Der aktuelle Trend im Gesundheitswesen, für die Behandlung von immer mehr Krankheiten – vor allem von häufigen chronischen Erkrankungen, die eine multidisziplinäre Behandlung erfordern – so genannte „Leitlinien“ zu erstellen, stößt nicht immer auf uneingeschränkte Gegenliebe. Mitunter argwöhnen MedizinerInnen und Angehörige anderer Gesundheitsberufe, sie würden zunehmend in ein Korsett von Vorschriften gezwängt und damit in ihrer Behandlungskompetenz eingeschränkt.
Dem ist entgegenzuhalten, dass Leitlinien „nur“ Orientierungshilfen sind, mit dem Ziel, aktuelle und wissenschaftlich fundierte Behandlungspfade aufzuzeigen, um eine effiziente und optimale Betreuung der PatientInnen zu ermöglichen.
Denn unbestritten ist, dass die medizinische Entwicklung in weltweit vernetzten Systemen so vielfältig und rasant vor sich geht, dass sie für einzelne ÄrztInnen und TherapeutInnen nicht mehr in Eigenregie bewältigbar ist. Unbestritten ist daher, dass auch PhysiotherapeutInnen in Zukunft häufiger mit Leitlinien konfrontiert werden. Und unbestritten ist, dass sich auch (politische) Entscheidungs- und Kostenträger zunehmend an Leitlinien orientieren werden. Sprich: Für die Finanzierung von Gesundheitsleistungen werden vermehrt Evidenz-basierte Grundlagen eingefordert werden.
Unter Evidenz versteht man die aktuell beste zur Verfügung stehende Erkenntnis oder den besten wissenschaftlichen Nachweis zu einer genau definierten Fragestellung.
Die Einteilung der Evidenz lässt sich nach Validitätskriterien ordnen (siehe Tabelle „Evidenz-Typ" im Anhang).
Leitlinien sind eine systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Entscheidungshilfe für die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen. Sie sind Orientierungshilfen im Sinne von Handlungs- und Entscheidungskorridoren, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder sogar muss. (Quellen: Europaratsempfehlungen Rec(2001)13 zur Methodik medizinischer Leitlinien, NVL-Glossar (www.versorgungsleitlinien.de/glossar/glossar))
Wirksamkeit und Bedeutung einer Leitlinie hängen insbesondere von ihrer Qualität ab. Ein wesentliches Qualitätskriterium von Leitlinien ist das Einhalten methodischer Vorgaben. Diese wurden in Deutschland zum Beispiel durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) festgelegt. Nach AWMF werden aufsteigend folgende drei Stufen definiert, die sich hinsichtlich der Qualitätsziele und des notwendigen Entwicklungsaufwandes erheblich unterscheiden:
S1: ExpertInnengruppe
S2: Formale evidence-Recherche (S2e) oder Formale Konsensfindung (S2k)
S3: Leitlinie mit allen Elementen systematischer Entwicklung
(Quelle: Methodische Empfehlungen zur Erarbeitung von Leitlinien, AWMF, 2004)
Aus physiotherapeutischer Sicht bedeutet die zunehmende Entwicklung von Leitlinien auch immer mehr eine Entwicklung in Richtung „Evidence Based Physiotherapie“.
Um in einem Fachgremium bei der Erstellung von Leitlinien kommunikationsfähig zu sein, bedarf es einer ausgezeichneten Kenntnis der Termini in der medizinischen Fachsprache. Weiters wird auch die Notwendigkeit deutlich, zu einer abgestimmten physiotherapeutischen Nomenklatur zu finden, um in multiprofessionellen ExpertInnengruppen die fachlichen Inputs und Anliegen in einheitlicher Form einbringen und vertreten zu können.
Da es die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet erforderlich machen, wird sich Physio Austria fortan vermehrt mit der Thematik der dafür notwendigen Grundlagen wie z.B. einer einheitlichen physiotherapeutischen Nomenklatur und Auseinandersetzung mit der Evidenzlage im Bereich der Physiotherapie befassen und auch darüber informieren.
Constance Schlegl, PT
Auf dem Weg zur „Evidence Based Physiotherapie“





