Entstehung des sagittalen Wirbelsäulenprofils mit ­besonderem Augenmerk auf den Bereich Lenden­wirbelsäule und Becken

Im Zuge der Umstellung der Physiotherapieausbildung auf Fachhochschulbetrieb wurden vergangenes Jahr zum letzten Mal Diplomarbeiten der AbsolventInnen von Akademien für Physiotherapie prämiert. Den würdigen Schlusspunkt der Prämierungen setzte Birgit Fuchs mit ihrer Arbeit „Entstehung des sagittalen Wirbelsäulenprofils mit besonderem Augenmerk auf den Bereich Lendenwirbelsäule und Becken“.

Eine der Fragestellungen der Diplomarbeit war, wodurch sich die charakteristisch menschlichen Krümmungen der Wirbelsäule entwickeln. Anhand der Aufarbeitung der Phylogenese, das heißt der Evolution vom Affen zum biped laufenden Hominiden, und der Ontogenese konnte diese beantwortet werden. Der Säugling durchläuft in seiner Entwicklung zum aufrecht gehenden Erwachsenen ähnliche Schritte, wie in der Evolution vom Affen bis zum Menschen passieren mussten. Sowohl beim krabbelnden Kleinkind als auch beim quadrupeden Affen befinden sich die Hüftgelenke in ungefähr 90° Beugestellung. Um den Gang auf zwei Beinen möglich zu machen, müssen sich die Strukturen ventral des Hüftgelenks enorm verlängern. Diese Strukturen entspringen bzw. setzen am Becken an, wodurch Bewegungen des Hüftgelenks in die Lendenwirbelsäule weiterlaufen. Das heißt, im Prozess der Aufrichtung, läuft jede Extension im Hüftgelenk in die Lendenwirbelsäule weiter, da sich die Hüftbeugestrukturen nicht so schnell verlängern können, wie sich die Lendenwirbelsäule in Extension bewegen kann. Durch den ständigen Gebrauch dieser lordotischen Haltung fixiert sich die Stellung bis ins Erwachsenenalter. Um den Körper im Gleichgewicht halten zu können bilden sich Brustkyphose und Halslordose aus. Auch in diesen Abschnitten erfolgt zumeist eine strukturelle Fixierung durch den Nichtgebrauch der ursprünglich möglichen Bewegungsrichtungen.

Die Frage, „Warum weist eine „physiologische“ Wirbelsäule Krümmungen in der Sagittalebene auf?“ kann somit durch die eben beschriebenen Vorgänge beantwortet werden. Ob allerdings ein spezieller Nutzen bzw. Grund hinter der Doppel-S-Krümmung steckt, wird in der Literatur nicht eindeutig beantwortet. Die Meinungen dazu unterscheiden sich stark.

Es existieren keine aktuellen Studien, die eine Theorie wissenschaftlich untermauern würden. Einerseits wird von einer federnden Wirkung der Krümmungen gesprochen, an anderer Stelle wird diese Aussage dementiert. In dieser Diplomarbeit angeführte Argumente lassen eher darauf schließen, dass kein spezieller Grund für die Doppel-S-Form besteht, sondern sie eine Folge des aufrechten Ganges ist, d.h. der Schwerkraft und zu kurzer Bindegewebsstrukturen.
Genauso unterschiedlich sind die in der Literatur beschriebenen idealen Krümmungsformen. Es wird darauf hingewiesen, dass eine exakte Definition auf Grund der großen Schwankungsbreite nicht möglich ist. In manchen Werken finden sich doch Angaben unter zu Hilfenahme von knöchernen Orientierungspunkten. Diese Angaben divergieren in den einzelnen Werken stark. Auffallend ist, dass nie begründet wird, warum die definierte Form optimal ist.

Obwohl keine einheitliche Definition gefunden werden konnte, gibt es doch Punkte die in den verschiedenen Werken übereinstimmen. Einig ist sich die Wissenschaft, dass sich die Gelenke der Wirbelsäule in der aufrechten Haltung in Mittelstellung befinden sollten. Das bedeutet kein Gelenk sollte am Bewegungsende statisch belastet werden. Die Wirbelkörper sollten parallel zueinander stehen, um einseitige Spitzenbelastungen der Bandscheiben zu verhindern, und die Facettengelenke sollten sich in Neutralstellung befinden, damit sie kein Körpergewicht „tragen“ müssen, da sie für solche Belastungen nicht gebaut sind.

Weiters wird die muskuläre Stabilität einheitlich als Voraussetzung für eine gesunde Wirbelsäule angeführt. Ein weiterer Punkt ist die Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule. Das Bestehen von Hypomobilitäten löst reflektorisch Hypermobilitäten anderer Segmente aus. Dies kann zu Fehlhaltungen und natürlich auch zu Fehlbelastungen in der Bewegung führen.

Abschließend lässt sich sagen, dass es unmöglich ist, entgegen der Individualität eine pauschale Aussage zu treffen. Eine Wirbelsäule passt sich den unterschiedlichen Belastungen in einem Menschenleben an. Besonders in der Wachstumsphase ist unser Achsenskelett sehr formbar. Das bedeutet, es hat keinen Sinn, PatientInnen mittels Haltungskorrektur zu einer angeblich optimalen Wirbelsäulenform zu zwingen ohne darauf einzugehen warum die vorhandene Form entstanden ist. Vielmehr ist es unerlässlich, die vorhandene Form zu studieren und zu überlegen, warum diese zustande kam.

Weist ein Patient zum Beispiel ein Hohlkreuz auf, muss auf alle Fälle beachtet werden, ob eine muskuläre Verkürzung des M. iliopsoas oder des M. rectus femoris vorliegt. Gemäß der vorliegenden Arbeit lässt sich der größte Erfolg in der physiotherapeutischen Behandlung durch eine möglichst optimale und gleichmäßige Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule aber auch der Hüftgelenke erreichen. Wichtig ist es weiterhin, dass diese Beweglichkeit ausreichend muskulär stabilisiert werden kann. Sind diese zwei Vorraussetzungen möglichst optimal erfüllt, ist ein guter Grundstein für eine beschwerdefreie Wirbelsäule gelegt. Sowohl die Beweglichkeit der einzelnen Wirbelsäulensegmente als auch der muskuläre Status können durch gezielte Physiotherapie beeinflusst werden.

Birgit Fuchs, PT

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Birgit Fuchs, PT

geb. 1986, Absolventin der Akademie für Physiotherapie im Kaiser Franz Josef Spital 2005 – 2008 (Erstbetreuerin: Silke Gruber, PT)

derzeit tätig im Rehabili­tationszentrum Engelsbad in Baden bei Wien

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Mag. Stefan Moritz, MSc; Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT; Dr. Barbara Schörner; Birgit Fuchs, PT (v.l.n.r.)

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