Die normale Trainingslehre ist nicht genug

Walter Lindlbauer ist eigentlich (Sport-) Physiotherapeut am Krankenhaus St. Josef in Braunau am Inn (OÖ). Eines Tages kam ein Freund zu ihm mit dem Ansinnen, an einem Marathon teilnehmen zu wollen. – Der Freund war Diabetiker. Und mittlerweile hält Walter Lindlbauer Vorträge und Schulungen über Sportausübung von Diabetikern.

Die Anfrage seines Freundes stellte Lindlbauer vor eine neue Herausforderung. Der Sport-Physiotherapeut fand schnell heraus, dass die bewährten Trainingsregeln nicht so einfach für seinen Diabetes-kranken Freund gelten konnten.

Denn „Unterzuckerung“ ist die häufigste und gefährlichste Komplikation bei Tabletten- und Insulinpflichtigen DiabetikerInnen. Als „Unterzuckerung“ gelten Blutzuckerwerte von weniger als 50 mg/ dl (normale Werte liegen zwischen 80 und 120 mg/dl). Die häufigsten Ursachen für Unterzuckerung, fand L indlbauer heraus, sind neben Diätfehlern und Überdosierung von Tabletten und/oder Insulin „außergewöhnliche körperliche Anstrengungen“. Darüber hinaus kann es zu Symptomen von Unterzuckerung auch kommen, „wenn schlecht eingestellte Diabetiker mit ständigen Werten oberhalb von 250 mg/ dl innerhalb kurzer Zeit in den Bereich um 100mg/dl oder darunter gesenkt werden“, so Lindlbauer.

Symptome der Unterzuckerung sind meist: Müdigkeit, Schwächegefühl, Heißhunger, Herzklopfen und Schweißausbrüche. Es folgen Konzentrationsschwäche, Sehstörungen, Stimmungsschwankungen und Wortfindungsstörungen. Im Endzustand kommt es zu Bewusstseinsstörungen mit Eintrübungen, selten auch zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen.

Daher sind Trainingspläne für Sport treibende DiabetikerInnen auf diese Problematik abzustellen. „Leichte Unterzuckerungen, die rechtzeitig erkannt werden, haben keine schädlichen Folgen“, so Lindlbauer, „daher sollte jeder Diabetiker sein individuelles Frühwarnsystem kennen und seinen Therapeuten sofort informieren“.

Geeignete Gegenmittel sind vor allem schnell resorbierbare Kohlenhydrate (z.B. in warmem Wasser gelöster Zucker oder mit Zucker gesüßte Säfte und Kompotte. Sie sind festen zuckerhaltigen Nahrungsmitteln wie z.B. Rosinen, Kuchen, etc. vorzuziehen). Wichtig ist vor allem die schnelle Reaktion auf die ersten Anzeichen. Daher sollten etwa zuckerhaltige Getränke in der Trainingstherapie immer zur Verfügung stehen.

 

Die wichtigsten Fragen, die sich für DiabetikerInnen bei körperlicher Belastung stellen sind laut Lindlbauer:

  • Wie viele Broteinheiten muss man zusätzliche essen?
  • Wie viele Einheiten muss man weniger spritzen?
  • Muss man währende der Belastung Zucker messen?
  • Muss man währende der Belastung Kohlenhydrate zuführen?

Das Unangenehme bei diesen Fragen: Es gibt keine allgemeingültigen Antworten. Denn „Sport ist nicht gleich Sport“. Dazu spielen zu viele individuelle Faktoren eine wesentliche Rolle: Art, Dauer und Intensität der Belastung; Art und Menge des injizierten Insulins; der zugeführten Kohlenhydrate; Tageszeit; Trainingszustand; aktueller Ausgangszucker; etc.

Tatsache ist, dass körperliche Belastung unterschiedliche Auswirkungen auf den Organismus von DiabetikerInnen und Nicht-DiabetikerInnen hat.

Für DiabetikerInnen ist es daher unerlässlich vor körperlichen Belastungen ihren Blutzucker zu messen. Bei Werten über 250 mg/dl gilt: Kein Sport und unbedingt einen Azetontest durchführen.

Wenn der Blutzucker in Ordnung ist, dann gilt laut Lindlbauer in jedem Fall: „Keinen falschen Ehrgeiz entwickeln“.

Und auch nach den sportlichen Aktivitäten gilt es, einige Dinge zu beachten. wobei punkto Erholungs- und Superkompensationszeiten deutliche Parallelen zur Trainingslehre zu erkennen sind.

Beispiel: Der Blutzuckerwert liegt nach der Belastung bei 80 mg/dl. Es werden 2 – 3 Broteinheiten (BE) eingenommen. Vor dem Zu-Bett-Gehen sollte der Blutzuckerwert nicht unter 120 mg/dl liegen, da sonst die Gefahr besteht, „durch den Muskelauffülleffekt in eine Unterzuckerung zu rutschen“ , so Lindlbauer.

Abgesehen davon, dass DiabetikerInnen, die sportlich aktiv sind, spezielle Trainingsprogramme benötigen, ist es Lindlbauers Anliegen, vor allem eine Botschaft an seine KollegInnen zu richten: Meistens kommen DiabetikerInnen erst mit Spätfolgen gezielt zu PhysiotherapeutInnen. Bei vielen KlientInnen wäre es aber vorteilhaft, bei der Erstellung eines Trainingsplanes auch den Nebenbefund Diabetes zu erheben.

Immerhin dauert es im Durchschnitt sieben Jahre, bis ein/e DiabetikerIn die Diagnose seiner/ihrer Krankheit bekommt. Denn erst dann machen sich körperliche Symptome bemerkbar – meist als nicht mehr (völlig) reparable Spätfolgen.

Otto Havelka

Walter Lindlbauer, PT

Leitender Physiotherapeut und Sportphysiotherapeut am Krankenhaus St. Josef in Braunau am Inn.

Lehrtherapeut an der Akademie für Physiotherapie in Ried und bei der spt-education (Gesellschaft für Fort- und Weiterbildung in Sportmedizin, Physiotherapie und Trainingswissenschaften).

Lehrtätigkeit am bfi Linz (Ausbildung von Diabetesfachkräften).

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