Kniegelenksarthrose stellt wegen der hohen Prävalenz und dem großen Einfluss auf die Funktionalität der Patienten (1,2) ein großes Gesundheitsproblem dar. Durch die Vergreisung in den Industrieländern wird voraussichtlich die Prävalenz und Inzidenz der Kniegelenksarthrose zunehmen.

Arthrose des Kniegelenkes führt zu einer Abnahme der Aktivitäten des täglichen Lebens wie zum Beispiel: gehen, Stiegen steigen oder, in das Auto einsteigen (3–5). Die Aktivitätsverminderung ist bereits zu Krankheitsbeginn feststellbar und nimmt im Verlauf der Krankheit langsam weiter zu (6).


In epidemiologischen Studien sind einige Faktoren für die Verminderung der Aktivitäten bei Kniearthrose definiert (7–15). Üblicherweise wird die Degeneration des Knorpels als die wichtigste Ursache dafür angesehen. In wissenschaftlichen Studien ist aber bisher kein starker Zusammenhang zwischen Knorpeldegeneration und Funktionalität gefunden worden. Möglicherweise können andere Faktoren die Verminderung der Aktivitäten des täglichen Lebens besser erklären.

Schmerzen und Abnahme von Muskelkraft sind wichtige Ursachen für den Verlust von Funktionalität (16–18). Übungen mit dem Ziel, die Muskelkraft zu erhöhen, führen zu einer Zunahme der tägliche Aktivitäten (19–22). Der Effekt der Übungstherapie ist aber gering und nicht alle PatientInnen reagieren positiv (23). Deshalb ist es notwendig, die Übungstherapie durch eine Anpassung der Inhalte und durch eine adäquate Selektion der PatientInnen mit Verbesserungschancen zu optimieren. Es gibt Hinweise, (a) dass die Instabilität des Kniegelenkes Auswirkungen auf die Aktivitäten des täglichen Lebens hat (24–26), und (b) dass die Gelenkstabilität den Zusammenhang zwischen Muskelkraft und Funktionalität beeinflusst (27–29).
   
Die Kniestabilität wird gewährleistet durch die passiven Strukturen des Gelenks (Bänder und Gelenkskapsel) und durch das aktive neuromuskuläre System (Muskeln und Propriozeption der Gelenkkapsel). Die durchgeführten Studien zeigten, dass die Gelenkstabilität ein wichtiger Faktor für die Funktionalität der PatientInnen mit Kniearthrose ist (27–29). In diesen Studien wurde die Muskelkraft, die Zugfestigkeit der Kapsel und der Ligamente, die Genauigkeit der Propriozeption und die Beweglichkeit des Kniegelenks während des Gehens untersucht – insbesondere im Zusammenhang mit der Funktionalität der PatientInnen.

Die Studien zeigten, dass die Muskelkraft der wichtigste Faktor bleibt, aber dass der Zusammenhang mit Funktionalität durch Kapsel- bzw. Ligamentzugfestigkeit (Laxität), Propriozeption und Gelenkbeweglichkeit während des Gehens beeinflusst wird. Allerdings sind diese Teile der Stabilität nicht miteinander assoziiert (siehe ­Figur 1). Die Stabilität des Kniegelenkes ist daher ein Prozess, abhängig von Muskelkraft, Zugfestigkeit (Laxität), Propriozeption und Gelenkbeweglichkeit. Darum sollte die Therapie vor allem Übungen zur Kräftigung der Oberschenkelmuskulatur und zur Verbesserung der Genauigkeit der Propriozeption beinhalten; mit dem Ziel, die Stabilität zu verbessern. Sobald die Kniestabilität der PatientInnen zunimmt, ist auch eine Verbesserung der Funktionalität der PatientInnen zu erwarten.

Eine Einschränkung der Studien ist, dass diese cross-sectional (das heißt, es handelt sich um einmalige Messungen) ausgeführt wurden. Dadurch können keine Schlüsse kausaler Ursachen des Funktionalitätsverlusts gezogen werden. Eine weitere wichtige Einschränkung ist das Fehlen von Referenzwerten für normale bzw. pathologische Zugfestigkeit (Laxität) und Propriozeption der Gelenkskapsel und Ligamente. Auch die Kompensation durch Bewegungen in der Hüfte oder des Rumpfes bei Patienten mit Knie­arthrose ist nicht bekannt. Daher sind zur Optimierung der Übungstherapie und der PatientInnenauswahl (welche Patienten von Übungstherapie profitieren) weitere Studien notwendig.

Dr. Martin van der Esch 1, 3
Dr. Martijn Steultjens 1, 2
Univ.-Prof. Dr. Joost Dekker 1, 2

1 Jan van Breemen Institute, Center for Rheumatology and Rehabilitation, Amsterdam, The Netherlands.
2 VU University Medical Center, Department of Rehabilitation Medicine, EMGO Institute, Department of Psychiatry, Amsterdam, The Netherlands.

3 Department of Allied Health Care Research, Amsterdam School of Allied Health Education, Amsterdam, The Netherlands.

 

Dr. Martin van der Esch

Wissenschafter und Physiotherapeut im Jan van Breemen Institut, Zentrum für Rehabilitation und Rheumatologie in Amsterdam, Niederlande.
Dozent an der Fachhochschule für Physiotherapie in Amsterdam und Referent an der Universität Wien im Masterstudium Physiotherapie.
Arbeitsschwerpunkt: Studien im Feld der Knie- und Hüftarthrose, insbesondere die Relation zwischen biomechanische Faktoren und die tägliche Funktionalität der PatientInnen betreffend.
2008 Promotion an der medizinischen Fakultät in Amsterdam. Titel seiner Doktorarbeit: „knee joint stability and functional ability in patients with osteoarthritis of the knee“.
Derzeit Arbeit an einer Studie der Propriozeption der Knie- und Hüftgelenke bei PatientInnen mit Arthrose.

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Stabilität und Funktionalität des Kniegelenkes

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