Neue Studie zeigt Möglichkeiten für objektive Verlaufskontrollen

Von Jänner bis März 2006 fand an der Akademie für Physiotherapie am SMZ-Süd/KFJ-Spital das „Fußballprojekt“ statt. Das Projekt beinhaltete unter anderem eine fußballspezifische, physiotherapeutische Analyse hinsichtlich der konstitutionellen Verfassung von 10-jährigen Hobbyfußballspielern. Der „Funktionelle Status“ nach Susanne Klein-Vogelbach wurde als Untersuchungsmethode zur Beurteilung der Haltung herangezogen. Während der Testung erschienen viele der Kinder haltungsschwach, jedoch konnte dies nicht bewiesen werden, da der „Funktionelle Status“ lediglich einen subjektiven Sichtbefund darstellt, der kein objektives, wissenschaftlich fundiertes Ergebnis ermöglicht.

Diese Tatsache führte zu folgenden Fragen: Gibt es in der Wissenschaft Studien, welche sich mit der objektiven Haltungsbeurteilung im Kindesalter auseinandersetzen? Welche Untersuchungsmethoden werden verwendet, zu welchen Ergebnissen führen diese, wären sie der „Evidence-based physiotherapy“ entsprechend und könnten diese in die physiotherapeutische Praxis umgesetzt werden? Das „Fußballprojekt“ gab sozusagen den Anstoß zu der Arbeit mit dem Ziel eine aussagekräftige, evidenzbasierte Untersuchungsmethode zur Erfassung der Haltung im Kindesalter zu eruieren, die objektive Messergebnisse ermöglicht.

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen beschränkte sich die Thematik rein auf die Haltung des Rumpfes, im Speziellen auf die Wirbelsäulenhaltung.

Im Zuge der eingehenden Recherchen wurde deutlich, dass es unumgänglich ist den Begriff der „Wirbelsäulenhaltung“ zu erörtern, da zur objektiven Beurteilung eine allgemeingültige Definition von physiologischer Haltung bzw. Haltungsfehlern benötigt wird, genannte Begriffe aber in der Literatur nahezu durchwegs anhand subjektiver Kriterien definiert werden. Eine detaillierte Aufarbeitung bezüglich Normwertproblematik, Definitionsproblematik, Subjektivität und Qualität bezüglich der Haltungsbeurteilung ist in der vollständigen Arbeit nachzulesen.

Methodische Aufarbeitung

Es gibt Studien, wenn auch wenige, die zum Ziel haben durch instrumentelle Untersuchungsverfahren wissenschaftlich anerkannte, qualitativ hochwertige und objektive Ergebnisse zu erhalten. Es erfolgte daraufhin ein Vergleich von fünf verschiedenen Untersuchungsmethoden:
1.    Lasar-Posture-Gerät
2.    Spine Analysis System (SAS)
3.    3D-Analysegerät
4.    Haltungsindex von Fröhner und digitale Videographie
5.    MediMouse

Zu 3. 3D-Analysegerät: Zur Messung wurde ein Oberflächenabtaststift, das Messprogramm Winspine und ein Referenzdreifachmarker zum Befestigen am Körper benötigt. Zur Formbestimmung der Wirbelsäule wurden zwei Schulterpunkte (rechtes und linkes Acromion) und vier Beckenpunkte (SIPS und SIAS) markiert und dann mit dem Abtaststift die Dornfortsatzlinie von C7 bis S3 abgetastet. Dadurch entsteht eine virtuelle Ebene, zu der eine weitere Ebene steht. Auf diese Weise konnten Winkelwerte bestimmt werden.

Zu 5. MediMouse:
Die MediMouse ist ein neuartiges, computerunterstütztes, handtellergroßes Messgerät, das zur Bestimmung der sagittalen und frontalen Rückenform verwendet werden kann. „Das Gerät wird von Hand entlang der Haut oberhalb der Dornfortsätze geführt, dabei registrieren ein Laufband mittels Lichtschranke die abgefahrene Wegstrecke und ein Pendelpotentiometer den momentanen Winkel relativ zum Lot“1. Der Messkopf passt sich der individuellen Rückenkontur an und liefert die erhobenen Daten drahtlos an den Computer.

(Eine ausführliche Beschreibung der Untersuchungsmethoden 1, 2 und 4 ist in der vollständigen Arbeit nachzulesen.)

Ergebnisse und Diskussion

Das Ergebnis zeigte, dass das Lasar-Posture-Gerät, das SAS und die Haltungsanalyse durch den Haltungsindex von Fröhner Untersuchungsmethoden darstellen, die zwar vergleichbare Messergebnisse ermöglichen, jedoch ein Überwiegen an Subjektivität und Messungenauigkeiten vorweisen.
 
Das 3D-Analysegerät hingegen eignet sich als objektives Messinstrument und Screeningverfahren aufgrund hoher Messgenauigkeit und Validität2, gleichzeitig werden ein hoher Zeitaufwand und Vorkenntnisse des Untersuchers vorausgesetzt. Die MediMouse würde sich als objektives Messinstrument ebenfalls gut eignen, da objektive Ergebnisse erzielt werden können, das Gerät leicht anwendbar ist und die Messung nur eine Minute dauert. Nach Angaben der Erzeuger wird dieses Gerät bereits in der Praxis von vielen führenden Kliniken, ÄrztInnen und PhysiotherapeutInnen genutzt3. Die gute Reliabilität und Validität konnte bereits anhand wissenschaftlicher Studien nachgewiesen werden, jedoch nur mit Erwachsenen als ProbandInnen. Zum Zeitpunkt der Erstellung der Arbeit war eine Studie mit Kindern als ProbandInnen im Entstehen.

Schlussfolgerung

Das 3D-Analysegerät und die MediMouse eignen sich trotz einiger genannter Mängel nach dem heutigen Stand der Wissenschaft als objektive Untersuchungsmethoden zur Beurteilung der Haltung im Kindesalter. Sie würden sich zur Anwendung in der physiotherapeutischen Praxis eignen. Sie ermöglichen objektive Verlaufskontrollen und durch einen Sichtbefund vermutete Haltungsschwächen könnten evidenzbasiert mit Zahlen belegt werden.

Mit dieser Studie soll aufgezeigt werden, dass trotz Komplexität der Thematik gute Ansätze zur Objektivierung vorhanden sind, sich die klinische Forschung allerdings erst in den Anfängen befindet, weshalb es weiterer Untersuchungen bedarf.

Angelika Eckert PT

Die Diplomarbeit von Angelika Eckert, ist für Physio Austria Mitglieder im Volltext in der Diplomarbeitsdatenbank auf
www.physioaustria.at einzusehen.


1    N. Seichert, 1994, S.1.
2    V. Asamoah, 2000, S. 484
3    http://www.idiag.ch/uploads/tx_downloadmin/docs/Medimouse_D.pdf
4    Roiha, 2004, S.13.

Angelika Eckert PT

Autorin

Die 1984 geborene Wienerin studierte vier Semester Humanmedizin und arbeitete begleitend ehrenamtlich als Rettungssanitäterin beim Roten Kreuz. 2007 schloss sie die Ausbildung an der Akademie für den Physiotherapeutischen Dienst am SMZ Süd/KFJ-Spital Wien ab. Seit Oktober 2007 ist sie als Physiotherapeutin an der Klinik Bad Pirawarth tätig.

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