotherapie innerhalb von drei Monaten.
Ein großes Problem stellt in Österreich – je nach Kostenträger und Versorgungsart – die Erstversorgung dar, da diese nicht als Rehabilitation gesehen wird und somit großteils selbst finanziert werden muss. Die Eigenkosten liegen hier bei bis zu ca. 2.200,-- Euro. Je nach Einkommen kann jedoch bei verschiedenen Stellen (Unterstützungsfonds, Bezirkshauptmannschaft, etc.) oder Organisationen (Licht ins Dunkel, Lions Club, etc.) um Unterstützung angesucht werden.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Korsetttherapie bei idiopathischer Skoliose in einem eng miteinander kooperierenden Behandlungsteam, bestehend aus ÄrztInnen, PhysiotherapeutInnen, PsychologInnen und OrthopädietechnikerInnen, heutzutage als sehr effizient und zielführend angesehen werden kann.
Christian Grasl
Maßgeschneidert in 3D


Christian Grasl
Akad. Experte f. Neuroorthopädie & DM
Orthopädietechniker Meister
Nach der Ausbildung in Deutschland und erfolgreich absolvierter Meisterprüfung spezialisierte er sich auf die orthopädietechnische Versorgung von PatientInnen mit cerebralen Bewegungsstörungen, Schädelasymmetrien und Skoliosen.
Derzeit ist er in leitender Funktion beim Orthopädietechnik-Unternehmen Pohlig & Tappe GmbH & Co KG in Wien tätig.




