Im OP-„Saal“ gackern die Hühner

Zweieinhalb Monate nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti sind die Lebensbedingungen der Inselbewohner nach wie vor katastrophal. Tausende Menschen benötigen operative Nachsorge, Rehabilitation, Physiotherapie und psychologische Betreuung. Viele haben noch immer keinen Zugang zu Sanitäreinrichtungen. Mit der beginnenden Regenzeit steigt das Risiko für Malaria-Erkrankungen, Gewalt und Kriminalität nehmen zu. Die Kärntner Physiotherapeutin Gerda Burian kam kürzlich von einem vierwöchigen Einsatz als „Physiotherapist coordinator“ im Rahmen der Hilfsaktion von „Ärzte ohne Grenzen“ aus Haiti zurück und schildert „inform“ ihre Erlebnisse.

Léogàne ist eine 130.000 Einwohner zählende Stadt, direkt am Epizentrum des Erdbebens, das am 12. Jänner dieses Jahres Haiti erschütterte und mehr als 200.000 Todesopfer forderte. Dort war Gerda Burian vier Wochen als Koordinatorin der Physiotherapie tätig.

Ein Zelt dient als Krankenhaus für 90 PatientInnen, im „OP-Saal“ laufen die Hühner herum, in der „Intensivstation“ werden PatientInnen mobilisiert. Weiter draußen liegen 40 orthopädische PatientInnen, pro Tag gibt es zehn Geburten. Wenn es keine dramatischen Zwischenfälle gibt, verlassen die Mütter mit Ihren Babies nach sechs Stunden das Krankenhauszelt.

Gerda Burian hat fünf einheimische Physiotherapeuten als Helfer zur Unterstützung. Mit Physiotherapie hat deren Ausbildungsstandard wenig zu tun. Daher schiebt Burian täglich eine Stunde Schulung und Training für die Physios aus Haiti ein. Die meisten sprechen nur ihre Landessprache Kreol (ähnlich dem Französischen). Die Verständigung funktioniert über drei verbale Ecken – Englisch wird ins Französische übersetzt, Französisch in Kreol – und über eine non-verbale. „Man lernt, vieles aus der Mimik abzulesen“, sagt Burian.

Und man muss wissen, dass in anderen Kulturen anders mit Schmerz umgegangen wird als hierzulande. „Es wird viel geschrien“, und es ist vieles zum Schreien. Burian kümmert sich um die Nachbehandlung von Knochenbrüchen, Frakturen, Amputationen. Da für die konservative Behandlung von Frakturen die Gewichte fehlen, müssen passende Steine gesucht werden. Ein Schweißer bastelt Krücken, ein Tischler zimmert aus herumliegenden Brettern einen Lattenrost, der es ermöglicht, das Knie abzubiegen. Falsch angelegte Kompressionsverbände nach Amputationen müssen getauscht werden, um die Infektionsgefahr zu bannen.

Gerda Burian muss Entscheidungen treffen, die hierzulande ein berufspolitisches Erdbeben der Stärke 10,0 in der Ärztekammer auslösen würden: Wer kann/muss das Spital verlassen, wer wird ambulant weiter behandelt. Im internationalen, 25 MitarbeiterInnen starken Team, bestehend aus ChirurgInnen, AnästhesistInnen, OP-Schwestern, Pflegekräften und Gerda Burian ist man froh über die Kompetenz der Kärntner Physiotherapeutin. Nur die PatientInnen machen “Schwierigkeiten“: Viele weigern sich, das Krankenhauszelt zu verlassen. Sie wissen, dass draußen bestenfalls das Nichts auf sie wartet.

Burian hat daher eine „offene“ Ambulanz initiiert. Hier können sich Menschen melden, die nach ihrem Krankenhausaufenthalt etwas brauchen. Natürlich kommen auch andere. Sie brauchen medizinisches Material – und sei es nur ein Pflaster.

„Das Problem ist“, weiß Burian, „dass in der lebensrettenden Hilfe viel operiert, aber nachher nicht versorgt wurde. Die „offene“ Ambulanz spricht sich allmählich über Mundpropaganda herum. Zu langsam. Daher klappert ein mobiles Team täglich die umliegenden Dörfer ab, um die Menschen zur Nachversorgung zu bewegen.

Haiti war Gerda Burians vierter internationaler Einsatz. „Einmal pro Jahr“ will sie sich weiterhin den Luxus der weiten Welt als Physiotherapeutin leisten, um ihren „Horizont zu erweitern“.

Finanziell steht unter dem Strich ein deutliches Minus. Allein die Miete für ihre Praxis in Villach kostet mehr als sie für ihren Einsatz in einem Krisengebiet bekommt. – Aber „wenn man von dort zurückkommt, sieht man die Probleme hier nur winzig klein“.

Otto Havelka

Gerda Burian

Physiotherapeutin seit 1999
Master in „International Health“
Diplom in Akupunktur der Universität Shanghai

Bisherige Auslandseinsätze

  • Durchführung von Trainings in einem Rehab-Zentrum in Indien
  • Physiotherapeutische Koordina­torin in Indonesien
  • Physiotherapeutin (Technical adviser) im Libanon

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Physiotherapie im Katastrophen­gebiet: Nach vielen lebensrettenden Operationen ist dringend therapeutische Nachsorge gefragt. „Fixierung“ auf Haiti: Fehlende Gewichte werden durch Steine und Sandsäcke (siehe Bild unten) ersetzt.  Die Kärntner Physiotherapeutin Gerda Burian initiierte dafür eine „offene Ambulanz“.Im OP-„Saal“ gackern die HühnerIm OP-„Saal“ gackern die HühnerIm OP-„Saal“ gackern die Hühner

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