Die Voraussetzungen für die Fähigkeit zur Empathie sind u.a. eine ethische Grundeinstellung des/der TherapeutIn und die Fähigkeit, sich emotional „berühren“ zu lassen und die Qualität einer Beziehung wahrzunehmen. Es stellt sich die Frage, wodurch die Qualität einer Therapie gesteigert werden kann. Ausschlaggebend sind allgemeine psychische Stabilität und gesunde Selbstsicherheit, Reflexionsfähigkeit, Geselligkeit (auch Humor), mentale Gelassenheit und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Für TherapeutInnen ist im Praxisalltag für einen eigenen mental ruhigen und zentrierten Gemütszustand, d.h. für entspannte und zugleich fokussierende Wachheit und Achtsamkeit zu sorgen.
Wenn TherapeutInnen auf ihre Wahrnehmung achten, können sie ihre subjektiven Erfahrungen erkennen, die in eine phänomenologisch geprägte Therapie einfließen. Es ist der Weg, bei dem sie zum Schauen in einem Mentalitätszustand angeregt werden, zu dem es eine offene, neutrale Haltung braucht, um sich unabhängig von eigener, geprägter oder vorgefasster Wertung, den PatientInnen zu begegnen und sie zu sehen. Das objektive, fachspezifische, therapeutische Wissen kann mit der subjektiven Erfahrung zu einer neuen Objektivität geführt werden. Dabei handelt es sich nicht um eine separate, alternative Erfahrung, sondern um eine Integration des Subjektiven in der Wahrnehmung als Ergänzung zu einer sinnvollen, umfassenden Therapie.
Die Forschung stellt den Wert und die Bedeutung der körperlichen und mentalen Ruhe für eine Arbeit mit sensibler Wahrnehmung, wie beispielsweise den Tastsinn von TherapeutInnen, heraus. Bei aller Validierung, Standardisierung und Qualitätsprüfungen der Methoden ist auch heute eine Be-Handlung in der Physiotherapie nach wie vor eine phänomenologisch geprägte, dem Körper des/der PatientIn nachspürende Behandlungskunst. Eine geschulte, differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit unterstützt das TherapeutInnen-PatientInnen-Verhältnis, fördert dessen Effektivität und führt zu einem verstärkten Einfühlungsvermögen der TherapeutInnen. Die PatientInnen kann dadurch ganzheitlicher, also umfangreicher erfasst und behandelt werden. In den Wahrnehmungsfähigkeiten und der Aufmerksamkeitsausrichtung der TherapeutInnen liegt eine Ressource für die Qualität der Therapie.
Hier setzt eine Forschungsarbeit an, die untersucht, wie die Aufmerksamkeit erhöht werden kann und wie sich diese auf körperliche und geistige Funktionen der TherapeutInnen auswirkt. Die Forschungsarbeit mit dem Titel „Erforschung der Veränderung der Wahrnehmungsqualität und der Entspannung durch den Einfluss der physiotherapeutischen Maßnahme Ergosomamethode und die Bedeutung eines cerebralen, mentalen und vegetativen Gleichgewichts.“ bei Prof. Dr. med. Eduard David und Markus Köhl am Institut für Elektropathologie und Umweltmedizin (ZEPU) der Universität Witten-Herdecke zeigt, dass vegetative Entspannung und kortiko-kortikale globale Kohärenz (Vernetzungseigenschaft im Kortex) die Wahrnehmungsfähigkeit der Probanden fördert und bewusstseinserweiternd wirkt. Diese bewusstseinserweiternden Zustände fördern die Empathiefähigkeit der TherapeutInnen. In dieser aktuellen Forschungsarbeit wird die Veränderung der Wahrnehmungsqualität unter dem Einfluss der Entspannung untersucht. Dazu wurde exemplarisch die komplementär-therapeutische Maßnahme Ergosoma angewendet. Um die Wahrnehmungsfähigkeit zu testen, wurde die Betrachtung der Tafeln von Chartres eingesetzt und das Ergebnis der Wahrnehmungsleistung mit einer Wahrnehmungsqualität bewertet. Die Tafeln von Chartres sind ein Doppelbild, wie es häufig in der Neurowissenschaft verwendet wird, um einen binokularen Streit auszulösen.
Der Entspannungsprozess wurde anhand der Messungen des Vegetativ-Portrait durch die Parameter wie EKG, Hautwiderstand, Atmung, Sympathikus-Vagus-Aktivität oder EEG untersucht. Kortiko-kortikal konnte eine Zunahme der kohärenten Momente bis zu 85 Prozent festgestellt werden. Neue Wahrnehmungsmöglichkeiten des sensorischen Empfindens und des visuellen Schauens während eines Entspannungszustandes ließen sich messtechnisch aufzeichnen. Die Anzahl der wahrgenommenen Phänomene im Wahrnehmungsversuch nehmen zu, wenn ein entspannter Wachzustand vorliegt.
Entspannung führt zu einer Erweiterung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Eine entspannte mentale Grundhaltung, die Voraussetzung für Empathie ist, zeigt sich an der spezifischen Zusammensetzung des Wellenspektrums im EEG. Das Besondere bei vertiefter Wahrnehmung ist die auffällige Kombination von schnellen Betawellen für die Vigilanz in Kombination mit hohen Anteilen an langsameren Alpha- und Thetawellen für die Empfindungsfähigkeit. Eine solche Verteilung der Wellenspektren ist für ein Bewusstsein konzentrierter und zugleich entspannter, offener Aufmerksamkeit und kritischer Beobachtungsgabe charakteristisch. Üblicherweise tritt bei konzentrierter, fokussierter Betrachtung ein dominantes Betaspektrum auf und die Anteile der Alpha-Wellen nehmen stark ab. Der/die TherapeutIn ist in diesem Zustand ein kritischer Beobachter mit großer Offenheit und Neutralität. Er/Sie ist körperlich entspannt aber gleichzeitig hellwach.
Markus Köhl






