Alpiner Skisport – Management von Knieverletzungen

Von 13. bis 14. November fand in Salzburg ein internationaler interdisziplinärer Kongress zum Thema Knieverletzungen im Skisport statt. Veranstalter waren die Universität Salzburg, Interfakultärer Fachbereich für Sport- und Bewegungswissenschaft, die Physio Austria-Fachgruppe Sportphysiotherapie und das Fortbildungsinstitut Sportphysiotherapie „spt- education“.

Zielsetzung des Kongresses war, Rehabilitation und Prävention von Knieverletzungen als interdiszipli­näre Gesamtleistung von Sportmedizin, Sportwissenschaften, Sportpsychologie und Sportphysiotherapie zu diskutieren und die Problematik schwerer Knieverletzungen beim Alpinen Ski(renn)lauf aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, zu analysieren und Rehabilitationsstrategien und Präventionsmaßnahmen zu diskutieren.

Univ.Prof. Dr. Erich Müller, Gastgeber und Leiter des Interfakultären Fachbereiches Sport- und Bewegungswissenschaft der Uni Salzburg, stellte einleitend eine vom Internationalen Skiverband lancierte und vom Oslo Sports Trauma Research Center (Arbeitsgruppe rund um Prof. Roald Bahr) durchgeführte Studie zu Verletzungen im Skirennlauf vor, der zufolge jeder dritte Athlet pro Saison mit einer mehr oder weniger ernsthaften Verletzung rechnen muss – im Vordergrund stehen dabei Knieverletzungen.

Der Physiotherapeut Nicolas Mathieu (Schweizerischer Sportphysioverband) und der Sportwissenschafter Jürgen Birklbauer zeigten die Bedeutung des sensomotorischen und des intermusku­lären Koordinations-Trainings auf. Sie erläuterten die neurobiologischen Grundlagen des motorischen Lernens und die Notwendigkeit, das zielgerichtete, variationsreiche Üben von Bewegungsabläufen zu favorisieren. Die Umsetzung dessen veranschaulichte Nicolas Mathieu anhand des sportphysiotherapeutischen Rehabilitationsprozesses am Beispiel eines Schweizer Skirennläufers nach einer Knieverletzung.

Die renommierten Sportmediziner und Kniechirurgen Gerhard Oberthaler, ­Christian Fink und Christian Hoser diskutierten die häufigsten Knieverletzungen und die derzeit möglichen Behandlungsstrategien. Neue Behandlungsformen von Knorpel- und Meniskusverletzungen beginnen sich langsam zu entwickeln und trotz aller Fortschritte ist die Physiologie des verletzten Gewebes der Indikator für das therapeutische Verhalten und die Zeitdauer der Rehabilitation. Man strebt grundsätzlich nach zeitlicher Effizienz aber zugleich sollte dabei nichts überstürzt werden, so die Mediziner unisono. Eindringlich mahnen die Sportmediziner – in Anbetracht der schwerwiegenden Verletzungen – zu einer intensiven Ursachenforschung und empfehlen die Fokussierung auf Präventivmaßnahmen.

Das Impulsreferat von Arno Staudacher (Direktor des Skigymnasiums Stams und Nachwuchsreferent im Österreichischen Skiverband) konnte die Wichtigkeit der Sportphysiotherapie auch im präventiven Bereich anhand eines Projektes, das in Stams und in den alpinen ÖSV Nachwuchskadern über die letzten Jahre etabliert wurde, verdeutlichen. So werden beispielsweise die AthletInnen der Landesskiverbände in einem sport­physio­therapeutischen Screening auf Defizite am Bewegungsapparat untersucht und mit individuellen Trainingsvorschlägen versorgt, um den Einstieg in den Leistungssportbezogenen Nachwuchskader des Österreichischen Skiverbandes gut verkraften zu können. Zudem sind in jeden Kader des ÖSV teameigene PhysiotherapeutInnen integriert – mit mannigfaltigen Aufgaben: von klassischer Physiotherapie über Ergänzungstraining konditioneller Faktoren bis hin zur Unterstützung im Mentalbereich.

Die sportphysiotherapeutischen Exper­ten Rainer Sieven (Physiotherapeut und Sportwissenschafter) und Walter Lindlbauer (Physiotherapeut) legten in ihren Beiträgen rund um die Rehabilitation vorderer Kreuzband-, Meniskus- und Knorpelverletzungen großen Wert auf das Rehabilitationstraining nach dem Motto: Jede Struktur muss zusätzlich zu physiotherapeutischen Maßnahmen nach den Gegebenheiten der Physiologie der Wundheilung auch belastet, also trainiert werden, um letztlich wieder belastbarer zu werden. Die Planung der Nachbehandlung bezieht sich immer mehr auf Kriterien denn auf Zeitschemata – das erklärt vielleicht auch, warum TopathletInnen mit optimaler Betreuungsstruktur und hohem Ausgangsniveau den Einstieg in ihren Sport häufig schneller wieder finden als Breiten- und GesundheitssportlerInnen.

Die rehabilitativen Trainingsmaßnahmen waren vor allem im Bereich intermuskuläre Koordination und komplexem Krafttraining (Kraftausdauer, Muskelaufbautraining und Schnellkraftmethoden) angesiedelt.

Neu war auch der Ansatz, mentale Aspekte in die Behandlungs- und Präventionsstrategien mit ein zu beziehen. Ein von Sandra Lahnsteiner präsentierte Videointerview „Belastungsreaktionen und Bewältigungsstrategien nach Verletzungen“ gab einen guten Einblick in psychische Befindlichkeiten von TopathletInnen wie Reinfried Herbst, Anna Fenninger oder Phillip Schörghofer nach deren Knieverletzungen.

Patrick Bernatzky (Koordinator im Österreichischen Bund für Sportpsychologie und Mentalcoach) stellte sportpsychologisches Basiswissen vor und zeigte im anschließenden Workshop praxisrelevante Beispiele mentaler Trainingsformen auf. Wolfgang Margreiter, Psychologe und Physiotherapeut, präsentierte Ergebnisse seiner Diplomarbeitsstudie, die deutlich erkennen lassen, dass mentale Interventionen die Heilungsprozesse nach Verletzungen positiv beeinflussen.

Im abschließenden „Roundtable“ wurde noch einmal auf die Wichtigkeit des Zusammenwirkens der Disziplinen Sportmedizin, Sportwissenschaft, Sportpsychologie und Sportphysiotherapie hingewiesen. Nur so könne eine Weiterentwicklung von Rehabilitation und Prävention stattfinden.

Otto Havelka

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