inform: Wer sich mit dem Thema Skoliose beschäftigt, stößt zwangsläufig auf die dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth. Deren Entwicklung liegt mittlerweile 90 Jahre zurück. Wie kam es dazu?
Lehnert-Schroth: Katharina Schroth, meine Mutter, litt in der Pubertät selbst an einer Skoliose und musste ein Stahl-Korsett tragen, welches sie sehr einengte und ihr Erscheinungsbild verunstaltete. Jeder Blick in den Spiegel oder in ein Schaufenster zwang sie förmlich, das zu ändern. So übte sie daheim in ihrem Zimmer zwischen zwei Spiegeln in ihre eingesunkene Seite zu atmen. Den Anstoß dazu gab ihr ein undicht gewordener Gummiball, dessen Delle mit Luft gefüllt werden konnte. Sie fühlte, dass die eingeatmete Luft auch die eingesunkenen Rippen mit nach außen wölbte, und sie sah im Rückspiegel, dass sich auch die Wirbelsäule mit bewegte. Das Atmen nach der Seite war der Anfang. Das genügte ihr allerdings nicht, weil diese Rippen ja nach unten verliefen. Sie mussten aber nach oben, also seitwärts und kopfwärts verlaufen. So entstand die sogenannte Rechte-Winkel-Atmung. Auch das war noch nicht ausreichend, weil diese Rippen sich zusätzlich noch nach hinten einordnen sollten. Also wurden sie nach hinten und noch einmal kopfwärts „geatmet“. So fügte sich ein Mosaiksteinchen an das andere. Da die Rippen mit den Wirbeln verbunden sind, drehten sie auch an der Wirbelsäule. Das war dann die sogenannte Dreh-Winkel-Atmung. Interessant dabei ist, dass nicht etwa der Rippenbuckel beatmet wurde. Nein, dieser zog sich dadurch automatisch mit zusammen und bekam zusätzlich noch eine Korrekturatmung von der engen Vorderseite her. Katharina Schroth entwickelte auf diese Weise nach und nach Atemübungen zur Verbesserung ihres Erscheinungsbildes. Wie sie ganz genau vorging, hat sie in einem Artikel „Das Gegenbild schaffen“. beschrieben. Dieser Artikel ist auf der Website www.schroth-skoliosebehandlung.de nachzulesen. Darin wird auch verständlich, wie akribisch genau sie bei ihrer Selbstbehandlung vorging.
inform: Aber wie entstand daraus eine Therapiemethode? Woher kamen die PatientInnen?
Lehnert-Schroth: 1921 begann sie, auch PatientInnen mit ihrer Methode erfolgreich zu behandeln. Sie erklärte ganz genau, warum diese Körperregion nach dieser Richtung und nicht nach jener Richtung zu ordnen ist. So wurden die PatientInnen gleich mitgeschult und wussten auch daheim, wie sie weiterüben sollen.
1924 wollte sie ein halbes Jahr pausieren, da ich zur Welt kam. Die Mutter des 12-jährigen Horst, den sie behandelte, protestierte: „Jetzt, wo mein Horst so schön geworden ist, wollen, Sie ihn wegschicken?“. Die Eltern entschieden sich daraufhin, den Jungen zu einem berühmten Orthopäden zur Privat-Behandlung zu geben, um das halbe Jahr gut zu nutzen. Katharina Schroth dachte, dass Horst in diesem halben Jahr inzwischen gerade geworden sein könnte und dachte nicht weiter darüber nach.
Als sie Jahre später den inzwischen 16-jährigen Horst sah, erschrak sie und konnte es nicht glauben. Die Familie ging mit zu einer Übungswiese, wo die PatientInnen warteten. Dort zeigte die Mutter eine Liste der verschriebenen Übungen.
Diese waren das reine Gegenteil von dem, was Schroth machte. Die PatientInnen sagten: „Wir wissen das schon lange, dass Sie das Gegenteil von dem machen, was wir früher üben sollten“. Nur Katharina Schroth wusste das eben nicht. So wurde sie mit den damals üblichen Schwedischen Umkrümmungs-Übungen konfrontiert. Dabei musste bei einer thorakalen Rechtsskoliose der Oberkörper nach rechts gebogen werden, um die linke Seite zu weiten. Das erzeugte eine Lendenkrümmung nach links mit herausstehender Hüfte und einen Knick unterhalb des Rippenbuckels. Von Atemübungen keine Spur. Horst musste außerdem den Oberkörper gegen den Beckengürtel nach hinten drehen, was den Rippenbuckel enorm vergrößerte.
inform: Das klingt alles sehr empirisch. Wo ist der Schritt zur Methode und zur theoretischen Untermauerung?
Lehnert-Schroth: Katharina Schroth hat jahrelang mit PatientInnen geübt, ehe sie eine theoretische Erklärung für das, was sie tat, fand. Sie kam auf die Idee, den Rumpf in „Blöcke“ einzuteilen, nämlich in Beckengürtel-, Rippenkorb- und Schultergürtel-Block. Da sie meist nur sehr schwer verkrümmte PatientInnen vor sich hatte, konnte sie an ihnen ablesen, dass diese drei Blöcke gegeneinander verschoben und verdreht sind. Nun übte sie nach der Erkenntnis, dass bei der Behandlung solcher Formfehler das Gegenbild von dem, was der Körper zeigt, anzustreben ist. Sie sah auch ganz klar, dass die Blöcke nicht nur gegeneinander nach der Seite hin verschoben sind, sondern dass sie auch noch gegeneinander verdreht sind und wieder entdreht werden müssen.
Das Wort Orthopädie stammt aus dem Griechischen: orthos heißt gerade und pädaien heißt erziehen. Eine Gerade-Erziehung ist also der Sinn der orthopädischen Behandlung. Da Katharina Schroth noch die gezielte Atmung zu Hilfe nahm, entstand der Begriff der Atmungs-Orthopädie.
Schroth beugt niemals den Oberkörper, weder nach der Seite, noch nach hinten, sondern neigt den Oberkörper nach der thorakalen Konkavseite, – bei thorakaler Rechtsskoliose also nach links – und beatmet die weitgestellte linke Seite im dreidimensionalen Sinne, so dass die Rippen als lange Hebelarme zum Entdrehen der Wirbelsäule benutzt werden. Im Laufe der Zeit haben sich für jede Skolioseform entsprechende Übungen herausgebildet, die ich in meinem Buch „Dreidimensionale Skoliosebehandlung-Atmungs-Orthopädie System Schroth“ reich bebildert beschrieben habe. Katharina Schroth hatte ihre Behandlungsweise Atmungs-Orthopädie genannt, weil dieses Wort den Kern der Sache treffen würde. Das stimmt wohl. Aber sie wurde damit in die Außenseitermedizin abgedrängt und bekämpft. Erst als sie ihre Methode Dreidimensionale Skoliosebehandlung nannte, wurde sie damit akzeptiert.
inform: Skoliose spielt also schon in Ihrer Jugend eine zentrale Rolle …
Lehnert-Schroth: Mein Leben war immer mit dem meiner Mutter verwoben. Schon als Kind bekam ich verschiedene Aufgaben. So musste ich nach Erledigung meiner Schulaufgaben bei der Gruppenbehandlung allen PatientInnen helfen, z.B. ihr Schulterblatt an der dicken Seite zu ordnen. Oder ich bekam die Aufgabe, einen Arm in eine bestimmte Richtung zu ziehen oder den Kopf in die richtige Richtung zu ordnen. So wuchs ich nach und nach in die Schroth’sche Skoliosebehandlung hinein. In meiner Krankengymnastikausbildung habe ich noch das Klapp’sche Kriechverfahren kennengelernt, das durch das Kriechen im Kreis auch die Schwedische Umkrümmungs-Idee beinhaltet. Ich habe auch die Niederhöffer-Übungen erlernt. Diese sind jedoch auch nur eindimensional. Für Skoliose hatte man nichts Spezifisches zu bieten.
inform: Die von Ihnen gegründete Katharina Schroth-Klinik feiert heuer ihr 50-jähriges Jubiläum. Wie geht es weiter?
Lehnert-Schroth: Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Schwedischen Umkrümmungs-Übungen endlich aus der Skoliosebehandlung verschwanden. Auch das Klapp’sche Kriechverfahren gibt es nicht mehr. Die Niederhöffer-Übungen sieht man hier und da noch. Seit 1961 habe ich zusammen mit meiner Mutter die Katharina-Schroth-Klinik in Bad Sobernheim ins Leben gerufen. Wir übten – wenn irgend möglich – vorwiegend im Freien. Ich habe damals begonnen, Kurse für KrankengymnastInnen zu geben und auch Vorträge und Kurse im In- und Ausland abzuhalten. 1995 habe ich unsere Katharina-Schroth-Klinik an die Asklepios-Gruppe übergeben, die eine schöne neue Klinik errichtet hat. Dort wird nach Schroth behandelt. Außerdem gibt es Kurse für in- und ausländische TherapeutInnen aus aller Welt. So hoffe ich, dass nun auch in Übersee die Schroth-Methode bald überall angewendet wird. Schließlich ist sie in meinen Augen die einzig hilfreiche.
Interview: Otto Havelka






