„Öffentliches Interesse am Beckenboden wächst“

Angela Heller gilt als Kapazität in der gynäkologischen Physiotherapie. Ihr Konzept Methode Menne-Heller zählt längst zu den Standardwerken in der Physiotherapie. Auch für Physio-Austria hält die Beckenboden-Spezialistin seit über einem Jahrzehnt Weiterbildungsseminare.

inform: Frau Heller, Sie gelten als Pionierin der Geburtsvorbereitung. Wie sind Sie dazu gekommen?

Heller:
Ursprünglich wollte ich Kinder-Physiotherapeutin werden. Fast schicksalhaft bekam ich in Berlin und Mannheim immer wieder Anstellungen in der Frauenklinik. Mit Erlaubnis vom Chefarzt und der Oberhebamme durfte ich viel Zeit – auch meine Freizeit – im Kreißsaal sein und Gebärende mit Atmung unterstützen. Die Frauen lagen und hatten durch CTG-Ableitung und Wehentropf wenig Chancen zur Mobilität. Erst Anfang der 80iger Jahre durften werdende Väter im Kreißsaal anwesend sein. Da war auch der Anfang der Vertikalität beim Gebären. Geburtsvorbereitung, welche ich seit 1959 mit Schwangeren machte, musste nun den Neuerungen in der Geburtshilfe angepasst werden. Eine spannende Zeit war das!

inform: ... und das hat Sie nicht mehr losgelassen?

Heller: Ich habe jetzt allerdings meine Fortbildungskurse für Geburtsvorbereitung und Rückbildung im Wochenbett teilweise an zwei kompetente österreichische Kolleginnen übergegeben, die mein Konzept weitertragen sollen. Ich möchte mich nunmehr noch intensiver mit dem Thema ‚Beckenboden Frau und Mann’ befassen, zu dem ich schon viele Jahre Weiterbildungen anbiete.

inform: Worum geht es dabei konkret?

Heller: Die Entschlüsselung des „Geheimnis Beckenboden“ steht m.E. immer noch am Anfang, ist endlich im Focus der Fachwelt offiziell angekommen. Entleerungsstörungen und Strukturverletzungen am Beckenboden und seinen Speicher­organen haben oft massive Auswirkungen auf den ganzen Menschen. International wird viel geforscht und immer wieder werden spannende neue Studienergebnisse vorgestellt. Auch Laien sprechen mehr und mehr über das so lange tabuisierte Thema. Urologische- und Enddarmzentren werden überall, auch in der Region, in der ich lebe (Mannheim – Ludwigshafen – Heidelberg), eingerichtet. Immer wieder suchen Patienten bei mir – oft als letzte Instanz – Rat und Hilfe. In der Praxis einer Kollegin habe ich für austherapierte Notfälle die Möglichkeit, mir diese Patienten anzuschauen und mit therapeutischem Rat und Behandlung Hilfen zu geben. Sie kommen oft von weit her! Mein Credo ist, dass jede Maßnahme, die wir zur Therapie einsetzen, begründbar sein sollte.

inform:
Noch einmal zum Thema Geburten: Als Verfechterin eines „natürlichen Gebärverhaltens“ müsste Ihnen der Anstieg von Kaiserschnittgeburten sehr missfallen....

Heller: Ja, das tut es. Das heißt nicht, dass ich die Hilfe der Geburtsmedizin ablehne, deren Ziel es ist, die Morbidität- und Mortalitätsrate für Kind und Mutter auf ein Minimum zu reduzieren. Aber nicht alle Kaiserschnitte haben einen pathologischen Hintergrund. Für mich gilt, dass Mutter und Kind gemeinsam unbeschadet den Geburtsraum verlassen dürfen und können. Meine Erfahrung ist aber, dass die Würde der Frau, welche gebären wollte aber dann entbunden wurde, sehr oft verletzt ist, seelisch und körperlich!

Interview: Otto Havelka