Arme: bin einerseits entspannt, kann warten, was da so kommen wird, hab gemerkt, dass Arme strecken gut tut und auch meinen Rücken streckt, er wird länger und gerader
Beine: ich erlebe mich bewegt, ich kann meine Füße und Beine bewegen und hab immer seltener das Gefühl, dass sie was anderes tun als ich will. Die Patientin erinnert sich, wie bewegungsfreudig sie war, und freut sich, dass sich der Handlungsspielraum über die Therapie erweitert hat.
In modernen Suchteinrichtungen sind Physiotherapie und gezielte bewegungstherapeutische Behandlung ein fester und unverzichtbarer Teil im Gesamtbehandlungskonzept. Alkohol ist – in höherer Dosierung zu sich genommen – eine hoch toxische Substanz. Die Folgeerkrankungen reichen, um nur die wichtigsten zu nennen, von Erkrankungen der Leber, des Pankreas, des Gastrointestinaltrakts, über Herz-Kreislauferkrankungen bis zu Störungen des Nervenstoffwechsels, die sich in organischem Psychosyndrom, Kleinhirnerkrankungen (Ataxie), Polyneuropathie, peripheren Lähmungen (Radialis - Peroneusparese) entäußern.
Weiters führen der selbstschädigende, destruktive Umgang mit dem eigenen Körper, die Missachtung körperlicher Signale, die auf Erkrankungen hinweisen, sowie der geringe Zugang zu den eigenen Körperempfindungen und -gefühlen zu einem immer reduzierteren Körperbewusstsein und einer geringen Wahrnehmung des Lebensumfeldes.
Ziele und Aufgaben in der Physiotherapie
Ein Aufgabengebiet ist die Behandlung der suchtmittelbedingten Folgeerkrankungen, vor allem am Bewegungsapparat, aber auch Erkrankungen, die nicht unmittelbar aus dem Substanzmissbrauch resultieren, werden der Therapie zugänglich gemacht.
So kommt es oft vor, dass nach der Entgiftung und in der beginnenden Rehabilitationszeit in einer „Zeit des körperliche Erwachens“ Schmerzen und Bewegungseinschränkungen aus schon lange bestehenden traumatologischen oder orthopädischen Krankheiten wieder ins Bewusstsein rücken und die PatientInnen Hilfe suchen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist, die Körperwahrnehmung zu stärken und zu differenzieren. Im Vordergrund steht, sensomotorische Erfahrungen anzuregen und dabei auf auftretende Gefühlsqualitäten aufmerksam zu machen, und das Wahrnehmungspotenzial in Bezug auf alle Sinne zu aktivieren und fördern.
Ein kurzes Beispiel soll diese Arbeitsweise verdeutlichen: Die Patientin Y ist zum ersten Mal stationär in der Suchtklinik aufgenommen. Sie hat zwei Voraufenthalte in einem anderen Krankenhaus wegen ihres sehr schlechten Allgemeinzustandes hinter sich. Nach jeder Entlassung wurde sie rückfällig. Ihre Diagnosen sind: Alkoholabhängigkeit, Depression, Zirrhosis hepatis, alkoholbedingte epileptische Anfälle.
Zuweisungsdiagnose für die Physiotherapie: ataktische Gangstörung (aufgrund einer alkoholbedingten Kleinhirnerkrankung).
Frau Y beschreibt rasche Ermüdbarkeit, Unzuverlässigkeit und Unsicherheit bei jeder Bewegung. „Ich mag meine Füße und Beine nicht, ich habe keine Kontrolle, die machen, was sie wollen und dann wiederum hab ich das Gefühl, als hätte ich gar keine. Es strengt mich an, mich aufrecht zu halten.“
Zur Basisbehandlung bei ataktischer Bewegungsstörung arbeitet die Physiotherapeutin mit der Patientin begleitend an ihrer Körperwahrnehmung. Frau Y kann sich anfänglich schwer am eigenen Körper orientieren und deshalb Bewegungsaufträge nicht adäquat ausführen(z.B.: Fersen heben wird bei ihr zum Vorfuß heben, es mangelt an der Unterscheidung von rechts und links, und das Nachahmen von Bewegung fällt ihr schwer.) Die Physiotherapeutin lenkt ihre Aufmerksamkeit auf ihre Füße, rollt sie mit einem Igelball ab, benennt gleichzeitig die Fußteile. Im Anschluss frage sie, wie die Patientin ihre Füße spürt. Durch das differenzierte Ansprechen einzelner Körperteile und Empfindungen wird das Körperschema intensiviert und differenziert.
Dann rollt Frau Y selbst die Füße über den Ball. Das wird von ihr sehr belebend und wärmend empfunden, es verbessert sich die Wahrnehmung und im Nachspüren meint sie: „Meine Füße prickeln wie Mineralwasser.“ Die Füße werden für sie deutlich und positiv besetzt, das heißt sie ist im Kontakt mit ihrem Körperbild. Die Arbeit mit dem Igelball ist für sie wichtig, weil sie erlebt, wie sie ihr Wohlgefühl und ihre Entwicklung selbst beeinflussen kann.
Insgesamt zeigt sich, dass es bei Frau Y im physischen und übertragenen Sinn darum geht, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, Füße zu „begreifen“, zu belasten, auszubalancieren. In der letzten Therapiestunde zeichnet Frau Y ein Körperbild und erklärt es wie folgt:
Zusammenfassung
Die Körperarbeit mit Suchtkranken umfasst einerseits die physiotherapeutische Behandlung von Folgeerkrankungen am Bewegungsapparat, andrerseits sollen in der Bewegungstherapie Körperfunktionen verbessert, Kommunikation und Interaktion angeregt werden, und ein zentrales Anliegen ist die Stärkung der Körperwahrnehmung.
Die Angebote, über die Freude am Bewegtsein und der Auseinandersetzung mit sich selbst, vermittelt werden, sind: Körperwahrnehmungsgruppe, Morgenaktivierung, Qi Gong, Nordic Walking, Laufen, Fuß- und Volleyball, Wirbelsäulengymnastik, Training im Fitnessstudio. Welche Bewegungsmodule für den Einzelnen zu wählen sind, ist von dem/der TherapeutIn mit dem/der PatientIn gemeinsam zu wählen und die Angebote verstehen sich nicht zuletzt auch als Impulsgabe für eine mögliche Freizeitgestaltung nach dem stationären Aufenthalt.
In jedem Fall und für jede therapeutische Intervention gilt: „Nicht die Suchtkrankheit ist der alleinige Zielgegenstand der Behandlungsmaßnahmen, es ist der an der Suchtkrankheit leidende Mensch, mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen, der einer therapeutischen Hilfestellung bedarf.“ (Univ.Prof. Dr. Musalek)
Karoline Jawad, PT






