Was ist eigentlich Physiotherapie?

Diese Frage wird mir und KollegInnen immer wieder gestellt, und manchmal auch von Leuten, von denen wir glauben, die müssten es ja wirklich wissen. Ich gebe zu, als Präsidentin des Berufsverbandes der PhysiotherapeutInnen tut mir das manchmal weh.

Noch viel schmerzhafter ist aber, wenn Menschen diese Frage gar nicht stellen, weil sie ohnedies zu wissen glauben, was Physiotherapie ist – und es dann aber doch nicht wissen und Äußerungen tätigen, die mit Physiotherapie wenig bis nichts zu tun haben.

Ganz besonders schmerzhaft ist es, wenn es sich dabei um so genannte ExpertInnen handelt, die dann Kraft ihrer Funktion falsche Bilder von Physiotherapie kommunizieren und auf deren Basis womöglich auch noch (folgenschwere) Entscheidungen treffen.

Spätestens in solchen Fällen wird klar, wie wichtig es ist, eine verbindliche und außer Diskussion stehende Antwort auf die Frage, was Physiotherapie ist, geben zu können. Eine Antwort, die gilt, wenn „Physiotherapie“ in Gesetzestexten verankert wird, in Stellen­planungen von Krankenanstalten oder in Leitlinien zur Behandlung verschiedener Krankheiten.

Die Antwort gibt der „Physiotherapeutische Prozess“ (siehe Bericht „Das ist gelebte Physiotherapie"). Mag sein, dass manche KollegInnen befinden, dass das ja ohnedies alles klar sei. Aber zum Einen ist es oft schwierig, gerade die Dinge für andere verständlich zu machen, die einem selber klar sind. Und zum Anderen sind sie offensichtlich vielen nicht klar (siehe oben).

Worum es letztlich geht, ist einen verlässlichen Begriff von Physiotherapie zu verankern, der auch in unterschiedlichen Publikumskreisen identisch verwendet wird und auch die unverwechselbare Identität der Physiotherapie vermittelt. Speziell in einem zunehmend vernetzten und multidisziplinären Gesundheitswesen ist es unabdingbar, mit allgemein gültigen Begriffen zu arbeiten, die für eindeutige Inhalte stehen. Nur auf dieser Basis kann eine unmissverständliche Kommunikation zwischen ExpertInnen, SpezialistInnen und EntscheidungsträgerInnen und auch KlientInnen funktionieren. Es ist daher notwendig, über eine einheitliche Nomenklatur der Physiotherapie zu verfügen, wie es auch notwendig ist, dass PhysiotherapeutInnen mit einheitlichen Nomenklaturen aus anderen medizinischen Bereichen vertraut sind.

Nicht zuletzt wird damit auch die Basis für ein Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit geschaffen, in dem Physiotherapie nicht mehr mit Gymnastik verwechselt wird und PhysiotherapeutInnen nicht durch TurnlehrerInnen oder SportwissenschafterInnen ersetzt werden können.

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT
Präsidentin

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Präsidentin des Berufsverbandes Physio Austria

Schlüsselworte