Warum soll es im Krankenhaus nur am Vormittag Physiotherapie geben?

Mit 1. April übernimmt Eva-Maria Baumer MPH die Leitung des BIQG. Für „inform“ gab die neue „Qualitäts-Chefin“ schon im März ein erstes Interview.

inform: Frau Baumer, eine zentrale Aufgabe des BIQG ist es, bundesweit gültige Qualitätsleit- und -richtlinien zu erstellen. Bestimmen Sie damit, wie ÄrztInnen oder TherapeutInnen in Zukunft ihre PatientInnen behandeln?

Baumer: Nein. Unsere Aufgabe ist nicht, medizinische Leitlinien zu erstellen. Worum es in den Bundesqualitätsleitlinien geht, ist Abläufe, Informations- und Kommunikationswege in der PatientInnenbetreuung so zu verbessern, dass unter den vorhandenen Bedingungen ein Optimum herausgeholt wird.

inform:
Was heißt das in der Praxis?

Baumer: Nehmen Sie zum Beispiel das Schnittstellenmanagement. Da muss es bei der Spitalsaufnahme zunächst eine standardisierte Mindestinformation zu jeder/m PatientIn geben – Akutaufnahmen natürlich ausgenommen. Innerhalb von 24 oder 48 Stunden muss der voraussichtliche Entlassungstermin festgelegt werden. Und es muss ein Assessement geben, bei dem der anschließende Versorgungsbedarf der betreffenden PatientInnen definiert wird.

inform: Leitlinien haben Empfehlungscharakter, Richtlinien sind sanktionierbare Vorschriften. Was streben Sie eher an?

Baumer: Ich könnte mir vorstellen, dass es zu besonders wichtigen Themen Richtlinien gibt. Ansonsten wird es aber hauptsächlich Leitlinien geben.

inform: Das klingt aber eher zahnlos. An die muss man sich ja nicht unbedingt halten …

Baumer: Die Aufgabe des BIQG ist nicht die einer Polizei, sondern eines Beraters. Wir haben zum Beispiel in Österreich eine eher unterentwickelte Fehlerkultur. Um eine solche aufzubauen, braucht man einen sanktionsfreien Raum, in dem auch offen über Fehler und deren Vermeidung diskutiert werden kann.

Aber es gibt durchaus auch Kontrollmöglichkeiten, ob sich jemand an die Leitlinien hält. Zum einen können wir über die Qualitätsregister erfassen, wo bessere oder schlechtere Behandlungserfolge erzielt werden. Und wenn es wo hapert, können wir dem nachgehen. Zum anderen sind ja auch die Zahler, sprich: Sozialversicherungen, in die Entwicklung der Leitlinien eingebunden. Es wäre ja durchaus möglich, dass die sagen, sie zahlen nur Leistungen, die entsprechend den jeweiligen Leitlinien erbracht werden.

inform: … also rigorose evidence based medicine?

Baumer: Evidenz ist viel, aber nicht alles. Man muss auch das Fachwissen und die Erfahrung der ExpertInnen bewerten. Vor allem in fachübergreifenden Bereichen gibt es noch oft keine Evidenz. Ich kann auch nicht für ganz Österreich generell sagen, welche Leistungen intra- oder extramural zu erbringen sind. Da gibt es regionale Unterschiede und Voraussetzungen. Worum es geht, ist im Interesse der PatientInnen Abläufe zu optimieren und wenn nötig Paradigmen aufzubrechen. Wer sagt zum Beispiel, dass es in einem Krankenhaus nur am Vormittag Physiotherapie gibt? Warum nicht auch um 20 Uhr?

inform: Sind da nicht Konflikte unterschiedlicher Interessensgruppen vorprogrammiert?

Baumer: Wir gehen hier einen für Österreich neuen Weg. Wir lassen für die Entwicklung einer Leitlinie alle involvierten Berufsgruppen und Entscheidungsträger ihre Vertreter selbst nominieren. Jeder muss schriftlich seine Interessen offenlegen und sich selbst mit seiner Berufsgruppe abstimmen. Das kann manchmal langwierig sein, aber wenn wir eine Leitlinie auf den Boden bringen, dann hält sie auch. Und man muss auch dazu stehen, dass nicht alles geht. Manche Leitlinien sind nicht umsetzbar.

inform: Zurzeit arbeiten Sie an der Entwicklung von Leitlinien für Demenz, Parkinson oder eben das Schnittstellenmanagement. Theoretisch könnten Sie tausende Leitlinien erarbeiten. Wie treffen Sie die Auswahl?

Baumer: Grundsätzlich sind unsere Auftraggeber die Bundesgesundheitsagentur und der Bund selbst, die uns Themen vorgeben können. Wir erstellen zurzeit ein Priorisierungsverfahren, welche Themen vorrangig behandelt werden. Dabei werden Kriterien wie Fallzahlen, Versorgungs­situation, Behandlungsmöglichkeiten, Kosten oder Krankheitslast der Betroffenen bewertet. Vorrangig geht es dabei um chronische Erkrankungen, aber auch um organisatorische/systemische Themenfelder, wo verschiedene Gesundheitsberufe zusammenarbeiten müssen.

Das BIQG arbeitet jedenfalls nicht auf Zuruf und wird auch von keinen Interessensgruppen wie zum Beispiel der Pharma­industrie getragen.

inform: Sie sind zuversichtlich, die Qualität im Gesundheits­wesen heben zu können?

Baumer: Viele glauben, der Gesundheitsbereich ist ein unendlich großer Kuchen, aber die Wirtschaftskrise zeigt auch hier schon deutliche Spuren. Wenn wir hier Optimierungspotenziale nicht nutzen, müssen das die PatientInnen austragen.

Otto Havelka

Eva-Maria Baumer MPH

Interview mit der designierten Leiterin des Bundesinstitutes für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG)

Schlüsselworte