Das Ergebnis von Strassnitzkys mehrjähriger Untersuchung vorweg: Die steigende Professionalisierung der Physiotherapie und der PhysiotherapeutInnen in Österreich ist deutlich zu sehen. Bei einzelnen Kriterien sind aber noch Verbesserungspotenziale erkennbar.
Um diese Entwicklung transparent zu machen, hat Strassnitzky für folgende vier Zeitpunkte Bestandserhebungen zu den immer gleichen Kriterien durchgeführt (siehe Grafik):
1943: Für PhysiotherapeutInnen (damals: Krankengymnastinnen bzw. Assistentinnen für physikalische Therapie) gibt es erstmals eine zweijährige Ausbildung. Diese erfolgt nach den Satzungen und dem Lehrplan der Krankengymnastik-Ausbildung in München (damals: Lehranstalt für Krankengymnastinnen auf dem gesamten Gebiet der physikalischen Heilmethoden am Institut für physikalische Therapie und Röntgenologie der Universität München). Allerdings findet sich dazu keine gesetzliche Regelung für Österreich.
1961: Erstmals gibt es ein Bundesgesetz und eine zugehörige Verordnung betreffend die Regelung der Krankenpflegefachdienste, der medizinisch-technischen Dienste und der Sanitätshilfsdienste, in dem der Berufszugang (z. B. Matura als Voraussetzung) zur Physiotherapie (damals: diplomierte/r AssistentIn für physikalische Medizin), sowie die -ausbildung und die -ausübung geregelt sind. Die Physiotherapie ist hierbei in einem gemeinsamen Gesetz mit der Krankenpflege und den Sanitätshilfsdiensten verankert. Mit dem „Verband der diplomierten Assistenten für physikalische Medizin Österreichs“ wird der erste eigenständige Berufsverband gegründet.
1993: Das erste eigenständige Berufsgesetz für die gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD) und somit die formale Trennung vom Krankenpflegefachdienst, in dem auch die Physiotherapie geregelt ist, sowie die zugehörige Ausbildungsverordnung treten in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt sind PhysiotherapeutInnen keine „AssistentInnen“ mehr.
2006: Mit der beschlossenen MTD-Gesetzesnovelle (2005) und dem Erlass der zugehörigen Ausbildungsverordnung (2006), wird der tertiäre Ausbildungsweg, wonach die Physiotherapie-Ausbildung künftig auch an Fachhochschulen erfolgen kann und mit einem akademischen Titel (Bachelor) abgeschlossen wird, möglich.
Strassnitzkys Analyse: „Es gibt unter anderem im Bereich der Forschung für die PhysiotherapeutInnen noch viel zu tun. Dabei sei allerdings darauf zu achten, dass Forschung und klinisch-praktisches Wissen gleichwertig angesehen werden. „Da darf es keine Spaltung in ‚TheoretikerInnen und PraktikerInnen’ geben“, warnt Strassnitzky, „es ist keine/r besser oder schlechter.“
„In Summe sind wir jedenfalls auf einem guten Weg zu einer eigenen Berufsethik.“ Das lässt sich an einigen Parametern deutlich ablesen: Für PhysiotherapeutInnen ist „lebenslanges Lernen“ integrierter Bestandteil ihres Berufes. Um den Beruf auszuüben, sind eine spezielle Motivation sowie besondere Kompetenzen und Fertigkeiten erforderlich. Der Beruf verlangt eine soziale und ethische Gesinnung und das ständige Reflektieren des eigenen Tuns.
In diesem Zusammenhang untersuchte Strassnitzky auch „wie es nach dem Abschluss der Berufsausbildung ausschaut“. Dazu durchforstete sie das komplette Fortbildungsangebot von Physio Austria von 1967 bis 2005, sowie das gesamte spezifische und multiprofessionelle Bildungsangebot (alles, woran PhysiotherapeutInnen teilnehmen konnten) der Akademie für Fort- und Sonderausbildungen – Bereich MTD der Gemeinde Wien (FBA-MTD) von 1977 bis 2005. Fazit: Der Schwerpunkt liegt wie zu erwarten bei fachlich-methodischen Fortbildungen. Es ist aber eine gewisse Tendenz zu Fortbildungen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung erkennbar.
Das bedeutet laut Strassnitzky, der Stellenwert von Eigenverantwortung und Selbstreflexion steigt an. Kompetenz wird zunehmend in ganzheitlichem Handeln gesehen: Der Mensch (PatientIn) ist nicht mehr primär ein Objekt, sondern rückt als Subjekt in den Mittelpunkt professionell therapeutischen Handelns.
„Die Gesamtwahrnehmung der Persönlichkeit der PatientInnen ist die höchste Stufe der Professionalisierung“, sagt Strassnitzky. „Achtsamkeit dem/der PatientIn, aber auch sich selbst gegenüber, ist ein Qualitätskriterium.“
Diese „höchste Stufe der Professionalisierung“ zu erreichen ist ein Entwicklungsprozess, der „viele Jahre dauert“, so Strassnitzky, „und wird nicht von allen erreicht“. Sie selbst peilt diesen (ethischen) Gipfel der Professionalisierung jedenfalls zielstrebig an: Nach Master- und Doktoratsstudium steht nun eine Psychotherapie-Ausbildung auf dem Programm.
Otto Havelka
Auf dem Weg zur eigenen Berufsethik


Dr. phil. Alice Maria Strassnitzky, M. Ed.
So lautet der vollständige Name samt allen Titeln der Autorin des Buches „Die Professionalisierung der Physiotherapeuten – eine erwachsenen und berufspädagogische Auseinandersetzung“.
Strassnitzky ist die erste Physiotherapeutin in Österreich, die über ein Masterstudium (Pädagogik) für ein Doktoratsstudium an einer österreichischen Universität (Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) zugelassen wurde.
Sie ist hauptberuflich Lehrende an der Fachhochschule Campus Wien, Studiengang Physiotherapie und freiberufliche Physiotherapeutin.




