PatientInnen­würde und Menschen­rechte

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird der Begriff „Ethik“ in medizinischen Bereichen besonders groß geschrieben. Waren damals die menschenverachtenden Praktiken von NS-„Medizinern“ der unmittelbare Auslöser für eine „neue“ Ethik in der Medizin, so ringen die EthikerInnen von heute mit technischen Errungenschaften und der Ökonomisierung im Gesundheitswesen.

Dass Ethik in Gesundheitsberufen ein zentrales Thema ist, ist unbestritten. Die Vorstellungen, wie diese im konkreten Einzelfall zu verwirklichen ist, sind allerdings nahezu so zahlreich wie die handelnden Personen. Denn (je)der Mensch hat „seine“ ethischen Vorstellungen.

„Offiziell“ wurde dieses Dilemma um die Ethik vor ungefähr 2300 Jahren. Da installierte in Griechenland ein gewisser Sokrates den Begriff der „Ethik“ als philosophische Disziplin und meinte damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Sitten und Gebräuchen (griech.: ethos). Mittlerweile wird Ethik landläufig als Kriterium für gutes und schlechtes Handeln gehandhabt. Und die Liste von wissenschaftlichen Spezialgebieten der Ethik ist kaum noch überschaubar: Sie reicht von diversen theologischen Ethiken über Sozial-, Rechts-, Wirtschafts- oder Umweltethik bis zu Sexual-, Pflanzen- und Roboterethik.

Schon knapp hundert Jahre vor Sokrates setzte sein Landsmann Hippokrates mit seinem „Hippokratischen Eid“ den Startschuss für die Ethik in der Medizin. Mit einigen zeitgemäßen Umformulierungen in den vergangenen Jahrzehnten stellt er im „Genfer Ärztegelöbnis“ noch heute ein Fundament der Ethik in der Medizin dar. Diese betrifft längst nicht nur ÄrztInnen, sondern alle im Gesundheitswesen Tätigen und nicht zuletzt auch die PatientInnen.

Grundlegende Kriterien sind das Wohl der PatientInnen, ihr Recht auf Selbstbestimmung und das Prinzip der Menschenwürde. – Klingt einfach, ist es aber nicht.

Entwicklungen in der Gentechnologie, Stammzellforschung, Transplantationstechnik, Reproduktionsmedizin und Themen wie Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbruch haben eine Fülle von ethischen Diskussionen ausgelöst:

Darf die Medizin bzw. die medizinische Forschung alles versuchen, was technisch möglich ist? Wann sind Entscheidungen von PatientInnen noch autonom und über wie viel Informationen müssen sie verfügen, um überhaupt autonom entscheiden zu können? Wer bestimmt dann, was zum Wohle der PatientInnen ist?

Auf der anderen Seite wirft aber auch die Verknappung der finanziellen Ressourcen ethische Fragen auf. Sollen jedem/r PatientIn in jedem Fall alle möglichen Behandlungen angeboten werden? Oft zitiertes Beispiel aus Großbritannien: Bis zu welchem Alter erhalten PatientInnen ein künstliches Hüftgelenk? Oder: Ist die psychische Belastung eines/r PatientIn durch eine schiefe Nase so groß, dass sie als Krankheit eingestuft wird und damit – zumindest in unseren Breiten – die Behandlungskosten von der Allgemeinheit getragen werden?

Nicht zuletzt sind die in Gesundheitsberufen Tätigen immer wieder ganz persönlich mit ethischen (Gewissens)fragen konfrontiert und damit oft auch enormen Belastungen ausgesetzt. Vor allem, wenn es um die Entscheidung über Leben und Tod geht: Wann werden die Maschinen abgestellt und lässt man jemanden sterben? Wie geht man mit jemanden um, der eine lebensrettende Bluttransfusion ablehnt? Wann wird von kurativer Medizin auf begleitende Palliativmedizin umgestellt? Und so weiter …

Mittlerweile gehört es zum Standard, dass in Krankenanstalten, wo solche Entscheidungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu treffen sind, interne Ethikkommissionen oder Konsilien installiert sind (siehe Bericht „Kontrollorgane für die medizinische Forschung“). De facto sind dies moderierte, interdisziplinäre Gesprächsrunden, die durch Teamentscheidungen geteilte Verantwortungsstrukturen schaffen sollen.

Aber es muss nicht immer um Leben und Tod gehen, um ethische Aspekte ins Spiel zu bringen. Jede Interaktion zwischen PatientIn und ÄrztIn, TherapeutIn, PflegerIn, etc. hat ethische Komponenten, allen voran jene, die Rechte und Würde der PatientInnen zu wahren.

Angewandt auf die einzelnen Gesundheitsberufe, kann diese 0815-Formel sehr spezifische Bedeutung haben. Bei PhysiotherapeutInnen spielt beispielsweise der intensive körperliche Kontakt mit den PatientInnen eine wesentliche Rolle. Die „intime“ Berührung streift zwangsläufig Fragen nach Geschlechterrollen (Therapeutin – Patient, Therapeut – Patientin) und – kulturell unterschiedlichen – Werten der Körperlichkeit, des Schmerzes und von Krankheit allgemein (siehe auch Bericht „Gutes tun, und das gut tun“).

Otto Havelka

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Quelle: wikipedia.org (gemeinfrei)

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