Elisabeth Eckerstorfer ist zufrieden: Die Direktorin der Akademie für Physiotherapie in Steyr und gleichzeitig Vertreterin von Bildung und Forschung von Physio Austria sieht eine wahre Herkulesaufgabe gut gemeistert – die Umstellung ihrer Oberösterreichischen Akademie auf das Fachhochschul-Curriculum steht derzeit in der Endphase. „Seit fünf Jahren haben wir geplant und vorbereitet, 2010 wird es losgehen“, sagt Eckerstorfer.

Mit dem Ergebnis ist die Powerfrau hochzufrieden: „Wir haben die Zeit der Diskussionsprozesse zur intensiven Vorbereitung gut genutzt und unsere Hausaufgaben gemacht.“ Eine Aufgabe, die der 46-jährigen Physio­therapeutin nicht nur Verantwortung sondern auch Leidenschaft ist: „Wann hat man schon die Möglichkeit, eine Ausbildung ganz neu von Grund auf aufzubauen?“ Historisch gewachsenes kann dabei evaluiert und auf Tauglichkeit überprüft werden, das eine oder andere entrümpelt werden, um die StudentInnen auch für relativ neue Anforderungen des Berufes fit zu machen. Immerhin habe sich auch der Beruf in den letzten beiden Jahrzehnten von einem medizinischen Hilfsberuf zu einer eigenständigen Tätigkeit mit viel selbst zu tragender Verantwortung gewandelt. Zwar verordnet noch immer der Arzt Physiotherapie, von da an obliegen jedoch dem Therapeuten/der Therapeutin weitreichende Entscheidungen – und somit auch der Erfolg der Behandlung.

Tatsächlich kommt nun mit der Umstellung auf die Fachhochschule auch ein neuer Zugang in die physiotherapeutische Ausbildung, die den Anforderungen des Berufs in puncto Eigenverantwortung nachkommt. „Es geht darum, eine Mischung aus eigener Erfahrung und überprüfbarem Wissen zu vermitteln“, betont Eckerstorfer. Die Akademie sei in ihrem Wesen eben noch stark inhalteorientiert, während in der Fachhochschule eher ein ergebnisorientierter Ansatz zum Tragen kommt. Die Ausbildung passe sich somit an die Anforderung des Berufes an, sagt Eckerstorfer, die bereits 1991 Lehrtherapeutin, zunächst noch im KFJ-Spital in Wien, seit 1996 dann in Steyr wurde: „Die Lösung des Problems steht im Mittelpunkt. Anstelle des Handwerkzeugs steht der physiotherapeutische Prozess im Zentrum. Das Handwerkszeug ist dabei Mittel zum Zweck.“

„Prozess statt Schublade“, nennt das die Direktorin, die seit 1999 erfolgreich die Akademie in Steyr leitet. Was damit gemeint ist, erläutert die begeisterte Läuferin und Skifahrerin an einem Beispiel: Werden in der Akademie etwa noch 130 Kontaktstunden in „Bewegungslehre und Biomechanik“ unterrichtet, sieht die FH hier bewusst lediglich 85 Kontaktstunden vor. 40 Stunden stehen hingegen für das Selbststudium aus diesem Fach zur Verfügung, die unter Anleitung eine eigene Herangehensweise an das Thema ermöglichen. Die StudentInnen werden somit ermuntert, selbst Erfahrungen zu sammeln und eigene Schwerpunkte zu setzen. Selbstverständlich ist jedoch auch der wissenschaftliche Anteil an der Fachhochschule deutlich höher als im Akademie-Curriculum. Schließlich wird die Fachhochschule auch mit einem akademischen Grad abgeschlossen, der anderen Studien bei Forschungsniveau und Wissenschaftlichkeit um nichts nachsteht.

Dass dennoch der Patient und seine individuellen Probleme im Mittelpunkt stehen, sieht man nach Eckerstofers Ansicht bei den Akademien schon am Design des Aufnahmeverfahrens, das eine seriöse und nachvollziehbare Selektion garantiert. Anders als etwa bei ÄrztInnen, wo Kandidaten bekanntlich ausschließlich durch die schriftliche Wiedergabe von Wissen und Fertigkeiten selektiert werden (Stichwort: EMS-Testverfahren), setzt die FH auch weiterhin auf eine in allen Ausbildungsstätten einheitlich gehandhabte Kombination aus schriftlichen Tests sowie Praxis und persönlichem Gespräch. „Die Patienten sind sehr vielfältig, daher brauchen wir auch unter den Therapeuten eine breite Mischung an Persönlichkeiten“, lautet Eckerstorfers Credo. Rein ein guter Analytiker zu sein reiche eben nicht aus, wenn man nicht auch soziale Kompetenz für den Beruf mitbringe, sagt die Mutter einer siebenjährigen Tochter, die 1986 ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abschloss.

Auf die Erarbeitung des FH-Curriculums durch die vier Akademie-Standorte in Oberösterreich ist Eckerstorfer besonders stolz: „Es wurde von Anfang an Konkurrenzdenken hintangestellt, damit gewissenhaft und erfolgreich die beste Lösung für alle gefunden werden konnte. Alle finden sich im Ergebnis wieder.“ Dieser Prozess war für Eckerstorfer, die in ihrer Freizeit gerne ins Theater geht, eine „spannende Herausforderung“.

Eine solche ist die FH-Umstellung natürlich auch für die MitarbeiterInnen der Akademie. Auch bei ihnen ist der Akademisierungsprozess voll im Gange, was Eckerstorfer besonders stolz macht: Mittlerweile gibt es etwa an der Akademie in Steyr keine/n LehrtherapeutIn mehr, die/der neben der Lehrtätigkeit nicht ein Studium absolviert oder begonnen hat – ein wichtiges Kriterium, um fit für die Tätigkeit in der Fachhochschule zu sein. Eckerstorfer selbst hat 2008 ihr berufs­begleitendes Studium der Erziehungs- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Bildungsmanagement mit dem Master of Arts (M.A.) abgeschlossen.

Dieses Wissen kommt nun auch ihrer Tätigkeit als Verantwortliche für Bildung und Forschung von Physio Austria zu Gute. Die Weiterbildung der Mitglieder ist schließlich eine wichtige Aufgabe im Verband. Hier könnte es zu einigen Veränderungen für die PhysiotherapeutInnen kommen. Im aktuellen Regierungsprogramm werden nun auch die Registrierung der MTD-Berufsangehörigen, in Analogie zu den ÄrztInnen und Hebammen sowie der Fortbildungen genannt. D.h. zukünftig werden auch PhysiotherapeutInnen kontinuierliche Fortbildungen nachweisen müssen. Hier gilt es sicherzustellen, dass die Berufsverbände diese Fortbildungen selbst definieren können. Dazu wurde das Weiterbildungsdiplom (inform Nr. 3, Juni 2009) ausgearbeitet. Auch hier geht es nicht um die Zahl der Stunden, die pro Jahr physiotherapeutische Techniken erarbeitet werden: „Kongress-Teilnahmen, Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung oder Stressbewältigung, oder auch die Reflexion spezieller Fälle mit Kolleginnen bringen da oft mehr.“ Auch thematisch ändern sich die Schwerpunkte: „Immer mehr Workshops beschäftigen sich nicht mit einer speziellen Technik, sondern haben ein klinisches Problem als zentrales Thema.“

Anne Birgen

Schlüsselworte