Nun hat also auch Österreich seine Bildungsdiskussion: Haben wir zu viele StudentInnen oder zu wenig Lehrende und Hörsäle? Soll der Zugang zu den Hochschulen frei sein, oder soll es Beschränkungen geben? Werden an den Unis nur noch Fachkräfte „am Fließband produziert“ und kommt die Wissenschaft zu kurz?

Auf den ersten Blick scheint diese Diskussion die Physiotherapie-Ausbildung – obwohl diese auch akademisch ist – nicht zu tangieren. Während in den Unis Hörsäle besetzt und vor den Unis demonstriert wurde, lief der Lehrbetrieb an den Fachhochschulen ganz normal ab.

Physiotherapie – eine Ausbildungsinsel der Seligen? – Mitnichten.

Es stimmt schon: Etliche Probleme der Uni-StudentInnen gibt es an den Fachhochschulen nicht. Wir haben zum Beispiel ein vergleichsweise sehr gutes Verhältnis Lehrende zu ­StudentInnen, das auch ein individuelles Arbeiten mit den StudentInnen erlaubt und damit eine bestmögliche Ausbildung auch im Hinblick auf die künftige Arbeit mit PatientInnen ermöglicht. Erleichtert wird dies durch die Zugangsbeschränkung in Form eines Eignungstests. Dieser ist meiner Ansicht nach eine gute Möglichkeit, Personen mit sehr guten Berufsvoraussetzungen für die Physiotherapie zu finden.

In Holland beispielsweise ist der Zugang zur Physiotherapie-Ausbildung „frei“. Dort ­stürmen alljährlich Hunderte AspirantInnen die Hörsäle, und nach dem ersten Semester setzt nur noch ein Viertel das ­Studium fort. Auch das ist nichts anderes als ein Auswahlverfahren. Es stellt sich nur die Frage, ob die Idee vom „freien Zugang“ den Zeitverlust von so vielen jungen Menschen wert ist.

Dramatisch wird es hierzulande aber, wenn junge PhysiotherapeutInnen die FH verlassen und ihre akademische Qualifizierung durch ein Masterstudium erweitern wollen. Laut Bologna-Prozess, den auch Österreich unterzeichnet hat, ist EU-weit ein durchgängiges Bildungssystem von den Bachelorabschlüssen an Fachhochschulen bis zum Master- und Doktoratsabschluss zu schaffen.

Hier liegt die Bildungspolitik des Bundes seit der Unterzeichnung des Vertrages vor zehn (!) Jahren praktisch in Agonie. AbgängerInnen von Bacchelor-Studiengängen (z.B. Physiotherapie) werden nach wie vor in teure private Masterlehrgänge gezwungen, weil es die Bundespolitik bis heute nicht geschafft hat, wie im Fachhochschulgesetz und im Bologna-Prozess vorgesehen, eine durchgängige Studienstruktur für das Physiotherapiestudium wie auch für die anderen MTD-Studien einzurichten. Solche gibt es im öster­reichischen Bildungssystem einfach nicht. Von einem Doktoratsstudium, wie es im Bologna-Prozess vorgesehen wurde, ganz zu schweigen.

De facto hat der Bund bislang nicht einen Cent für die Umsetzung des Bologna-Abkommens locker gemacht, da auch die (neuen) Fachhochschulen von den Bundesländern finanziert werden. Und es gibt keine Anzeichen, dass hier eine Neuausrichtung erfolgen könnte. Das ist schlicht und einfach ein Skandal.

Österreich braucht eine intensive Bildungsdiskussion. Und die Physiotherapie ist davon direkt  betroffen.

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT
Präsidentin

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Präsidentin des Berufsverbandes Physio Austria

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