Der Arbeitsplatz von Brigitta Kolmayr, stellvertretende Leitende ­Physiotherapeutin am Wiener Lorenz Böhler Krankenhaus, ist leicht zu finden. Gleich hinter dem Eingang zum Krankenhaus weisen große Schilder den Weg zur 16 MitarbeiterInnen umfassenden Physiotherapie im ersten Stock. Aber man könnte auch getrost den Wegweisern zur Ergotherapie folgen – die MTD-KollegInnen sind auch gleich dort. Das schätzt Brigitta Kolmayr besonders.

Nach Abschluss ihrer Physiotherapieausbildung 1985 in Graz sammelte die Steirerin zunächst fünf Jahre Berufserfahrung in der Schweiz und bewarb sich schließlich um eine Stelle in den USA. ­Eineinhalb Jahre lang betreute sie in Denver Rehab-PatientInnen nach Schädel-Hirn-Traumata. Spätestens dort wurde sie zur überzeugten Anhängerin der Interdisziplinarität. Hier war die Welt der Physiotherapie eine andere: „In den Spitälern standen immer die Teams im Vordergrund“, erinnert sich Kolmayr, Physio­therapeutInnen hatten eigene geprüfte PT-AssistentInnen, jede Therapie wurde penibel (für die Versicherung) dokumentiert. Und sogar in den Ärzte-Soaps im TV spielten PhysiotherapeutInnen regelmäßig eine Rolle.

Bevor Kolmayr mit diesem neuen physiotherapeutischen Selbstbewusstsein ans Unfallkrankenhaus Graz zurückkehrte, strampelte sie noch schnell (in zwei ­Monaten) mit einer Freundin 4000 Kilometer quer durch die USA von Montreal nach Jacksonville auf dem Rad herunter.

2002 übersiedelte Kolmayr schließlich nach Wien. Im Lorenz Böhler Kranken­haus, wo sie auch fallweise in der Intensivstation arbeitet, entwickelte sie sich bei Oberarzt Dr. Martin Leixnering zu einer Spezialistin für Handverletzungen und –erkrankungen. Als solche hat sie im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun: Das Spektrum reicht von Radiusfrakturen über Schidaumen, Schnitt- und Sehnenverletzungen bis zu Amputationen. Die Kooperation mit ChirurgInnen, Pflege und ErgotherapeutInnen – „wir schauen uns auch gemeinsam die Röntgenbilder an“, so Kolmayr – kann in vieler Hinsicht entscheidend sein. Schon der Verlust eines Fingers kann eine 50-prozentige Invalidität bedeuten.

Der Idee, „zertifizierte HandtherapeutInnen“ in Österreich einzuführen, kann Kolmayr viel abgewinnen. „International ist das schon lange üblich und würde uns außerdem ein gemeinsames Auftreten mit den ÄrztInnen bei Kongressen ermög­lichen“, erklärt Kolmayr.

Seit zehn Jahren hat die Handspezialistin auch im Präsidium von Physio Austria ihre Finger im Spiel. Als Vertreterin für angestellt tätige PhysiotherapeutInnen: „Es ist wichtig, dass diese Gruppe eine Stimme im Präsidium hat“. Denn für viele angestellte PhysiotherapeutInnen bieten sich zwar etliche Ansprechpartner wie AK oder ÖGB an, aber in der Praxis sind Physio­therapeutInnen dort nur ein Anhängsel in einem Sammelbecken von (zum Teil konkurrierenden) Gesundheitsberufen. „Umso wichtiger ist es, eine eindeutige Berufsvertretung auch für angestellte PhysiotherapeutInnen zu haben.“

Kolmayr will nicht herumtippen, sondern Hand anlegen. So wurde in den letzten Jahren ein Netzwerk für leitende PhysiotherapeutInnen eingerichtet, ein jährliches Treffen Leitender PhysiotherapeutInnen geschaffen, ein Stellenprofil für Leitende PhysiotherapeutInnen erstellt, oder ein Ombudsmann für arbeitsrechtliche Fragen  eingerichtet.

Auch in ihrer Freizeit wartet Kolmayr mit handfesten Ergebnissen auf. Nachdem sie schon in ihrer Jugend im Schwimmverein war und sich in den letzten Jahren wieder vom Radeln mehr aufs Schwimmen verlegt hat, scheint sie auch dort an prominenter Stelle in den Ergebnislisten – zuletzt beim 3rd Vienna Valentine in Wien, Floridsdorf – auf. Nach großen Trophäen will sie nicht greifen. Schließlich ist Sport bei allem Ehrgeiz nur ein Hobby. – Ein Trip nach Rio wäre da schon reizvoller.

Otto Havelka

Steckbrief Brigitta Kolmayr

Lieblingsbuch: „Milchblume“ von Thomas Sautner, „Nachtzug nach Lissabon“ von Paul Mercier
Lieblingsmusik: Amy Winehouse, die neue CD von Rosenstolz „Die Suche geht weiter“
Lieblingsmaler: Mark Rothko
Lieblingssatz: „Weil ich niemals dich anhielt – halt ich dich fest“ (R. M. Rilke)
Lieblingsgegend: Lago Maggiore
Lieblingstier: Delfin
Lieblingsblume: Vergissmeinnicht
Lieblingsspeise: Pita Falafel
Lieblingssport: Schwimmen, Schitouren, Rennrad
Lieblingsbeschäftigung: Lesen, Kino, Bewegung in der Natur
Meine größte Stärke: Ehrlichkeit
Meine größte Schwäche: Inkonsequenz
Worüber ich am meisten lachen kann: Situationskomik
Was mich ärgert: Egoismus, der auf die Kosten anderer geht
Wohin ich noch gern reisen würde: Brasilien

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