Interdisziplinäre Zusammen­arbeit entscheidet über Behandlungserfolg

Die distale Radiusfraktur ist die häufigste Knochenbruchverletzung beim Menschen. Je nach Quelle betreffen bis zu 25 Prozent der Frakturen den distalen Radius. Die Extensionsfraktur (Typ Colles) durch Sturz auf die dorsalextendierte Hand ist dabei weitaus häufiger als die Flexionsfraktur (Typ Smith), die durch Sturz auf die palmarflektierte Hand entsteht. Zur Fraktureinteilung haben sich etliche Klassifikationen etabliert, von denen die Fraktureinteilung der AO (Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen) sowie die Einteilung nach Frykman zu den gebräuchlicheren zählen.

Die Versorgung der Radiusfraktur, wie auch jeder anderen Fraktur, hat eine anatomische Reposition mit stabiler Retention zum Ziel. Dieses Ziel sollte mit möglichst geringem zusätzlichen Weichteiltrauma erreicht werden. Im Fall der notwendigen operativen Versorgung einer instabilen Radiusfraktur hat in den letzten Jahren die Verwendung winkelstabiler palmarer Platten Einzug gehalten, die auf dem Prinzip eines Fixateur interne basieren. Durch kraftschlüssige, stabile Verbindung zwischen Platte und Schrauben können Defektzonen lastfrei überbrückt werden. Bei multidirektional winkelstabilen Platten hat der Operateur darüber hinaus die Möglichkeit, den Schraubenwinkel in einem vorgegebenen Schwenkbereich frei zu wählen und dadurch eine anatomische Reposition zu erreichen.

Im Folgenden werden die Richtlinien der physiotherapeutischen Behandlung von solcherart versorgten Radiusfrakturen vorgestellt werden, wie sie im UKH Lorenz Böhler der AUVA durchgeführt wird. Aufgrund der möglichen Begleitverletzungen und Komplikationen ist jedenfalls eine genaue Kenntnis der Krankengeschichte sowie eine gute Kommunikation mit dem Operateur unerlässlich. Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Ergotherapie ist für eine erfolgreiche Rehabilitation ebenso notwendig.

Die Therapie beginnt schon während des stationären Aufenthalts, der im Regelfall 2-3 Tage dauert. Postoperativ wird eine thermoplastische Kunststoffschiene angepasst, die in der Regel für 3-5 Wochen belassen und zur Therapie abgenommen wird.

Ein erster Schwerpunkt ist die Ödemprophylaxe und -therapie. Die PatientInnen werden zur Hochlagerung der verletzten Extremität angehalten. Im Bett steht ein Armlagerungsbrett  zur Verfügung, außerhalb soll der Arm möglichst konsequent über Herzniveau gehalten werden. Darüber hinaus wird der/die PatientIn angeleitet, den Arm stündlich in Schulter und Ellbogen in allen Ebenen endgradig zu bewegen – dazu eignet sich der Wechsel von Schürzen- und Nackengriff gut.

Übungen zum Erhalt der Beweglichkeit von Daumen und Langfingern sowie der Sehnengleitfähigkeit werden instruiert und der/die PatientIn wird ermutigt, diese Übungen regelmäßig durchzuführen.
Erste Hindernisse bei der regelmäßigen Übungsdurchführung können das Auftreten von Schmerzen oder eine starke Schwellung sein. Eine gute Schmerz- und antiphlogistische Therapie muss gegeben sein. Mehrere Tage andauernde, ­inadäquat starke Schmerzen können erste Anzeichen für das Entstehen eines CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom – Complex regional pain syndrome) sein. Eine ärztliche Diagnosestellung muss gegebenenfalls rasch erfolgen und das dementsprechende Therapieregime ein­geleitet werden.
Die Passform und die Anlage der Schiene müssen kontrolliert werden. Die Finger dürfen in der Grundgelenksflexion nicht behindert werden. Die abnehmende Länge der Mittelhandknochen von radial nach ulnar ist bei der Schienenanpassung unbedingt zu beachten.

Die ambulante Therapie wird bei kompli­kationslosem Verlauf in Gruppenform durchgeführt. Auf eventuell auftretende Komplikationen wird frühzeitig reagiert und der/die PatientIn in Einzeltherapie weiter betreut. Die korrekte Ausführung der während des stationären Aufenthalts erlernten Übungen wird kontrolliert und Fehler, die sich eingeschlichen haben werden korrigiert.
Zum Schwellungsabbau erhalten die PatientInnen einen im Kühlschrank gelagerten, mit Salzteig befüllten Untersuchungshandschuh, mit dem die gut gelagerte Extremität bei den Fingern beginnend nach proximal abgerollt wird. Da die Operation mit winkelstabiler Platte eine bewegungsstabile Versorgung darstellt, wird die Schiene in der Therapie abgenommen und der/die PatientIn beginnt, auch das Handgelenk sowohl in sagittaler als auch in der frontalen Ebene zu bewegen; ebenso werden die Pro- und Supination trainiert. Auf Schmerzfreiheit und auf Spannungsfreiheit der Naht muss geachtet werden. Da sowohl die Handgelenks- als auch die extrinsische Fingermuskulatur den Ursprung proximal und den Ansatz distal der Fraktur hat, wird zu Beginn auf einen kraftvollen Faustschluss verzichtet, um die Osteosynthese nicht zu gefährden.

Einige Tage nach der Nahtentfernung kann üblicherweise mit der Narbenbehandlung begonnen werden. Spezielle Narbensalben kommen zur Anwendung, bei hypertrophen Narben kann auch eine Silikonplatte verwendet werden, die über weite Strecken des Tages aufgelegt wird. Die PatientInnen werden zur selbständigen Narbenmassage angeleitet. An der oft hypertonen Unterarmmuskulatur werden Weichteiltechniken angewandt, die zur Normalisierung der Spannung beitragen sollen.

Wichtig ist in dieser Phase die Ermutigung der PatientInnen, die Hand für leichte Tätigkeiten des Alltags wie Schreiben, Essen oder Ähnliches bereits einzusetzen. Die Dauer der Aktivitäten sollte zu Beginn wenige Minuten nicht überschreiten. Außerdem sollen die PatientInnen durch feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen und Schließen von Hemdknöpfen mit der verletzten Hand die Geschicklichkeit und Sensibilität trainieren. Die verschiedenen Griffformen wie Kraftgriff, Spitzgriff, Schreibgriff usw. sollen geübt und beherrscht werden.

Nach der Schienenabnahme liegt der Schwerpunkt der Therapie auf dem Erreichen der vollen Beweglichkeit im Handgelenk. Zusätzlich zum aktiven Bewegen kommen jetzt auch passive Bewegungen sowie manualtherapeutische Techniken zur Anwendung. Je nach Heilungsverlauf (radiologische Kontrolle) wird die Belastung in der Therapie und im Alltag sukzessive gesteigert. Es kommen Kräftigungsübungen mit Hilfe von Knetmasse, Fingertrainern wie dem Digi-Flex, Hanteln und ähnlichen Hilfsmitteln hinzu. Auch die Stützfunktion der Hand wird – vorerst mit dem Hand­gelenk in Nullstellung – vorbereitet.
Bei komplikationslosem Verlauf sollte die Hand nach 8–12 Wochen wieder voll belastbar sein.

Da aber nicht alle Radiusfrakturen komplikationsfrei ausheilen, sollen auch einige der relativ häufigen Komplikationen kurz erwähnt werden:

  • Am gefürchtetsten ist wohl das CRPS/CRDS: die ersten Anzeichen sind oben erwähnt (siehe Seite 11)
  • Als Begleitverletzung eine Bandinstabilität – Ruptur des Scapho-Lunären Bandes
  • Entstehung eines Carpaltunnelsyndroms
  • Frakturheilung in schlechter Stellung
  • Ruptur der Sehne des M. extensor pollicis longus
  • Funktionsstörungen im distalen Radioulnargelenk mit Schmerzen und Einschränkung der Pro- und Supination
  • Beweglichkeitseinschränkung in Finger, Handgelenk, Ellbogen und Schulter
  • Intrinsic und extrinsic tightness

Durch frühzeitige Aufklärung und Schulung der PatientInnen sowie durch ausreichende Schmerztherapie, Ödemprophylaxe und frühe therapeutische Übungen können viele dieser Komplikationen verhindert werden. Eine Therapie dieser Komplikationen ist ungleich aufwändiger und langwieriger.

Gerald Novak PT

Gerald Novak PT

Physiotherapeut seit 1999
Seit 2000 Physiotherapeut im Lorenz-Böhler Unfallkrankenhaus

Kontakt: gerald.novak@auva.at

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