Der „Physiotherapeutische Prozess“ ist die schematische Beschreibung bzw. Darstellung des Ablaufs einer kompletten physiotherapeutischen Behandlung und gliedert sich in vier Bereiche: Problemidentifizierung, Planungsphase, Umsetzungsphase und phasenübergreifende Tätigkeiten.
Zur Problemidentifizierung gehören:
- die ärztliche Diagnose bzw. Therapieanordnung
- Befunderhebung und Datenbeschaffung: Der/die PhysiotherapeutIn erstellt auf Basis seiner/ihrer
- Erfahrungen und gesicherter medizinischer Daten (siehe Bericht„clinical reasoning“) eine
- Physiotherapeutische Diagnose
Anschließend erstellt der/die PhysiotherapeutIn in der Planungsphase
- Gemeinsam mit dem/der PatientIn ein Therapieziel und
- einen Therapieplan
Die Umsetzungsphase umfasst schließlich:
- die Behandlung
- eine Erfolgskontrolle und gegebenenfalls das Durchführen von Interventionen, um das Therapieziel zu erreichen
- den Therapieabschluss
Als phasenübergreifende Tätigkeiten werden alle genannten Schritte des Behandlungsablaufes
- dokumentiert
- reflektiert
- evaluiert
„Jede/r PhysiotherapeutIn sollte diesen Prozess bei jedem/r seiner/ihrer KlientInnen durchgehen“, erklärt Gerhard Eder, Vortragender beim Seminar „Einführung in den Physiotherapeutischen Prozess“ an der FH Campus Wien (und „nebenbei“ Finanzreferent von Physio Austria).
Was in der Theorie recht simpel aussieht, ist in der alltäglichen Praxis sehr komplex. Denn dort verläuft der Physiotherapeutische Prozess nicht linear, sondern in immer wiederkehrenden Schleifen (siehe Abbildung).
Während der Behandlungsphase überprüft der/die PhysiotherapeutIn immer wieder, ob die laut Behandlungsplan angepeilten Ziele erreicht werden. Hat sich der gewünschte Effekt nicht eingestellt, heißt es „gehe zurück zum Start“, so Eder. Dort beginnt im Rahmen einer Wieder-Befundung erneut die Suche nach Erfahrungen, evidenzbasierten Daten, Wechselwirkungen, etc. – Im medizinischen Bereich sind solche Problemlösungsstrategien als „clinical reasoning“ Gang und Gäbe (siehe auch Bericht „Wissen trifft Erfahrung").
Häufigkeit, Umfang oder Komplexität solcher „Neustarts“ hängen nicht zuletzt wesentlich von den Krankheitsbildern der PatientInnen ab. Im Bereich der Neurologie zum Beispiel haben in der Regel wesentlich mehr Faktoren einen Einfluss auf den Behandlungsplan bzw. -erfolg als etwa bei der (Nach)behandlung einer Muskelverletzung. Nebenwirkungen von Medikamenten, Wechselwirkungen mit anderen physischen Defiziten, psychische Verfassung, soziale Probleme – alle diese Komponenten spielen unterschiedliche Rollen und ergeben in Summe ein spezifisches, individuelles Krankheitsbild, für das ein ebenso individueller Behandlungsplan erstellt werden muss.
In diesem Sinne ist der „Physiotherapeutische Prozess“ nichts Neues, sondern eigentlich die Beschreibung „der gelebten Praxis in der Physiotherapie“, bestätigt Eder. Viele PhysiotherapeutInnen „machen das instinktiv“. Sie brauchen dazu keine Check-list. Aus dem Krankheitsbild ergibt sich die Zielformulierung, aus dem Therapieziel der Therapieplan. Je nach Erfahrung und Spezialwissen der TherapeutInnen und Komplexität des Falles dauert das fünf Minuten oder eine Stunde. Der „Physiotherapeutische Prozess“ passiert.
„Es kann schon sein“, weiß Eder, „dass da und dort keine lückenlose Dokumentation erfolgt“, Reflexion und Evaluation (etwa in der Frage, wie hat der/die PatientIn mich als TherapeutIn gesehen) auf ein Minimum reduziert sind. Vor allem länger gediente und entsprechend erfahrene TherapeutInnen haben diese Prozessschritte oft schon so verinnerlicht, dass sie nicht mehr als konkrete einzelne Arbeitspunkte abgehandelt werden.
Wozu die Definition „Physiotherapeutischer Prozess“?
Eines vorweg: Der Begriff „Physiotherapeutischer Prozess“ ist nicht am Reißbrett entstanden und wurde quasi nachher als „Benimm-Regel“ den PhysiotherapeutInnen umgehängt. Vielmehr wurden im „Physiotherapeutischen Prozess“ die vielfältigen Erfahrungen physiotherapeutischen Handelns gesammelt und in einem optimierten Schema zusammengeführt. „Der Physiotherapeutische Prozess ist der Kern der Physiotherapie“, bringt es Eder auf den Punkt. Physiotherapie ist keine Turnstunde mit SportlehrerInnen und keine Grifftechnik von MasseurInnen. Physiotherapie ist die medizinisch-therapeutische Fachdisziplin für den Bereich Bewegungsentwicklung, -förderung und -kontrolle und als solche „ein eigenständiger Akt“, so Eder.
Das Entscheidende am „Physiotherapeutischen Prozess“ sind die Inhalte. Sie definieren die Kompetenzen und Merkmale der Physiotherapie und somit ihre Alleinstellung.
Der Zweck der Begriffsdefinition liegt damit auf der Hand: Der „Physiotherapeutische Prozess“ ist nicht nur eine Check-list für (angehende) PhysiotherapeutInnen, sondern er ist ein anerkanntes Tätigkeitsprofil und Qualitätsmerkmal. Als solches dient er auch, um die Physiotherapie als definierte Größe in Gesetzen (z.B. MTD-Gesetz, Ausbildungsverordnung, etc.) zu verankern und gegenüber anderen Berufsgruppen und Disziplinen abzugrenzen.
Otto Havelka





