inform: Wie sehen Sie den Stellenwert der Physiotherapie in Ihrer Abteilung und wie ist Ihr Anspruch als Primarius?
Dr. Sinz: Speziell in der Orthopädie hat die Physiotherapie einen sehr hohen Stellenwert. Etwa 25 Prozent unseres Patientengutes sind konservative PatientInnen, wobei in diesem Bereich Wirbelsäulenprobleme im Vordergrund stehen. Neben akuten Bandscheibenvorfällen werden PatientInnen mit osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen, Spondylodiscitiden und Spinalkanalstenosen behandelt. Eine besondere Herausforderung stellen PatientInnen mit chronifizierten Schmerzsyndromen dar. Im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie ist die Erstellung eines nachhaltigen Mobilisationstsregimes besonders wichtig.
Der Großteil der Physiotherapie konzentriert sich auf die postoperativen PatientInnen. Nach Arthroskopien der großen Gelenke (Knie, Schulter, Hüfte, Sprunggelenk, Handgelenk) erfolgt die Entlassung meistens am ersten postoperativen Tag. Hierbei beschränken sich die physiotherapeutischen Maßnahmen auf die Frühmobilisation.
Besonders wichtig ist die Mobilisation nach endoprothetischen Versorgungen. Aufgrund unserer geringen Bettenkapazität ist die Liegedauer nach Endoprothesen auf durchschnittlich 5,8 Tage beschränkt. Dies bedeutet natürlich hinsichtlich der Frühmobilisation einen enormen „Leistungsdruck“ für die TherapeutInnen. Das Leistungsziel der frühen Vollmobilisation wird jedoch in den meisten Fällen problemlos erreicht.
Eine Besonderheit liegt in der zunehmenden Anzahl an revisionsendoprothetischen Eingriffen. Hier sind die PhysiotherapeutInnen besonders gefordert. Das Mittelmaß zwischen gelenkschonendem Vorgehen und rascher Frühmobilisierung ist nicht immer ganz einfach. Mein Anspruch als Abteilungsleiter an die Physiotherapie ist sehr hoch, wird aber zur vollen Zufriedenheit erfüllt.
inform: Wie funktioniert die interdisziplinäre Zusammenarbeit ÄrztInnen - PhysiotherapeutInnen?
Dr. Sinz: Die Zusammenarbeit ist natürlich immer von den handelnden Personen abhängig. Da die fachliche Kompetenz unserer TherapeutInnen unbestritten ist, gibt es keine nennenswerten Dissonanzen zwischen der ärztlichen und der physiotherapeutischen Berufsgruppe.
inform: Gibt es „Besonderheiten“ in der Zusammenarbeit, wenn ja welche?
Dr. Sinz: Die Besonderheit liegt darin, dass die TherapeutInnen bei RoutinepatientInnen autonom arbeiten und bei Routinefällen praktisch keine Zeit vergeudenden Nachfragen notwendig sind. Spezialfälle werden jedoch im Rahmen der Visite besprochen. Außerdem ist die Physiotherapie bei unserer gemeinsamen Morgenbesprechung anwesend, um allfällige ProblempatientInnen zu besprechen.
inform: Gibt es neue Entwicklungen und Schwerpunkte, die Sie andenken?
Dr. Sinz: Zukünftig wird der stationäre Aufenthalt nach Endoprothesen kürzer werden. Hier sind wir gefordert, gemeinsam mit den PhysiotherapeutInnen Wege zu einer optimierten perioperativen Remobilisation zu finden. Entsprechende Modelle gibt es bereits. Besonders die nordeuropäischen Staaten wie beispielsweise Finnland und Dänemark haben hierbei Vorreiterfunktion. Ich bin überzeugt, dass wir das gemeinsam schaffen werden.
Interview: Constance Schlegl,PT
Bei Routinefällen keine Zeit verlieren





