Die steirische Gebietskrankenkasse hat für alle österreichischen Sozialversicherungen ein Gesundheitsprogramm „Therapie aktiv“ entwickelt, in dessen Rahmen flächendeckend DiabetikerInnen betreut und geschult werden sollen. Auf PhysiotherapeutInnen hat man dabei „vergessen“, obwohl Bewegung und spezielle Trainingsprogramme für DiabetikerInnen eine entscheidende Rolle spielen.

Im Laufe der letzten 10 – 15 Jahre haben sich in allen Bundesländern medizinische Betreuungsprogramme für DiabetikerInnen etabliert, die sich in ihren Grundzügen ziemlich ähneln. Vor allem die Zielsetzung ist die gleiche: Laut Diabetesplan 2005 des (damaligen) Ministeriums für Gesundheit und Familie gibt es in Österreich 300.000 bis 350.000 DiabetikerInnen. Davon sind rund 90 Prozent Typ-2-DiabetikerInnen. Laut Schätzungen wird sich ihre Anzahl in den kommenden 20 Jahren verdoppeln. Eine kontrollierte und kontinuierliche Versorgung und Schulung der Betroffenen über den Umgang mit dieser chronischen Erkrankung hat für die Krankenkassen daher auch enorme wirtschaftliche Bedeutung.

Schlecht eingestellte Diabetes-PatientInnen weisen zum Beispiel ein 4- bis 10-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko auf und leiden oft unter Spätfolgen (Organ- und Gefäßschäden an Herz, Nieren, Augen, Nerven und Extremitäten), was die Krankenkassen teuer zu stehen kommt. Denn immerhin weist bereits mehr als ein Viertel der Diabetes-PatientInnen schon bei der Diagnose Spätschäden auf.

Eine frühzeitig beginnende und kontinuierlich durchgeführte Betreuung und Schulung der DiabetikerInnen dient daher dem Wohle der PatientInnen wie auch der Krankenkassen. Laut jüngsten Studien ist mit optimaler Therapie und Lebensführung der Betroffenen eine Reduktion des Risikos von Spätfolgen um bis zu 60 Prozent zu erreichen.

ExpertInnen sind sich einig, dass eine effiziente Betreuung und Schulung nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich ist. Als optimal gilt, wenn neben dem/der ÄrztIn DiätologInnen, Diabetes- BeraterInnen, PhysiotherapeutInnen und gegebenenfalls auch PsychologInnen bzw. SozialarbeiterInnen eingebunden sind.

Wesentliches Ziel, weil Grundvoraussetzung für eine effiziente medizinische Betreuung, ist die umfassende Aufklärung der PatientInnen über ihre Erkrankung und sie so zu schulen, dass sie ein möglichst hohes Maß an Eigenverantwortung im Umgang mit ihrer Krankheit entwickeln: Selbstständiges Blutzucker-Messen, Erkennen und richtiges Verhalten bei Über- oder Unterzuckerung, Verhalten auf Reisen und bei der Ausübung von Sport, Ernährung und Bewegungsprogramme, etc. Und wesentlich ist auch, die Angehörigen in diese Schulungen einzubinden, um Verständnis und Unterstützung für den Lebensstil des/der DiabetikerIn in der Familie zu fördern.

Nach den Richtlinien der Österreichischen Diabetes Gesellschaft umfasst eine Basistherapie immer:

  • Ernährungsumstellung
  • Gewichtsreduktion (der überwiegende Teil der Typ-2-DiabetikerInnen ist übergewichtig)
  • Schulung
  • Bewegung
  • Rauchstopp

Erst danach kommen Medikamente zum Einsatz, wobei diese niemals die Basistherapie ersetzen.

Speziell der Punkt „Bewegung“ ist in der Betreuung von DiabetikerInnen oft etwas unterschätzt. Genaue Empfehlungen über Art des Trainings, Frequenz, Dauer oder Intensität zählen nicht immer zum Standardprogramm, zumal auch nicht immer PhysiotherapeutInnen eingebunden werden. Man begnügt sich damit, dass Ausdauer- und Krafttraining generell positiv auf den Stoffwechsel wirken. Dabei ist gerade bei körperlichen Belastungen von DiabetikerInnen eine individuelle Feinabstimmung des Bewgungsprogrammes dringend von Nöten.

Neues Programm – altes Leiden

Das von der steirischen GKK entwickelte Programm „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ firmiert stolz als „Disease Management Programm“ (DMP). Sprich: Als interdisziplinäres ganzheitliches Konzept zur optimalen Versorgung von PatientInnen.

Im Rahmen dieses Konzeptes können sich AllgemeinmedizierInnen (HausärztInnen) und InternistInnen zu „Therapie aktiv“- ÄrztInnen schulen lassen. DiabetikerInnen können sich bei diesen ÄrztInnen ins Programm einschreiben lassen und verpflichten sich damit zu kontinuierlicher Betreuung und Schulung. Die Kosten werden von der jeweiligen Krankenkasse bezahlt, die Administration besorgt die GKK des jeweiligen Bundeslandes. Bislang wurde „Therapie aktiv“ in Wien, Niederösterreich, Salzburg, Tirol und in der Steiermark eingeführt. In Wien nehmen derzeit beispielsweise rund 3.000 DiabetikerInnen teil.

Im Wesentlichen funktioniert das Programm so: Der/die ÄrztIn führt eine Erstuntersuchung durch und formuliert mit den PatientInnen (erreichbare) Behandlungsziele. Die PatientInnen kommen vierteljährlich zur Kontrolle und es wird ein Schulungsprogramm vereinbart. Diese Schulungen können von den ÄrztInnen an „Diabetes-BeraterInnen“ (die sich wie die ÄrztInnen vorher selbst einer Schulung unterzogen haben) delegiert werden.

Und hier weist das Programm einen gravierenden Mangel auf. Denn Diabetes- BeraterInnen können ausschließlich DiätologInnen und DGKS sein. PhysiotherapeutInnen können dezidiert nicht eingebunden werden, versichert die Sprecherin von Therapie aktiv, Silvia Schemeth, auf Anfrage des inform.

Es scheint, als hätten hier einige ProjektentwicklerInnen noch ein paar Stunden nachzusitzen – etwa bei der Erstellung einer Leitlinie zur DiabetikerInen-Versorgung. Denn auch „Therapie aktiv“- ÄrztInnen scheinen das „bewegungslose“ Schulungsprogramm nicht zu verstehen. „Ich gehe davon aus, dass Schulungen auch von PhysiotherapeutInnen durchgeführt werden können“, beteuerte ein Funktionär der Wiener Ärztekammer.

Otto Havelka

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