Der Begriff „Clinical Reasoning“ stammt aus dem Bereich der Lernpsychologie. Mitte des vergangenen Jahrhunderts beschäftigte sich die Forschung mit der Frage, wie sich zum Beispiel beim Schachspiel, in der Physik oder auch in der Medizin ExpertInnen von AnfängerInnen unterscheiden.
Dabei stellte sich heraus, dass ExpertInnen oft effizientere und bessere Prozesse zu Problemlösungen einsetzen. Durch die Entwicklung von Messinstrumenten – standardisierte Fallbeispiele, Simulation von PatientInnensituationen, Computersimulationen, etc. – sollte „Clinical Reasoning“ weiter erforscht werden.
In der Folge stellte sich heraus, dass ExpertInnen viele Entscheidungen durch ihr tieferes und organisiertes Wissen auf Basis von Hypothesen und Mustererkennungen treffen. ÄrztInnen treffen beispielsweise viele Entscheidungen aufgrund ihrer Erfahrungen mit PatientInnen, wobei das theoretische Wissen zunehmend mit den klinischen Erfahrungen verschmolzen wird und in den Hintergrund rückt.
Neuere Forschungen ergaben, dass ExpertInnen auch andere Interaktionen mit Menschen haben, und MedizinerInnen oder PhysiotherapeutInnen dem individuellen Krankheitserleben ihrer PatientInnen vermehrte Aufmerksamkeit schenken. Mit dem so genannten „impliziten Clinical Reasoning“ wächst die Akzeptanz von Erfahrungswissen neben dem theoretischen Wissen.
Im „Clinical Reasoning“ spielt die Mischung aus Denken und Reflektieren eine entscheidende Rolle. ExpertInnen in der Physiotherapie haben sich die Gewohnheit zu eigen gemacht, nach jeder Behandlung eigene Denkweisen, Entscheidungen, Untersuchungsvorgänge, PatientInnenbeziehungen, etc. zu reflektieren. Dadurch wird wiederum das Erfahrungswissen verbreitert, das in den klinischen Entscheidungen eine zentrale Rolle spielt.
„Clinical Reasoning“ – zentraler Bestandteil des Physiotherapeutischen Prozesses
Laut WCPT umfassen die spezifischen Eigenschaften des Physiotherapeutischen Prozesses: Untersuchung und Beurteilung (Assessment), Diagnose, Planung, Interventionen und Erfolgskontrollen. Der Physiotherapeutische Prozess erfolgt dabei durch Analyse und Synthese im Rahmen eines „Clinical Reasoning“-Prozesses. Die Diagnose ist das Resultat des „Clinical Reasoning“-Prozesses.
Die Therapieplanung beinhaltet die Bestimmung von Interventionen und das Festlegen von konkreten Zielen. Interventionen werden zur Erreichung dieser Ziele angepasst und können zum Beispiel sein: Bewegungs- und Gangschulung, Manuelle Therapie, physikalische und elektrotherapeutische Applikationen, Hilfsmittel- und Orthesen, PatientInnen- und Angehörigenschulungen, usw.
Diese Interventionen sind sowohl auf die Behandlung wie auf vorbeugende Maßnahmen, sowie die Förderung von Gesundheit, Lebensqualität und Fitness ausgerichtet.
Voraussetzung dafür ist regelmäßige Reflexion: Passen Befund und Hypothese zusammen. Und dafür ist eine genaue Kenntnis klinischer Bilder nötig.
Otto Havelka





