Kinder, ­Korsette und ­Compliance

Der Erfolg der konservativen Versorgung von Kindern mit idiopathischer Skoliose steht und fällt mit der Compliance der jungen PatientInnen. Was schon bei Erwachsenen nicht immer möglich ist, man erinnert sich hier an „low back pain“- PatientInnen, die ihre therapeutischen Übungen meist nur solange machen, solange der Schmerz dazu motiviert, ist bei Kindern und Jugendlichen ungleich schwieriger zu erreichen.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. ­Kinder und Jugendliche sind schon ohne körperliche Gebrechen starken physischen und psychischen Veränderungen ausgesetzt, die nicht zuletzt in der Pubertät zu enormen individuellen psychischen Belastungen führen können.

Die Korsettversorgung für Skoliose-PatientInnen im Kindes- und Jugendalter stellt für die Physiotherapie eine besondere Herausforderung bezüglich der hier unerlässlichen Therapietreue dar. Um über Jahre hinweg nahezu 23 Stunden am Tag aus medizinisch-therapeutischen Gründen ein Korsett zu tragen, sollten Kinder und Jugendliche besonders motiviert und gestärkt werden. Dies zu automatisieren setzt einen Lernprozess voraus, der die Bedeutung der Pädadgogik auch auf dem medizinischen Sektor wichtig erscheinen lässt.

Manfred Spitzer (2006), der bekannte deutsche Gehirnforscher, betont, dass nur dann gelernt werden kann, wenn positive Erfahrungen gemacht werden. Diese bestehen für Menschen in positiven Sozialkontakten. Als Verstärker im Sinne einer Belohnung fungieren für Kinder und Jugendliche gemeinschaftliche Aktivitäten und Kooperation.

Eine wesentliche neurobiologische Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Neurotransmitter Dopamin, der immer dann ausgeschüttet wird, wenn „etwas besser als erwartet“ abläuft. Die Dopamin-Freisetzung führt in weiterer Folge zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und zu besserer Konzen­trationsfähigkeit. Ein Dopaminmangel ginge mit Lustlosigkeit und Interesselosigkeit einher und bewirke in der Folge mangelndes Interesse, also Motivation (Spitzer, 2006).

Die weit reichenden Folgen einer Korsetttherapie werden aber auch deutlich, wenn die neurobiologische Komponente des Schamgefühls näher betrachtet wird. Sie ähnelt der von Angst und wird somatisch gespeichert. Das bedeutet, dass ein Abspeichern von Schamgefühlen in gedanklicher Verbindung mit körperlicher Bewegung PatientInnen auch noch Jahre nach der Therapie psychisch beeinträchtigen kann.

Die Schaffung motivierender Therapiesituationen ist verbunden mit dem Versuch, beeinträchtigende Motivpositionen zu modifizieren. Motivation umfasst auch mehrere Handlungsebenen und verbindet psychologische, neurologische und evolutionsbiologische Sichtweisen. Somit bestehen neben einem Motiv der Heilung, biologische und soziologische Grundbedürfnisse, die es im Rahmen der Therapie zu befriedigen gilt.

Die Pädagogik gibt hier wichtige Impulse für die Physiotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Moderne pädagogische Konzepte und Interventionen wie das Dialogisieren (Gesprächsführung), Modelling (Vorbildwirkung des/r TherapeutIn), positives Verstärken oder das Bewusstmachen von selektiver Wahrnehmung (Unterbinden des Schamgefühls) können für einen positiven Behandlungserfolg und die Compliance der jungen PatientInnen genutzt werden.
 
Der Bundesverband der PhysiotherapeutInnen Österreichs, Physio Austria, legt schon im Berufsbild der PhysiotherapeutInnen einen Schwerpunkt auf die pädagogischen Fähigkeiten: Der Beruf des/r PhysiotherapeutIn umfasst die Planung, Gestaltung und Durchführung des physiotherapeutischen Prozesses. Fachkompetenz zu besitzen, bedeutet für die PhysiotherapeutInnen, diesen Prozess zu beherrschen. Das heißt, über das diagnostische und therapeutische "Handwerkszeug" zu verfügen. Es bedeutet aber ebenso, soziale Kompetenz zu haben und mit dem "Anders sein" eines in seiner Identität verunsicherten Menschen umgehen zu können.

Fachkompetenz bedeutet auch, pädagogische Fähigkeiten im methodischen Vorgehen bei der Behandlung zu haben. In vielen Arbeitssequenzen ist der/die PhysiotherapeutIn ein/e "LehrerIn" für die PatientInnen, weil er/sie u.a. die Therapieschritte plant und erklärt, die PatientInnen motiviert, berät, instruiert und sie auf dem Weg in die Selbständigkeit begleitet (2011).

Auch für Bollert et al. (2009) scheint es lohnens­wert, „die Pädagogik daraufhin zu untersuchen, inwieweit PhysiotherapeutInnen Erkenntnisse der Pädagogik im Sinne der Erklärung nutzen und Methoden der Päda­gogik in ihr Handeln integrieren können. Allgemein formuliert, kann die Päda­gogik den Bezug physiotherapeutischer Theorie und Praxis zu ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld, sowie ihre Einbettung in individuelle Lebensläufe reflektieren, bewerten und gestalten.“

Eine nachhaltige Compliance wird nur mit modernen, kindgerechten pädagogischen Interventionen und Maßnahmen der TherapeutInnen zu erlangen sein. An ihnen liegt es, gemeinsam mit dem Umfeld der jungen PatientInnen motivierende Situationen zu schaffen, welche die Korsettversorgung nicht nur als notwendig begreifbar machen, sondern ähnlich dem Training junger SpitzensportlerInnen, mit all den Entbehrungen der AthletInnen langfristige Erfolge versprechen.

Dipl.Päd. Oliver Kölli, MA

Literatur:
Bollert, G., Dick, M., Geuter, G., Klemme, B., Schmidt, W., & Walkenhorst, U. (5 2009). Bezugswissenschaften der Physiotherapie: Pädagogik und Psychologie. physioscience, S. 124–132..

Spitzer, M. (2006). Gehirn und Geist. Folge 47: Aufmerksamkeit. In: http://www.br-online.de/br-alpha/geist-und-gehirn-manfred-spitzer-gehirn... [abgefragt am 5.11.2009]

Physio Austria. http://www.physioaustria.at/information-und-service/der-beruf-der-physio... [abgefragt am 20.3.2011]

Dipl.Päd. Oliver Kölli, MA

Leiter der Neuen Mittelschule Leibnitz 1

Lehrbeauftragter an der FH ­JOANNEUM Graz, Studiengang Physiotherapie
Gerichtssachverständiger im ­Fachgebiet Pädagogik

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