Diese Willkür ist ein„schlechter Witz“

Sonja Auer ist alleinerziehende Mutter im kleinen, hochgelegenen steirischen Rechbergdorf, auf halbem Weg zwischen Frohn­leiten und Weiz. Ihre Söhne Philipp und Florian sind 18 und 16 Jahre alt. Aber die Uhren auf der Anhöhe gehen völlig anders als im Rest der Welt. Philipp und Florian leiden an der seltenen Stoffwechselerkrankung Mukopolysaccharidose (MPS, Typ 3a).

Es ist Mittag. Philipp und Florian liegen in ihren Betten und schlafen. Gehen können die beiden schon seit mehr als fünf Jahren nicht mehr, mittlerweile auch nicht mehr sprechen. Dennoch besuchten sie bis vor einem Jahr eine Sonderschule im rund 40 km entfernten Graz. Anfangs wurden sie noch mit einem Bus abgeholt, aber die zweistündigen Sammelfahrten von und zur Schule wurden bald zur unerträglichen Tortur. Die letzten Jahre brachte Frau Auer ihre Kinder mit dem eigenen Auto zur Schule.

Seit vergangenem Herbst sind die beiden Burschen zu Hause und werden von ihrer Mutter gepflegt. Die Lebenserwartung ­ihrer Kinder, sagt Frau Auer, liegt bei 20 bis 25 Jahren. Das Pflegegeld (Pflege­stufe 7) ist ihr Einkommen.

Als die beiden noch die Schule besuchten, bekamen sie dort regelmäßig physiotherapeutische Behandlungen. Ihr Hausarzt verordnete, die Therapie auch zu Hause im zu einer behindertengerechten Wohnung umgebauten ehemaligen Heustadl durchzuführen. Im September 2008 wurden vom Chefarzt in Weiz die ersten 20 Einheiten (pro Quartal) genehmigt.

Einmal pro Woche kommt die Physiotherapeutin nach Rechbergdorf, um die beiden bettlägerigen Burschen durch zu bewegen: Arme, Beine, Kopf. Aufgrund der verkürzten Muskulatur der beiden Patienten ist die Behandlung eher passiv, aber sie wirkt vorbeugend gegen Wundliegen, erhält zumindest so viel Beweglichkeit, dass Frau Auer ihre Söhne waschen, anziehen und mit Hilfe eines Krans in die Rollstühle heben kann, um ihre Kinder täglich zwei bis drei Stunden an die frische Luft zu bringen. – „Es sind oft nur Kleinigkeiten, aber ich merke, wie wichtig die Therapie für die Beweglichkeit der beiden ist“, so Frau Auer.

Als Frau Auer Anfang April dieses Jahres beim Weizer Chefarzt um weitere 20 Physiotherapie-Einheiten ansuchte, gab es plötzlich Probleme. Der Chefarzt beteuerte, er müsse erst seinen Chef in Graz fragen, ob das bewilligt werde. „Er hat es nicht direkt ausgesprochen, aber er gab mir zu verstehen, dass die Therapie eh nichts bringe“, erinnert sich Frau Auer.

Die Sache zog sich in die Länge. Wochen vergingen, von einem chefärztlichen Bescheid keine Spur. Rund zwei Monate später dann die ernüchternde Nachricht: Anstatt 20 wurden nur sieben Einheiten bewilligt.

Für die steirische Landesverbandsvorsitzende von Physio Austria, Ute Eberl, „ein schlechter Witz“. Bei derart sporadischen Therapien würden die Kontrakturen schnell so schlimm, dass Frau Auer ihre Söhne nicht mehr selbst pflegen könne und diese in eine Dauerpflegeeinrichtung überstellt werden müssten.

Mittlerweile beschäftigte der Fall auch den ORF. Auf dessen Anfrage beteuerte der Chefarzt in Graz, es sei alles genehmigt worden.

Tatsächlich hat Frau Auer inzwischen eine Bewilligung für weitere 20 Physiotherapie-Einheiten – allerdings nicht vom Chefarzt in Weiz, sondern in Frohnleiten. „Dort hat das Ganze bei derselben Gebietskrankenkassa eine Viertelstunde gedauert. Ich verstehe das nicht“, schüttelt Frau Auer den Kopf.

Landesverbandsvorsitzende Ute Eberl hat derartige Willkür-Aktionen endgültig satt. „Jetzt muss es einmal ernsthafte und konkrete Gespräche mit der Sozialversicherung geben, ohne um den heißen Brei herumzureden. Und dann muss es eine klare Regelung geben, die überall in der Steiermark für alle PatientInnen gleich ist.“

Es ist früher Nachmittag, und Frau Auer wirkt müde. Vergangene Nacht hat sie fast nicht geschlafen. Einer ihrer Söhne hatte ziemliche Schmerzen.

Aber eine Nacht durchschlafen kann Frau Auer ohnedies nicht mehr. Mindestens drei bis vier Mal steht sie auf, um Philipp und Florian umzulegen. Die beiden haben keinen regelmäßigen Tagesrhythmus mehr. Vielleicht schlafen sie morgen am Vormittag, vielleicht am Abend, vielleicht fast gar nicht. – Die Uhren im Rechbergdorf gehen eben ganz anders als im Rest der Welt.

Otto Havelka

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